Full text: Das Schulrecht - 1.1923/24 (1)

Beilege zur Pädagogischen Post in Bochum. 
Zusammenstellung der für Schule und Lehrer wichtigen Gesetze, Erlasse, Verfügungen, Verordnungen und Bestimmungen. ✓ Erscheint in zwangloser Zolge. 
0 Sonöerbrzug ist ausgeschlossen. 
Nummer 1 
Sametag, üen 26. Januar 1923 1. Jahrgang 
' Inhalt: 
— Ausna 
wiesenen 
Handels- 
Schulgeld 
Umgestaltung der Lehrbücher. — Teilnahme von technischen Lehrerinnen an den allgemeinen Arbeitsgemeinschaften, 
hmen vom Grmrdschulgesetz. — Richtlinien für die Festsetzung der Anrechnungswerte der den Volksschullc.wern über- 
Naturalbezüge. — Lehrersterbekassen — Vergütung für den nebenamtlichen Unterricht cm den Berufsschulen der 
und Gewerbeverwaltung. — Vergütung für den nebenamtlichen Unterricht an den gewerblichen Fachschulen. — 
an den gewerblichen Fachschulen. 
Umgestaltung der Lehrbücher. 
Ich habe mehrfach darauf hingewiesen, das; wirtschaftliche wie 
methodische Erwägungen eine Umgestaltung der Lehrbücher vergangen. 
Bei den stetig wachsenden Bücherpreisen ist möglichste Kürzung des 
im Buch gebotenen Stosses und Beseitigung aller unnötigen Sonder 
ausgaben für die verschiedenen Schularten unerläßlich-. Diese Anregung 
steht durchaus in Einklang mit methodischen Forderungen, über die sich 
heure alle Fachkreise einig sind. Das für bestimmte Zwecke rurecht- 
L« schnitten« Buch, das einen umfangreichen Stoff auf die einzelnen 
Stunden verteilt un.d die StossdehunNiung vorschreibt, ist nicht mehr 
der Diener des Unterrichts, sondern sein Herrscher. Es beschränkt die 
Selbständigkeit des Lehrers, ersetzt ihn zum Teil uud lähmt den 
Unterricht. „ 
Ta die Hauptarbeit sich in der Kwsse vollziehen fall, )o brauchen 
die Lehrbücher nur so viel zu geben, das; die Schüler in der Lage lind. 
zu Hause das in der Klasse gemeinsam Erarbeitete noch einmal durch, 
zudenken, zu befestigen und einzuprägen. Beschränken sich die Bücher 
auf diese wichtigste Ausgabe, die wirklichen Arbeitsunterricht zur Vor 
aussetzung hat, so kann ihr Umfang auf ein sehr geringes Mag herab 
gesetzt werden, und es erübrigen sich die allzuhäufigen Neubearbeitungen. 
Das Ziel des Lehrbuches wird erreicht, wenn es in seiner dienenden 
Stellung gehalten wird, wenn die Verfasser sich aus eine Stofsdarbie 
tung beschränken und auf mundgerecht gemachte Aufgaben verzichten. 
Menu eS nur das Wesentliche bietet, wird die Zusammenfassung auch 
großer Stoffgebiete in handlichen Leitfäden ermöglicht, die die Schüler 
durch die ganze Schule begleiten können. 
Diese Grundsätze gelten für sämtliche Fächer und Gfrfwladen. Am 
einzelnen bestimme ich: 
A. Für Deutsch: 
Das Lesebuch soll einen Weg zur deutschen Bildung bieten. 
ES hat in ganz besonderem Maße mitzuwirken, daß das Ziel der ->eut. 
scheu Schule erreicht wird: Erziehung der Jugend zu sittlicher Bildung, 
zu staatsbürgerlicher Gesinnung, zu persönl cher Tüchtigkeit im Geist 
des deutschen Volkstums und der Hiimauität. Das Lesebuch hat mit 
zuhelfen, daß unsere Knabeu uitd Mädchen geistig und mit dem Herzen 
Kruder des Landes werden, das sie geboren hat, daß sie aber auch 
Verständnis gewinnen für Wesen und Leistung der fremden Kulturen, 
die auf die deutsche Geistesbildung eingewirkt haben Gegeirstand des 
Lesebuches ist das ganze Gebiet der Deutschkunde. 
