Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 38.1925 (38)

was ist größer als. Seelen zu gestalten, als die Sitten der Jugendlichen zu bilden? 
wahrlich herrlicher als jeder Waler, als jeder Bildhauer, als alle Künstler dieser 
6 r L erscheint mir jener, der die Seelen der Jugend zu bilden versieht. 
(Brevier vom 28. 8. des HI. Joseph Calasanlis III. Nokriurn. LIus Zoh. Lhrysostomus Kap. 18 MaiLH. hom. 60.) 
W2*SaSMSS^&Z 
Ich weiß nicht, ob ich es richtig sehe; aber mir scheint, auch die 
jenigen Berufsschwestern, die äußerlich alle reformerifchen Gedanken 
von sich abwehren, können doch nicht vor ihnen zur Ruhe kommen, 
wenigstens viele nicht, und das sind dann diejenigen, die bei jeder 
Gelegenheit, auch ganz unaufgefordert, ihren widerstrebenden Stand 
punktzu den Neuerungen klarlegen, wenn sie nicht die Notwendigkeit 
fühlten, sich damit auseinanderzusetzen, irgendeine Stellung dazu 
zu gewinnen, würden sie das doch wohl nicht tun. Oh nun die 
Mutlosigkeit in der Unterrichtsarbeit aus einem Nichtkönnen oder 
Nichtwollen kommt, sie lähmt im einen und im andern Falle. Ob 
wir auf dem rechten Wege sind, wird sich ja wohl erst erweisen 
können, wenn die Ausrüstung für diesen weg zweckentsprechender 
geworden ist. Um aber den Kommenden wirklich dar rechte Rüst 
zeug in der künftigen Lehrerinnenbildung geben zu können, muß 
Pionierarbeit geleistet werden. Pionierarbeit ist schwer und un 
dankbar. Uber unfruchtbar braucht sie nicht zu sein, sie würde es 
auch nicht fein, wenn wir mehr schlichte Selbstverständlichkeit und 
größeres gegenseitiges vertrauen zueinander hätten. Fast wirkt es 
wie Schickfalsironie, daß im Zeitalter der kollegialen Schulleitung und 
der gegenseitigen Klaffenbesuche jeder besonders ängstlich bemüht ist, 
feine Urbeit zu verbergen. Die „alte" und „neue" Methode bringen 
eine Spaltung in die Gemeinschaftsarbeit größerer Kollegien, die 
auch nicht durch ein gelegentliches Scherz- oder Spottwort überbrückt, 
sondern nur vertieft werden kann. Im Grunde genommen experi 
mentieren wir alle, müssen es ja auch auf Grund neuer Lehrpläne, 
Verordnungen und Bücher, selbst wenn wir cs nicht wollten. Und 
well wir festes Land unter den Füßen verloren haben, find wir 
mißtrauisch geworden gegeneinander. Ich wünschte mir in der 
Schule und im Verein Mitarbeiterinnen, die mir glauben, wenn ich 
eine Unzulänglichkeit eingestehe, daß cs mir wirklich um einen Rat, 
eine l)ilfs und nicht um ein Uompliment geht . . . 
was aber die Hrbeit in unserm schönen Berufe in den Rriegs- 
jahren so besonders schwer gemacht hat und sie in den Uachkriegs- 
jahren immer schwerer werden läßt, ist die Erziehung unserer ge 
sundheitlich, geistig und sittlich vielfach so sehr verwahrlosten Rinder. 
Denn diese Erziehung hat heute mehr denn je mit Einflüssen einer 
Umwelt zu rechnen, die uns abstoßend erscheint und unserm rast 
losen Bemühen so stark entgegenarbeitet, daß wir wirklich manchmal 
aus tiefstem Herzensgrunds sagen möchten „Herr, ich hab? genug'" 
Ein verständnisloses, unvernünftiges oder gar verrohtes Elternhaus, 
dis tausend Gefahren der Straße, der materialistische, antireligiöse 
Zeitgeist zerzausen immer und immer wieder das mühevolle Er- 
ziehungswerk an unfern Rindern, wir möchten mit ihnen gehen, 
wenn sich das Schulior hinter ihnen schließt, um sie auch in den 
Erholungsstunden vor dem Gifthauch der Sünde zu bewahren; wir 
möchten sie nicht von der Hand lassen, wenn sich die Schulpsorten 
für immer hinter ihnen schließen, um sie festzuhalten, wenn des 
Lebens brausender Strudel sie ergreift; wir möchten,.aber wir können 
nicht, und das macht müde und mutlos. Es gibt wohl nicht mehr 
viele, die heute noch meinen, die wenigen Renntniffe, die wir unfern 
Rindern mitgeben können, wären mehr oder auch nur ebensoviel 
wert wie ihre Erziehung. Und trotzdem ist es schwer, um eines 
erziehlichen wertes willen auf Unterrichtsergebnisse zu verzichten, 
wir sind da doch noch sehr unfrei: die Fesseln, die wir nachschleppen, 
heißen: Lehrplan, Ehrgeiz, Schulmeisteret; vielleicht sind auch noch 
andere da, die weniger deutlich klirren. Uls Mädchenerzieherinnen 
fühlen wir so stark, daß wir ihnen aus unserm Frauentum, aus 
unserer geistigen Mütterlichkeit heraus geben müssen, war sie später 
hin befähigt, am Rulturwerke mitzuschaffen in treugewahrter Eigen 
art und tief empfundener Verantwortlichkeit. Gerade in die Mädchen 
seele müßen werte gesät werden, die aufkeimend und fruchttragend 
