Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 38.1925 (38)

Inhalt: E. Pappel, Die Umgestaltung der preußischen Mädchcninittel- 
schule mit besonderer Berücksichtigung ihres Aufbaues S. 405. Helene Pages, 
Lesestoffe neben dem Lesebuch 5. 407. Amtliches: Bekämpfung von Schmutz- 
und Schundliteratur. Bestimmungen über die Mittelschulen in Preußen. Aus 
unserem Verein: Listen. Uundfunkvorträge. Volksschulausschuß. Gerverbe- 
lehrerinnenprüfung. Niederschlesien. Missionswissenschaftliche Tagung in 
tveventrop. Gautag in ^agen. Turnkursus in Düren. Liturgischer Kursus. 
Bezirks- und Zroeigv ereine. Stellenvermittlung. 
Die Umgestaltung der preußischen Mädchen-Mittelschule 
mit besonderer Berücksichtigung ihrer Uufbauer. 
von E. Happel/ 
„Die Bildung des Individuums ist nur durch jene Kulturgüter 
möglich, deren Struktur ganz oder teilweise der induviduellen Seelen 
struktur adäquat ist." (Rerschensteiner.) 
In dem Maße, als sich einzelne Individualitätsgruppen loslösen, 
sind entsprechende Schultypen nötig, um den Menschen seiner Art 
und Begabung entsprechend auf dem schnellsten Wege zu seinem 
Berufe zu führen, der ihm nicht harte Pflicht ist, sondern ihm innere 
Freude und Befriedigung gewährt. Rerschensteiner unterscheidet zwei 
Haupttypen von Menschen: die theoretisch gerichteten und die auf 
Verwirklichung technischer Sachverhalte gerichteten Menschen. „Alles, 
was den ersteren mit dem Anspruch auf Verstehen entgegentritt, 
wird nur verarbeitet unter dem Gesichtspunkt des inneren geistigen 
Zusammenhangs der Vorstellungen und geht nicht darauf aus, Zwecke 
zu verwirklichen, Begriffe in Realitäten umzuwandeln." Der 
praktisch gerichtete Mensch versteht nur unter dem Gesichtspunkt 
eines in der Umwelt zu verwirklichenden Zweckes. Es liegt ihn«, 
daran, daß die besonderen Zwecke, die sein Interesse gesunden haben, 
im Reiche der Dinge und Menschen erfüllt werden. 
Diese beiden Typen sind in reiner Ausprägung selten zu finden, 
aber immer wird die eine oder andere Richtung vorherrschen. 
Für die verschiedenen Arten der theoretischen Begabungen, die 
erst in der Hochschule zur eigentlichen Entfaltung gelangen, find die 
Studienschulen, die jetzigen höheren Schulen da. 
Darüber sagt die Denkschrift über die Neuordnung des höheren 
Schulwesens: „Reinhardt hat sehr ernst und klar ausgeführt, daß 
überhaupt nur solche Begabungen, die ein bestimmtes Maß von 
theoretischer Veranlagung haben, auf den höheren Schulen gedeihen 
können, daß wertvolle, andersartig veranlagte Naturen notwendig 
auf ihnen verkümmern müssen. Dieser Mangel kann von den höheren 
Schulen nicht abgestellt werden. Er macht andere Schulformen und 
andere Bildungswege notwendig." 
Diese „andersartig veranlagten, wertvollen", wir können ruhig 
sagen gleichwertigen Naturen find die praktisch gerichteten Menschen 
kinder, die eine Schule verlangen, die die Wissensstoffe mehr unter 
realen Gesichtspunkten an sie heranbringt. In der Natur der Sache 
liegt es. daß diese Menschen schnell nach Betätigung, nach Umsetzung 
ihrer Ideen und Pläne in die Wirklichkeit verlangen. Daher kann 
' Referat, gehalten auf der Sitzung des Mittelfchulausschuffes bei der 
Hauptversammlung in Freiburg. 
diese Schule, die die Menschen ganz ins praktische Leben, in die Wirt 
schaft hineinstellt, auch von kürzerer Dauer sein als die Studienschule. 
