Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 36.1923 (36)

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' II. was das Aufgabengebiet des Schulvorstandes angeht, so 
ist es ähnlich so abgegrenzt wie bei den Schuldeputationen. Doch 
find einige Unterschiede vorhanden. Zu den äußeren Schulangelegen 
heiten, welche die Gemeindeorgane regeln, gehört in Landgemeinden 
mit einem Schulvorstande nicht die Verwaltung des Vermögens 
des Schulverbandes; diese ist §aä>e des Schulvorstandes. Der 
Schulvorstand ist im Gegensatz zur Schuldeputation auch nicht Organ 
des Gemeindevorstandes, sondern untersteht direkt der Kommunal- 
und Schulaufsichtsbehörde, also dem Landrat bzw. der Bezirks- 
regierung. 2m Auftrag der letzteren hat er auch Schulaufsichts 
rechte auszuüben, über diese heißt es in der Ausführungsanweisung 
vom 6. Nov. 1907: „Der Schulvorstand hat dafür zu sorgen, daß 
die Volksschule in angemessener weise ausgestattet wird, daß die 
Gebäude nebst Zubehör und Ausstattung, daß Lehr- und Lernmittel 
erforderlichenfalls vermehrt und verbessert werden, daß die Besol 
dungen der Lehrer innerhalb der gesetzlichen Vorschriften angemessen 
gestaltet werden. Er hat darauf zu hatten, daß die Schulgebäude 
sorgfältig gereinigt, gelüftet und geheizt werden, daß Gebäude und 
Einrichtung, Lehr- und Unterrichtsmittel in gutem Stande erhalten 
werden. Er muß darauf achten, daß die festgesetzten Ferien inne 
gehalten, daß Beginn und Ende des Unterrichts in der vorgeschriebenen 
Zeit erfolge, die Türen zum Schulgebäude rechtzeitig geöffnet werden 
und dgl. - Der Schulvorstand hat endlich die Verbindung zwischen 
Schule und Elternhaus zu fördern, bei der Verfolgung der Schul» 
Versäumnisse nach näherer Anweisung der Schulaufsichtsbehörde mit 
zuwirken. - Er soll das Verständnis der Einwohner und das Interesse 
der Eltern an der Schule beleben und fördern, soweit möglich an 
der Einrichtung von Elternabenden, Vorträgen, Schulfesten mitwirken. 
Er hat darauf hinzuwirken, daß für arme Schulkinder durch Be 
schaffung freier Unterrichtsmittel, Verabreichung von Frühstück, Suppen 
küchen. trockenes Schuhwerk usw. gesorgt wird. — Der Schulvor 
stand ist zu hören, sowett bei der Festsetzung der Unterrichtszeit und 
bei der Grdtmng der Ferien die besonderen örtlichen Verhältnisse 
zu berücksichtigen sind. . .* 
Aus diesen kurzen Darlegungen ist ersichtlich, wieweit die Rechte 
des Schulvorstandes gehen, und es braucht uns darum nicht zu 
wundern, daß es in dem engen Ureis des Dorfes und in der nahen 
Berührung der Menschen leicht zu Zusammenstößen kommen Konnte, 
wodurch leider so oft das erziehliche wirken der Schule gelitten hat. 
Die nunmehrige stärkere Beteiligung der Lehrer und Lehrerinnen im 
Schulvorstande wird hoffentlich dazu beitragen, mehr Verständnis 
für die Arbeiten und Schwierigkeiten der Schule bei den Hütern 
der Schulintereffen auf dem Lande zu wecken, und einen befferen 
Ausgleich herbeizuführen zwischen jenen, die in gemeinsamer Arbeit 
an der Erziehung der Jugend zu wirken berufen sind. 
Literatur: 1. Marx. Vas Gesetz betr. die Unterhaltung der öffentlichen 
Volksschulen, Köln 1 1 j08, zu beziehen durch das Generalsekretarial der 
Rheinischen Zentrumspartei, Köln, Rubensstr., 0,80 JL nebst Zuschläge. 
2. Abänderung der Bestimmungen über die Zusammensetzung der Schul- 
deputationen, Schulvorstände und Schulkommissionen. Schulorganisalion, 
Düsseldorf, Wilhelm-Tellstr. 16. 1 J(. 
„Kulturleben an der Saar." 
(Saarbrücker Druckerei und Verlags-Gesellschaft.) 
vor mir liegen ein paar hefte der Monatsschrift, die obigen 
Titel führt und am 15. jeden Monats in Saarbrücken erscheint, 
hauptschristlelterin ist unser Vorstands- und Vereinsmitglied Maria 
Treffe!. 
wenn treugesinnte Familienmitglieder auseinandergeriffen werden, 
erlischt nicht das Gefühl der Zugehörigkeit, der Liebe, der Teil 
nahme, der Jntereffcs, im Gegenteil: es stammt meist stärker auf, 
es wird kraftvoller und echter. Zeit und Umstände gestatten nicht 
immer einen mündlichen Austausch, einen schriftlichen Verkehr; den 
noch spürt jeder Blutstropfen: herz schlägt zu herz, Geist flammt 
zu Geist. 
„Kulturleben an der Saar" dürfte uns vereinsmitgliedern 
nicht so fremd sein, wie es den meisten von uns ist. Unsere Schwestern 
reden darin von ihrem Arbeitsfeld, von ihrem Arbeitswillen, von 
ihrer Arbeitskraft, reden von ihrer Sorge und ihrer Liebe und von 
ihrer Treue. 