1. Ta3 Lesebuch hat eine anschauliche Darstellung des deutschen 
KulturwillenS auf allen Wertgebieten unter bewußter Förderung der 
Verstandes-, Willens- und Gefüh'isbildung zu geben. Es soll dadurch 
Verständnis für die Eigenart deutschen Wesens, soll Volks- und Staats- 
gesinnung und dcrS Gefühl der Verpflichtung wecken und begründen 
helf-::,. Auf allen Stufen ist dem Auslaitdsdeutschtnm die gebührende 
Aufmerksamkeit zu schenken und den Mundarten Raum zu gewähren. 
2. Uebermittlung von Stoffen aus Geschichte, Natur, Wissenschaft, 
Technik und anderen Gebieten des Lebens ist nur insofern Ausgabe des 
Lesebuches, als diese Stosse der Gesamtbildung dienen uuid in künst 
lerisch wetvoller Form dargeboten werden. Ich betone ausdrücklich, 
daß durch die Aufnahme dieser Stoffe das Lesebuch nicht zu einem 
Renlier-.buch werden darf. 
3. Das Lesebuch der Unterstufe wird Stücke zu bringen haben, 
die di>e Umwelt des Schülers, das ihm selbst vertrante Leben mit seinen 
Werten erschließen. Ferner hat es Phantasie und Kunstgefühic an- 
regende Erzählungen dazubieten, die den Weg zur gemeinsamen deut- 
scheu Volksüberlieferung bahnen (Sage, Märchen. Erzählung, Rätsel, 
Sprichwort, Volkslied, Sitten und Brauch). 
4. Das Lesebuch der Mittelstufe vertieft den Mick in den 
Lebenszustand, sucht auch schon die Entwicklung des Gegenwärtigen aus 
dem Vergangenen verständlich zu machen. Durch geeignete Stücke über 
Landschaft, Sicidlung, Sprache, Sitte, Arbeit, Handwerk, Gewerbe usw. 
wird der Schüler dazu hiugeleitet, daS GegeuwartSbild von Deutschland 
zu erf reu. Einfache Fragen unseres geistigen Seins, deren Erörterung 
auf Willen, Gefühl und Verstand einzuwirken vermag, sind schon auf 
dieser Stufe zu behandln. Bei der Stofsauswahl ist auch die Form 
bcr Selbstzeugnisse in Briefen, Tagebüchern und Denkwürdigkeiten 
heranzuzieben. 
.. G - Das Lesebuch der Oberstufe soll in erster Linie eine Er 
gänzung bilden zur Lektüre der wertvollsten selbständigen Werke un 
seres Schr fttums. ES führt mit Hilfe geeigneter Proben in das 
deutsche Geistesleben ein, wobei die wertvollen und kennzeichnenden 
-Schöpfungen des deutschen Altertums und Mittelalters im Urtext dar. 
zubieten sind. Dem Lesebuch der Oberstufe fallen alle die Kulturstosf« 
zu, die eine tiefere Begründung unserer geschichtlichen Entwicklung in 
Staat und Gesellschaft, RüUgion und Weltanschauung, Sprache, Kunst, 
Wirtschaft enthalten und der Bildung des deutschen Menschen dienen. 
Erwünscht ist es, diesen Teil durch eine knappe Auswahl der besten 
Dichtungen der letzten Jahrhunderte zu ergänzen. 
6. Auf allen Stufen dürfen nur Stücke gewählt werden, die in 
klarer, natürlicher, formvollendeter Sprache geschrieben, in Wortschatz 
und Stil der Altersstufe angemessen sind. Stoffe aus den Werken de« 
Meister des deutschen Schrifttums sind zu bevorzugen, da sie mit den 
bedeutenden Vertretern der deutschen Dichtung. Kunst und Wissenschaft 
vertraut machen und gleichzeitig auch die künstlerische Erziehung 
fördern. 
7. Entsprechend der Erweiterung des dem deutschen Unterricht ge» 
steckten Bi'.dungszieles darf die Einführung in die deutsche Dichtung 
und die Behandlung ihrer Geschichte nicht mehr der vorwiegende Zweck 
des Lesebuches sein. Daher ist in der Unter- und Mittelstufe daS 
Uebermaß der Gedichte zu beschränken ans bedeutende Proben ber 
neueren deutschen Dichtung. 
