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weder auf der körperlich bedingten Anlage beruht, oder
zwar auch von Freiheit abhängig, aber durch Gewohn-
heit unwillkürlich und feſt, oder wie man ſich ausdrüct,
zur andern Natur geworden iſt. Denn durc) Uebung
des Denk-, Gefühls - und Begehrungs- Vermögens ent-
ſteht eine beſtimmte Denk-, Gefühls - und Begehrungs-
Weiſe. Wie der Körper die Geiſteswirkſamkeit bedinge,
und wie dieſe Denk- und Sinnesweiſen auf das Aeußere
einwirken, iſt eben ſo unerklärlich, als die Wechſelwirkung
der Seele und des Körpers überhaupt; daß lektere aver,
Einſchränkungen und Ausnahmen abgerechnet, welche
in der Natur überall vorkommen, ſich einprägen und
ihren beſtimmten Ausdru>k haben, iſt nicht zu bezwei-
feln, und man kann ſich wohl im einzelnen Falle irren,
wenn man Jemanden ein kluges oder dummes Geſicht
beilegt , nicht aber darin, daß es kluge und dumme
Geſichter gibt, daß die Herzensgüte und die Schlech-
tigkeit ihren eigenen ſtehenden Ausdru> haben u. [. w.
Darauf beruht die Nothwendigkeit und Sicherheit der
plaſtiſchen. und mimiſchen Kunſt, ſowie der allgemeinen
Beurtheilung von Seiten der Beſchauer bei Unterſchei-
dung von Würde und Gemeinheit u. ſ. w.
Ferner ſchließt der Begriff der Phyſiognomie die
zufälligen oder ganz phyſiſchen Veränderungen und
Bewegungen aus, und fördert blos bleibende Be-
ſchaffenheiten, oder gleichförmig wiederkehrende Ver:
änderungen und Wirkungen des Körpers, welche jenen
natürlichen und bleibenden Beſchaffenheiten der Seele
ſo entſprechen , daß ſie als deren Zeichen angeſehen wer-
den können. Hieher rechnet Kant in ſeiner „„Anthro-
pologie“ (S. 270 ff.) in Hinſicht des Geſichts 1) die
Geſichtsbil dung, in deren Profil hauptſächlich das
Characteriſtiſche ſich zeigt; 2) die Geſichtszügez 3)
Mienen oder in Bewegung geſebte Geſichtszüge, inſo-
fern ſie habituelle (gleichförmig wiederkehrende) Geſichts:
geberdungen ſind. Vgl. auc; W. Sihler's Symbolik
des Antlites. Berlin, 41829. 8. --- Uebrigens ſind
auch andere Aeußerungen des Menſchen jedoch in verſchiedenen Graden, z. B. der Gang, die
Stimme und Sprache, welche mehr als Alles den
Geiſt verſtehen laßt (Phyſiognomik) =“- Schrift (Hand-
ſchrift) u. ſ. w. |
Auf dieſe ſich nun die Phyſiognomik, von welcher Kant und
Mehrere behaupten, daß ſie nicht zur Wiſſenſchaft wer-
den könne, weil der Eigenthümer einer menſchlichen
Geſtalt, die auf gewiſſe Neigungen oder Vermögen des
angeſchaueten Subjects hindeutet, nicht durc< Beſchrei-
bung nach Begriffen, ſondern durch Abbiidung und Dar
ſtellung in der Anſchauung oder ihrer Nachahmung ver-
ſtanden werden kann; wo die Menſchengeſtalt im All-
gemeinen, na beſondere, innere Eigenſchaft des Menſchen, im In-
nern hindeuten ſoll, der Beurtheilung ausgeſebt wird.