sie schützend einhüllen gegen all das, was sich heute gegen Frauen- 
würds und Frauenehre in Roheit, Schamlosigkeit und Gier andrängt, 
wi? sollen wir's machen! wie die rechten Worte und Wege finden, 
wo es sich doch heute bei den uns anvertrauten Rindern vielfach 
um junge Menschen handelt, die durch Wohnungsnot und allgemeine 
Sittenverderbnis aufs schwerste gefährdet sind, bei denen es sich 
nicht mehr darum handelt, harmlos-kindliche Unbefangenheit zu be 
hüten, sondern ein frühes wissen zum Uusgang unserer Einwirkung 
zu machen, wir merken immer deutlicher, daß unsere Mädchen 
uns brauchen, daß wir ihnen aber nur soviel sein können, wie wir 
selbst sind, wir wollen unsere Forderung, in der Mädchenerziehung 
ausschlaggebend zu bleiben oder zu werden, vor uns und andern be 
gründen; darum brauchten wir in der Schule und im Verein Mit- 
arbsiLerinnen, die sich mit den Regungen der Mädchenseele besonders 
eingehend beschäftigten, die Beobachtungen und Erfahrungen mit 
einander austauschten, damit sie mit den Ergebnissen der Wissenschaft 
und des Experimentes verglichen werden könnten. Es entzieht sich 
meiner Renntnis, wie weit überall Lehrerinnen an der Ausgestaltung 
der neuen Lehrpläne mitgearbeitet haben. Jedenfalls wird es von 
dieser Mitarbeit auch abhängen, wie stark wir durck den Unterricht 
erziehlich auf die Mädchen einwirken können. Zwar bin ich gewiß, 
daß die Lehrerin, die in sich eine geschlossene echte Frauenpersönlichkeit 
gestaltet hat, durch ihre subjektive Methode ihr Weltbild in die 
Mädchenseelen zu zeichnen weiß, auch wenn am Lehrplan keine Frau 
mitgearbeitet hätte, denn wie Leben, Welt und Wissen sich in uns 
ausprägen, so und nur so können wir sie andern einprägen. 
Es ist wohl für Eltern, ganz besonders für eine Mutter, eine 
Stunde tiefer Tragik, in der sie erkennen mutz, daß ihr Rind, für 
dar sie lebte, ein selbständiger Mensch geworden ist, der sic nicht 
mehr braucht, well es Rinder giot, die das ihrer Mutter sehr 
deutlich zeigen, und weil es Mütter gibt, die das nie recht glauben 
können und wollen, gehen sie fürder nicht einmal mehr miteinander. 
— Die geistige Mütterlichkeit, aus der wir Lehrerinnen Rraft zu 
unserem Berufe und Liebe zu den uns anvertrauten Seelen gewinnen, 
erlebt diese Tragik noch öfter und schmerzlicher, wenn auch in ganz 
anderer weise, vielleicht war sie noch mcht oft so schmerzlich fühl 
bar wie in unseren Tagen der großen Welt- und Seelenkrisen, wo 
wir der haltlosen Jugend so viel sein möchten und doch nur so 
wenig sein können.- „kill unser wissen ist Stückwerk", ja - — 
Stückwerk unser wissen um die tiefsten Seelengründe, trotz experi 
menteller Psychologie und psychologischer Institute, Stückwerk, was 
wir täglich in heißem Bemühen erreichen, Stückwerk, was wir in 
andere Hände legen müssen, wenn unsere Wirkzeit an einer jugend 
lichen Schar abgelaufen ist. Daß wir unsere Rtbeit tun dürfen 
nicht an toten Dingen, sondern an lebendigen Seelen, ist unser 
Schönstes und — unser Schwerstes. Durch die wüste dürfen wir 
führen, aber da; Land der Verheißung nur von ferne schauen. 
P. Lippert Jagt das in meinem schönen Buche, von dem meine Ge 
danken ihren Ausgang nahmen, so: „Ist das unser Schicksal, weil 
auch unsere Schuld eine Mosesschuld ist, der Zweifel? Uber warum 
haben wir gezweifelt? Mutzten wir nicht zweifeln? So übermächtig 
war die wüste und das tote Land und die jahrzehntelange Ver 
geblichkeit!" * 
wie gut, daß wir mit unfern Berufsfreuden und unserer B§- 
rufsiragik nicht allein stehen, sondern uns in Gsmsmfchast wissen 
mit Tausenden, die den gleichen weg zum gleichen Ziele schreiten. 
Ein dankbar-stilles Gedenken der Frau, die uns zusammenrief! 
wie ist es mit unserer Gemeinschaft im Lehrerinnen-Verein? . Ist 
sie uns allen etwas so Selbstverständliches, daß sie garnicht bewiesen 
zu werden braucht? Empfinden wir sie alle als etwas wohltuendes, 
als eine Rraftquelle? Alle? Nein, auch dann noch nicht, wenn wir 
einmal die vielen, die immer noch nicht wißen, „was sie eigentlich 
vom Verein haben," als außerhalb der Gemeinschaft stehend be 
trachten. wer echte Gemeinschaft will, muß für die anderen ein 
treten, mit allem, was er ist und hat und kann, gebend und 
nehmend. Sind in unseren Reihen nicht noch viele, allzu viele, 
die alle Probleme gelöst glauben, weil sie wißen, daß andere für 
sie arbeiten, daß im Verein — örtlich und im Großen für sie ge 
arbeitet wird? Rur wechselseitiges Geben und Nehmen schafft Ge»
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.