3. In der äußeren Gestaltung der Lesebücher will ich weitgehends 
Freiheit llaffen. Ich bin bereit, Bücher zu genehmigen, die mehrere 
Jahrgänge oder auch nur einen umfassen, die sowohl an Knaben- alS 
auch an Mädchenschulen gebraucht werden können, Lesebücher, die als 
geschlossene Einheit aus dem Heimatgedanken erwachsen oder ihm i« 
besonderen Abschnitten oder Beiheften dienen wollen. Da im deutschen 
Unterricht die Bildungsziele der einzelnen Schularten zum Ausdruck 
gebracht werden sollen, erscheinen mir, wenigstens für einzelne Klassen 
besondere Ergänzungshefte zweckmäßig. Von dem Grundsatz ausgehend, 
daß möglichst früh auch einheitlick)« Stoffe dargeboten werden sollen, 
die zum Lesen zusammenhängender Werke hinführen, empfehle ich für 
die Unterstufe neben dem Lesebuch den Gebrauch besonderer, höchstens 
zwei Bogen starker Heftchen, di« die deutschen Märchen und Sagen 
wie auch die Sagen anderer Völker und der Antike in Auswahl bringen. 
Bei der: Einheitsansgaben, die an Knaben- und Mädchenschulen ge 
braucht werden, ist die Beigabe geeigneter Aichänge oder Ergänzung»^ 
hefte für die Mädchenschulen zulässig. 
Die deutsche Sprachlehre ist knapp und übersichtlich zu ge 
stalten. Sie soll kein Regelbuch zmit Erlernen der Sprache sein, son 
dern ein Leitfaden, der, gestützt auf lebendige Beispiele, den gesetz 
mäßigen Ausbau der deutschen Sprache auf wissenschaftlicher Grundlage 
darlegt und den Schülern Gedächtnisstützen gibt für das, was der 
Unterricht an sprachlicher Erkenntnis vermittelt hat. Die Bedeutuntz 
des gesprochenen Wortes ist nachdrücklich zu betonen, der Mundart und 
der Sprachgeschichte wie auch dem Verhältnis von Hochsprache und 
Mundart ist Aufmerksamkeit zu schenken, die Bedeutung der hoch 
deutschen Sprache ÄS Grundlage unserer geistigen Volksgemeinschaft 
und als einer Weltsprache ist stets zu würdigen, die deutsche Sprachge- 
sinnung entschlossen zu Pflegen. Auch sind die wichtigsten Tatsachen de* 
Verslehre zu behandeln. 
L. Fremde S rachen. 
Der Fehler vieler der bisherigen sprachlichen Lehrbuche^ 
ist, daß sie zu bändereich sind, zu spät an die Lektüre wertvoller Schrift 
werke heranführen und dccher für diese im Unterricht zu wenig Raum! 
lassen. Die in Lektionen eingeteilten Elementarbücher sind zu umfang 
reich; sie geben unnötig Uebungen aller Art an, die di« Freiheit 
Lehrers einschränken, und enthalten umfangreiche grammatische An 
hänge, die sich von Band zu Band wiederholen und überflüssig werden^ 
wenn die eigentliche Grammatik in Gebrauch genommen wird. 
1. Da der wertvolle Lesestoff im Mittelpunkt des Unterrichts stehen 
soll, so sind vorbereitende Elementarbücher bei der ersten, in den 
Unterklassen beginnenden Fremdsprache höchstens bis zum 
dritten Jahr zulässig. Diese Bücher brauchen nur den nötigen Alt- 
schauungsstoff zu enthalten. Die Auswertung, die Verarbeitung un- 
Emprägung soll der freien Arbeit des Lehrers überlassen bleiben, der 
am besten auch die Uebersetzungsübungen, die frei vom Buche anzustelle« 
sind, selbst gestaütet. Der mündliche Unterricht muß überall möglichst 
an die Stelle der Buchbenutzung treten. 
ES mag hingehen, daß der erste Teil des Lehrbuches für die Unter 
stufe im Anhang einige kurze grammatische Angaben enthält. Vom 
zweiten Jahr an aber, und bei dem aus de» Mittelstufe einsetzend?« 
Unterricht sofort, kann die systematische Grammatik in Gebrauch ge 
nommen Iverden, di« den Schüler bis an das Ende keiner Schulzeit 
begleitet.
	        

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