Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 38.1925 (38)

Nr. 23 
38. Jahrgang 
Paderborn, 20. Juni 1925 
Inhalt: 40. Hauptversammlung des v. kr. d. L. in Freiburg S. 241. Aus 
-er Seit: Kindergesundheitswoche. Aus unserem verein: Rheinischer 
Gautag. Jugendpflege. Bopparder soz.-staatsb. Tagungen. Missionstagung. 
§oz.-päd. Sonntagstagung Koblenz. Heim Konstanz. Für unsere kranken 
Vereinsmitglieder. Bezirks-u. Zweigvereine. Merktafel. Stellen 
vermittlung. 
Die 40. Hauptversammlung der Vereins katholischer 
deutscher Lehrerinnen ;u Zreiburg, Pfingsten <925. 
(Fortsetzung.) 
Zweite öffentliche Versammlung. 
Dienstag, den 2. Juni. 
Beginn: abends 7 Uhr. 
Leiterin: Fräulein Treffe!, Saarbrücken. 
Schriftführerin: Fräulein Sander, Thale. 
3u Beginn der Sitzung wurden die eingangs erwähnten Be 
grüßungsschreiben vorgelesen und Grußtelegramme beschlossen. Einen 
Huldigungsgruß an den Heiligen Vater hatte die Vereinsleitung schon 
vor Beginn der Tagung abgesandt. Die Versammlung billigte dieses 
vorgehen um so mehr, als zu dieser Versammlung bereits die Ant 
wort aus Vom eintraf. Unser Telegramm an den Heiligen Vater 
hatte folgenden Wortlaut: 
„Heiliger Vater, 
der in Freiburg tagende verein katholischer deutscher Lehrerinnen 
gedenkt in tiefer Dankbarkeit der Gunstbezeugungen, die seine Ver 
treterinnen in der Osterwoche von Deiner Heiligkeit empfangen haben. 
U)ir geloben aufs neue unverbrüchliche Treue zu unserem Beruf, 
den du, Heiliger Vater, einen apostolischen nanntest, und wir wollen 
in ihm Gott und seiner heiligen Kirche mit allen unseren Kräften 
dienen. Möge Deine Heiligkeit dieses Gelöbnis zu segnen geruhen." 
Die Antwort lautete: 
„vom, 2. Juni. Die Kundgebung der ehrfurchtsvollen Ergebenheit, 
welche der Verein der dort versammelten katholischen Lehrerinnen 
übersandt hat, hat der Heilige Vater sehr gern entgegengenommen 
und erteilt, indem er von Gott alles Gute erfleht, aus väterlichem 
Herzen den Apostolischen Segen. gez. Kardinal Gasparri." 
Weitere Begrüßungstelegramme sandte die Hauptversammlung an 
die Hochwürdigsten Herrn Kardinäle von Köln, Breslau und München, 
außerdem an einige Vereinsmitglieder. 
Sodann folgten die Begrüßungen durch befreundete Organisationen, 
wie bereits in der Einleitung kurz berichtet wurde. Das Haupt 
thema für diesen Abend war: 
Die vildung der katholischen Frauenpersönüchkeit durch die Schule. 
Hatte der Vortrag der ersten öffentlichen Versammlung unsere Grund 
sätze im allgemeinen, die Richtung unseres Wollens in der katho 
lischen Mädchenerziehung gewiesen, so zeigten die beiden Vorträge 
dieser Sitzung, wie die praktische Auswirkung dieser Grundsätze in 
der Volksschule und in der höheren Schule erfolgen kann. Aus 
der Fülle des Stoffes wählt jede Rednerin ein bestimmtes Gebiet. 
Fräulein Breuer, Dortmund, welche über die Bildung der Frauen- 
Persönlichkeit durch die Volksschule sprach, baute ihre Ausführungen 
auf den Erfahrungen mit Mädchen einer Industriegroßstadt auf, 
Fräulein Studienrätin waldhausen, Hilfsarbeiterin bei der Re 
gierung in Wiesbaden, sprach im besonderen über das Entwick 
lungsalter der Mädchen höherer Lehranstalten. 
Zunächst führte Fräulein Breuer etwa folgendes aus. 
wie gestaltet sich die Vildung zur zrauenpersönlichkeit 
durch die Volksschule? 
Nach paulsen hat man einem Menschen dann „Bildung" gegeben, 
wenn man ihn befähigt hat, von seiner persönlichen Lage und Be 
gabung ausgehend, sich in der Wirklichkeit, die noch so unbedeutend 
sein mag, zurechtzufinden, und sich eine eigene, geistige in sich zu 
sammenstimmende Welt zu schaffen, sie mag noch so eng umgrenzt sein. 
— An diesem Bildungsbegriff gemessen, muß es der Volksschule möglich 
sein, ihren Schülern und Schülerinnen eine wirkliche Bildung mitzugeben. 
Die persönliche Lage des Jndustrie-Volksschulkindes ist umrisse» 
mit den beiden Worten: Großstadt und Proletariat. Deutschland 
ist das Land schnellster Großstadtentwicklung. Noch vor einem halben 
Jahrhundert zählte man in Deutschland nur sechs Städte mit 100000 
Einwohnern: Berlin, Hamburg, München, Breslau, Dresden und Köln; 
von diesen hatte nur Berlin mehr als 200 000. Heute haben wir 
ungefähr ein halbes Hundert. Kein anderer europäischer Staat weist 
eine gleiche Anzahl von Großstädten auf. So ist es begreiflich, daß sich 
in Deutschland ein Großstadtproblem entwickeln mußte, das man nun 
vom wirtschaftlich-sozialen, sowie vom sittlich-religiösen Standtpunkte 
aus zu lösen versucht. Jeder vierte bis fünfte Deutsche ist heute 
Großstädter. Entweder ist er in der Großstadt geboren oder durch 
das Schicksal hineinverschlagen. Und diejenigen, die in entlegenen 
winkeln wohnen, kämpfen oft genug mit den Schatten, die von der 
Großstadt in sie hineingeworfen werden, und die in Landflucht, Ver 
drängung alter Volkssitten und Gebräuche, Ersatz alter Volkstrachten 
durch städtisch-modische Kleidung greifbare Gestalt annehmen, schmerzhaft 
fühlbar werden für den, der großstädtische Oberflächenmoral oder 
offene und versteckte Unsittlichkeit sich unter der Landbevölkerung 
ausbreiten sieht. Den Großstädter kennzeichnet zunächst eine große 
Heimatlosigkeit. Die Großstadt isoliert die Linzelfamilie in der Miets 
kaserne, die Einzelseele in der Familie. Und doch braucht jeder Mensch 
eine Heimat, in der er Wurzel fassen kann. So muß dem Groß- 
stadtkinde seine Heimat lieb gemacht werden; es muß die Schönheiten 
seiner Stadt kennen und lieben lernen; sein Ghr muß dem Hohenlied« 
der Arbeit geöffnet werden, Großstadtdichtung und lebendig gesehen« 
und gestaltete Heimatkunde muß ihm die Heimat erschließen, auf daß er 
seine wurzeln in die so aufgelockerte Heimaterde senke und die sittliche 
Bildung an sich erfahre, die schließlich aus jeder Bewurzelung er- 
wachsen kann. „Tine wohltat ist es," sagt Ranke, „wenn jemals 
eine Vaterstadt hat, die ihn durch edle Sitten aufzieht, mit große»
	        

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