Die letzten Nummern pnd leider nicht zu mir gekommen; so 
Greife Ich ein und dar andere heft au» dem Jahrgange 1922 her 
aus. um, indem ich es näher rücke, mit Ziel und Art der ganzen 
Herausgabe etwas vertraut zu machen. - Zunächst einmal die In 
haltsangabe eines Heftes Nr. 9, September 19^:2. Inhalt: Ernst 
Thrasolt: hämwieh. - Di*. KI. Faßbinder: Die Idee der Volks« 
gemeinschast und ihre Pflege in der Schule. - ITT. Treffe!: Nibe 
lungentreue. - Luise Zenker: Eine Insel. - Fritz Konz: Ausklang. 
- TU. Müller: Gedanken über ethische Grundfragen der Gegen 
wart. - A. Friedrich Binz: Thomas Mann. - Alexander Baldus: 
Zur neukalholischen Literatur. — Bücherschau: Kardinal Newman. 
- Lehrerkammer. - Mitteilungen. - Bezug der Zeitschrift. 
Es würde zu wett fuhren, auf die einzelnen Beiträge näher ein 
zugehen, aber für einige wenige Sätze aus dem einen oder anderen 
Artikel dürfte Kaum da sein, sie geben zugleich Zeugnis von dem 
Odem des Geistes, der in allen weht. 
Deutschland, 
von Dr. Herbert Kranz. 
was ist es mit diesem Wort? 
Um dieses Namens willen, im Zeichen dieser Wortes leiden wir 
alle; leiden wirrsal, Unruhe, Entbehrung, Not, Verachtung, und 
der Jammer dieses Weges ist so groß, daß viele von uns unter 
seiner Last verzweifeln und zugrunde gehen. Aber nur der ver 
zweifelt, wer den Sinn feines Leidens nicht mehr ahnen kaun. 
Die Deutschen sind alle gezeichnet; aber es liegt an uns, ob 
dieses Mal das Zeichen des Untergangs oder das Zeichen des Auf 
gangs wird, wer nicht im Zeichen des Untergangs steht, der 
empfindet den Bann des magischen Wortes „Deutschland" auch heute 
noch als so lebendig, daß auch auf diesem Wege des Jammers das 
Gehen zum Schreiten wird — denn es ist umfloffen vom heroischen 
Lichte eines Zinnes. 
Um diesen Sinn wollen wir uns bemühen. Bemühen - denn 
wir dürfen nicht vergeffen: Die Kraft des Begriffes Deutschland 
schufen lebendige Deutsche vor uns, indem fie im geistigen Ringen 
ihr Leben einsetzten, suchten, irrten, starben, oft ohne Hoffnung und 
nicht selten im Elend. Darum ist es nicht erlaubt, den Namen 
„Deutschland" anzurufen, wie den einer Mutter, in deren Umarmung 
die Frage nach dem Ziele des Weges verstummt. Es geht um das 
Vaterland, und das Vaterland ist nur da fruchtbar, wo es als Auf 
gabe gefaßt wird, wir dürfen nicht verweilen. Und wenn wir 
verweilen, so sei es nur, um bester weiter zu können. Es wirb 
erzählt, es sei Kriegsbrauch gewesen, das heiligium der Soldaten, 
die Fahne, in die Mitte der Feinde zu werfen, um fo einen jeden 
zum wildesten Kampfe um das panier anzufachen. So wollen auch 
wir tun. wir wollen sagen: Deutschland ist nicht, aber du, Mensch, 
lebe so, daß es in dir werden kann. Deutschland heißt die Auf 
gabe, die uns gestillt ist. Deutschland liegt vor uns. Lebe 
ein jeder so, daß das Gericht der Späteren sagen taun: wo 
er stand, da war Deutschland. 
wir wollen uns um unser Vaterland bemühen. Diese Bemühung 
wird uns Süße schenken, aber wir wollen auch keiner fruchtbaren 
Bilternis aus dem Wegs gehen. Es ist so menschlich, immer nur 
im Wohligen verweilen zu wollen, aber wir wiffen, wir dürfen es 
nicht. Bitternis wird uns vor einlullendem Selbstlob wach hatten. 
wir sind auf der Suche nach dem Vesten in uns und wollen 
des Fragens nicht müde werden, wir sind mutig genug, auch das 
Beste in uns immer wieder einer Frage würdig zu hatten. Und 
wer daran irre wird, der halte sich vor Augen: nie war der Deutsche 
sich fremder, als wenn er meinte, sich gefunden zu haben; er kam 
seinem Wesen am nächsten, wenn er auf der Suche nach sich war. 
(„Die Masken* 16. Jahrg. 7. hr'.t.) 
Aus: Nibelungentreue. 
Überhaupt herrscht in vaterländischen Dingen eine kaum glaub 
liche Intereffenlosigkeit. Zur Entschuldigung sagt man dann: „Ich 
bekümmere mich nicht um die Politik". Die Politik ist eben etwas 
anrüchig bei uns, und da glaubt man in der Achtung zu steigen, 
wenn man sich nicht damit abgibt. Die ganze Gegenwartsgeschichte, 
die man später mit viel Fleiß und Intelligenz in den Büchern studiert, 
bezeichnet das gegenwärtige Geschlecht (mit großen Ausnahmen 
natürlich) als Politik, um die Feigheit und Trägheit in vaterländischen 
Dingen rcchtferttgen zu können. 
- Man macht allerdings - nicht ganz mit Recht, wie mir scheint - 
für. diesen Mangel an Verständnis für die Aufgaben der Gegenwart»
	        

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