Sie braucht nicht mehr geschaffen zu werden, sondern ist schon 
vorhanden in unserer Mittelschule. 
Der Name Mittelschule ist sehr hindernd und irreführend. Die 
Industriealisierung hat unser deutsches Volk in immer mehr Gruppen 
und Stände gegliedert. Auch die Bildung orientierte sich auf 
ständischer Grundlage: die niedere Schule für das Volk, die mittlere 
für den Mittelstand und die höhere für die gebildeten Stände. 
Fachleute und Laien sehen noch heute vielfach die Schulen unter 
diesem Gesichtswinkel. Daher auch das geflügelte Wort von den 
„Standesschulen". Daher auch all der Ballast, den die höheren 
Schulen zum Schaden von Schule und Zöglingen aus dem falsch 
angewandten Ehrgeiz der Eltern heraus mitschleppen müssen, —• 
einige Jahre wenigstens, — dann abstoßen und der sich nun im 
Leben als die unangenehme Rategorie der halbgebildeten dokumentiert. 
Und doch, wieviel wertvolle Naturen mögen darunter sein, die auf 
einer auf reale Ziele hinarbeitenden Schule vielleicht ein Höchstinaß 
von Bildung erreicht und sicher und schnell zu ihrem freudig erkannten 
Beruf gelangt wären. 
Diese Mängel in unserem Schulwesen erkennen und nicht ein 
greifen, hieße stumpf und müde resignieren. 
Aufklärung alleinhilst nicht. Diese Überzeugung muß allgemeinwerden, 
daß die praktische Lebensschule, die wir heute noch Mittelschule nennen, 
gleichwertig, wenn auch ganz andersartig neben den theoretischen 
Schulen steht. Sobald diese Gleichwertigkeit bei Andersartigkeit, 
vielleicht mit Änderung des Namens von oben herab anerkannt ist, 
wird die Einstellung der Eltern eine ganz andere sein. Nicht die 
räumliche Nähe der Schule, nicht die gesellschaftliche Stellung des 
Vaters soll darüber entscheiden, ob ein Mädel die praktische Schule 
oder die Studienschule besucht, sondern allein die Überlegung, ob eine 
praktische Intelligenz vorhanden ist oder mehr begriffliches Denken 
ohne Richtung auf praktische Zwecke. 
wie kann nun solches Verhalten festgestellt werden? — Es darf 
nicht verkannt werden, daß es schwer ist, schon im 10. Lebensjahr 
die Eigenart eines Rindes festzustellen. Einige Jahre später geht 
es schon besser, ganz einwandfrei ist das wohl nie festzustellen. Dre 
bisherigen Forschungsmethoden haben schon sehr gute Ergebnisse erzielt, 
wenn industrielle und kaufmännische Betriebe sich die Methoden der 
Berufseignungsforschung mit Erfolg zunutze machen, so ist es sicher 
Pflicht der Schule, sich ihrer beim Übergang von der Grundschule 
zur höheren Schule zu bedienen. Das Ministerium für Wissenschaft, 
Runst und Volksbildung hat durch seine Richtlinien einen Schritt in 
dieser Richtung getan. Die Aufnahme ist nicht mehr abhängig von 
einer Prüfung, die einseitig aus Renntnisse und verstand eingestellt >» 
ist, sondern auf eine gleichzeitige Bewertung der bisherigen Leistungen 
und die Eigenart des Rindes. Voraussetzung ist, daß der Lehrer 
der aufnehmenden und abgehenden Rlasse in Verbindung miteinander 
treten durch Aussprachen, Hospitieren usw. Das ist nur ein kleiner 
Anfang. Die Prüfungsmethode muh ausgebaut werden, Intelligenz 
prüfung angewandt werden, eine Bewährungsfrist mutz festgesetzt
	        

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