Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 38.1925 (38)

Nr. 1 
38. Jahrgang 
Paderborn, 3. Januar 1925 
/ Inhalt: 3u neuen Ufern lockt ein neuer uag 5. I. Ein neues Jahr — 
ein neues hoffen S. 1. Müller, wünsche für die religiöse Vorbildung des 
Erziehers S. 3. Mleinek, Deutschkunde 5. 4. pädagogische Rundschau: 
Rrbeitsschulgedanken im Religionsunterricht S. 8. Lehrerbildung in der 
Tschechoslowakei 5. 9. Meinungsaustausch: Ein praktisches Rechenlehr- 
mittcl. Uus der Zeit: Lehrerkammer Berlin. Düsseldorf. Recklinghausen. 
Danzig, pädag. Institut, amtliches: Runstausschüsse, aus unserem 
verein: Versammlung der Mittelschullehrerinnen. Unterstützungskasse, heim 
Zoppot. Bczirks-u.Zweigvereine. Merktafel. Stellenvermittlung. 
Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag. 
Süll ist das Jahr 1924 zu Ende gegangen. Es war - 
so hoffen wir zu Gott - ein Jahr des Übergangs: nicht 
mehr so bitter schwer wie das vorhergegangene, aber 
doch nur so langsam beginnend, uns zu lösen von tiefer 
Not, daß viele meinen, es sei noch nichts besser geworden. 
Man bann das verstehen angesichts der noch immer so 
riesengroßen Not unseres Volkes, das immer wieder die 
eine Lehre in tausendfacher Oual erleben mußte: daß 
von außen Keine Hilfe zu erwarten ist. Nile Einsichtigen 
und wohlmeinenden aber haben erkannt, daß es einen, 
aber auch nur den einen weg aus dem Dunkel gibt: die 
innere Gesundung des Volkes. 
Die Hand ans Werk denn! Nicht rückwärts schauen 
und klagen, sondern vorwärts wollen mit sieghaftem Mut! 
über glauben müssen wir, daß jenseits der trüben Wasser 
unserer Not wirklich ein neuesUfer ist, das wert ist, er 
obert zu werden: der Friede für unser armes, zerrissenes 
Volk, der Friede, der nicht von außen kommt, sondern 
»7us der sittlichen Stärke. 
Tragen wir ein Leuchten dieses Friedens in uns, die 
wir berufen sind, Lehrer des Volkes zu sein, damit es 
auch unserer Jugend scheine und sie lehre, nach dem neuen 
Ufer in der Ferne zu schauen und sich zum Fluge zu rüsten. 
* Daß wir im neuen Jahre so unseren Beruf erfüllen und 
unsere Gemeinschaft im Berufe immer freudiger erleben, 
das wünscht der verein katholischer deutscher Lehrerinnen 
seinen Mitgliedern zum neuen Jahre, so daß es werde 
ein schaffensfrohes, ein gesegnetes Jahr. 
Zum neuen Zahr - ein neues hoffen! 
Besinnlicher zur Jahreswende. 
In der Nbficht, meinem lieben Lehrerinncnverein zum Jahres 
wechsel einen Wunschbrief zu schreiben, sitze ich am Schreibtische. 
Die Gedanken sollen sich erst ordnen; da blättert die Hand ohne 
sweck und Ziel in einem Buche, das da liegt. Ich habe noch nicht 
hineingesehen; denn erst vor wenigen Tagen wurde es mein eigen. 
„Gotteswerke und Menschenwege" ist sein Name, sein kostbarer 
Inhalt sollen biblische Bilder von Gebhard Fugel mit tiefen, er 
schütternden und tröstlichen Gedanken von P. Lippert sein. Ich 
schlage auf, und meine Nugen sind gebannt von einem eindrucks 
vollen Bilde: im gelb-weißen Sonnenglaste einer endlosen Steinwüste 
lehnt an einem nackten Felsblock eine schlafende Männergestalt. 
Das Haupt ein wenig zurückgelehnt, die ernsten Züge überdüstert von 
dem kargen Schatten eines Wacholderbusches, Stirnfurchen und Mund 
winkel gesenkte Linien, wie von Übermüdung und Überdruß herab 
gezogen, die Glieder in Erschlaffung ausgestreckt, der rastlose Wander 
stab zur Untätigkeit verurteilt. Neben dem Schlafenden eine Licht 
gestalt in gütiger, aber heischender Haltung: der müde Mann soll 
geweckt werden, damit er den feiernden wanderstab weiterführe 
über den Erdkreis . . . Neben diesem Bilde stehen einige wunder 
tiefe Gedanken über „Elias in Mutlosigkeit". Ich habe sie gelesen und 
wieder gelesen, und ein Satz ist dabei ganz lebendig geworden: „wenn 
sie am Ende ihrer Kraft sind, dann läßt er ihnen sagen, daß sie 
am Nnfang eines weiten Weges stehen." Nun weiß ich, was ich 
dem Lehrerinnenverein sagen möchte! 
Vas Jahr, von dem wir Nbfchied nehmen, hat mich mit vielen 
zusammengebracht, die am gleichen heiligen Werke schaffen dürfen 
wie ich: rasche und zaudernde, gebende und nehmende, laute und 
leise, schaffende und denkende, frische und müde waren darunter, 
und zwar ziemlich gleichmäßig verteilt über Stadt und Land, unter 
Nit und Weniger-Nlt, unter Führende und Geführte; bei allen glaube 
ich, etwas von der „Mutlosigkeit des Elias" verspürt zu haben. 
Es konnte temperamentvoll geäußert werden oder sich in Klagen 
ergießen über die immer schwieriger werdende Berufsarbeit, es konnte 
sich kundtun in einem einzigen grüblerischen Worte oder auch nur 
in einem leisen Zug von Müdigkeit um Mund und Nugen, es war 
da. Daß ich ein so besonders feines Gefühl habe für diese Elias- 
stimmung „Herr, ich habe genug", mag ja wohl daran liegen, daß 
ich zu dem großen katholischen Optimismus noch nicht ganz durch 
dringen kann und mich mehr vor „Jezabel" fürchte, als nötig und 
erlaubt ist. 
wenn ich sagte, daß etwas von der Mutlosigkeit des Elias in 
weilen Kreisen unserer Vereinsmitglieder und Berufsschwestern zu 
verspüren ist, dann kommt sie zunächst aus dem Berufsleben, aus der 
Nrbeit an der Jugend in Unterricht und Erziehung, wer mit all 
seinen Kräften sich müht, bei der Unterrichtsarbeit den neuen Forde 
rungen auch gemäßigter Ueformen gerecht zu werden, stößt dabei 
tagtäglich auf allerhand sehr schmerzliche Unzulänglichkeiten. Die 
Einrichtungen der Schulen, die Lehr- und Lernmittel halten mit den 
Nnforderungen der Zeit nicht gleichen Schritt; die Unzulänglichkeit 
unserer Nusbildung macht sich hier und da peinlich fühlbar, die 
herbartschen Formalstufen stehen immer noch hemmend, fast drohend 
auf dem Wege der frisch-fröhlichen Selbst- und Eigentätigkeit der 
Kinder. Wir fühlen sehr deutlich bisweilen, daß eine in geraden 
Reihen sitzende Klasse, die nur durch eine von uns ausgesprochene 
Frage in Bewegung gesetzt wird, unsern zerriebenen Nerven be 
deutend angenehmer wäre als dieses lebendig?, fordernde Me^fchen- 
völklein, das in Heller Schaffensfreude feine Kräfte wachsen fühlt.
	        

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