' --- Krug in ſeinem philoſophiſchen Wörterbuche (unter
Phyſiognomik) urtheilt: „Wenn die Phyſiognomik nicht
aller wiſſenſchaftlichen Grundlage entbehren ſoll, ſo
muß ſie von einem gründlichen Studium der Anthro-
pologie ſowohl in ſomatiſcher als in pſychiſcher Hinſicht
ausgehen.““ Der Lehrer und Erzieher mag ſich, inſo-
fern er Phyſiognom ſein will bei ſeinen Zöglingen, wohl
hüten, daß er dieſelben nicht nach einzelnen Aeußerlich-
keiten beurtheile, ſondern dieſelben in ihrer Geſammt:
heit fo viel als möglich erfaſſe, wenn ſein Urtheil nur
Sem engere Wem m peggn em verde es m pin wms . --. 20 varen wenn
Phyſiognom =“+“ Phyſiognomie = Phyſiognomik. =“ Plamann
einigermaßen ſicher werden ſoll. =-- S. Nie
„„Grundſäte“ 1. Thl. S. 521 ff. |
Scriften : Camper über d. natürlichen Unterſchi
ſichtszüge u. ſ. w. aus d. Gollänt. Ser feht De Aer Ger
ring (Berlin, 1792 mit Kupfern.). Maaß Ideen zu einer
phyſtognomiſchen Anthropologie. (Leipzig, 1791. 8.) Sc dow Gttfr. Polyklet oder v. d. Maßen des Menſchen nach
dem Geſchlecht u. Alter u. ſ. w. Berlin 1834. 4. -- Deſ-
ſelben Nationalphyſiognomieen oder Beobachtungen üb. 5.
Unterſchied der Geſichtöszüge u. die äußere Geſtaltung deg
menſc Schrift ſchließt ſich genau an die erſte an und beide ſind mit
intereſſanten Steindruk - Abbildungen in Fol. ausgeſtattet.
S. auh in d. Pädagog. R.-Encycl. die Art.: Anthropo-
logie, Gall, Lavater.
Phyſiſche Erziehung (ſf. Erziehung--
körperliche),
Plamann (Joh. Ernſt). Dieſer unter den Pz:
dagogen neuerer und neueſter Zeit ſeinem Namen nach
wie verſchollene Mann verdient in der That in die Gal:
lerie derer geſtellt zu werden, welche als vorzügliche
Treunde der Peſtalozziſchen Schule noc< heute unſrer
Achtung werth ſind. Obſchon nur Vorſteher 2iner Er-
ziehungsanſtalt in Berlin, hat er doch in ſeiner Zeit ſo
wohlthätig nach außen gewirkt, daß wir nicht umhin
können, dem verdienten und beſcheidenen Ehrenmanne
auch in unſrer P. R.-E. ein kleines Denkmal zu ſeken.
Cs ward am 22. Juni 1771 zu Repzin in der
Neumark von unbemittelten, aber rechtſchaffenen Eltern
aus dem Bürgerſtande geboren, genoß ſeine erſte Bil:
dung zu Berlin auf der königl. Realſchule, dann auf
dem Joachimsthalſchen Gymnaſium unter dem zu ſeiner
Zeit berühmten Schulmanne Meierotto. Michaelis
1790 bezog er die Univerſität Halle, um Theologie zu
ſtudiren. Hier weihete ihn der ſel. Niemeyer für die
Pädagogik. Nachdem er einige Jahre im Hauſe fei:
nes Schwagers zu Neuſtadt-Cberswalde ſic mit Un:
terrichten beſchäftigt und die zur Erlangung einer Pre:
digerſtelle nöthigen Examen gemacht hatte, ging er im
Jahre 1797 nach Berlin zurü& und wandte ſich haupt:
ſächlich der Pädagogik zu, beſchäftigte ſich zuerſt mit
den Meiſterwerken der Alten und verſuchte ſich in pot:
tiſchen Arbeiten. Er gab in Berlin an dem Meſſow':
ſchen Inſtitute, ſo wie an einer Handlungsſchule Un:
terricht und ging damit um, ein eigenes Inſtitut zu
gründen.
Jet war die Zeit gekommen, wo Peſtalozzi's
Ruf über die Alpen drangz da trieb es unſern Pla:
mann, den bald überſchäbten, bald herabgewürdigten
Schweizer Pädagogen ſelbſt zu ſehen. A. Tiedge,
mit dem er in einem recht vertrauten Verhaltniſſe ſtand,
regte ihm dazu.an durch die Schrift Peſtalozzis: „Wie
Gertrud ihre Kinder lehrt.““ Mit geliehenem Gelde
trat er am 8. Mai 4803 ſeine Reiſe nach der Schweiz
an. Vorher hatte er in- freudiger Begeiſterung unter
Anderm Fpylgendes an Peſtalozzi aeſchrieben: „„Dank iſt
ein kraftloſes Wort gegen die Begeiſterung, die Ihre
Briefe über Unterricht in mir entglüht habenz aber Sie
werden ihn nicht verſ überhören in dem lauten Beifall, den Nationen Ih-
nen zollen. Dafür bürgt mir Ihr Herz, edler Mann?
der die geheimſten EntwiFelungsgeſeße der menſchlichen
Seele ſo lebendig und wahr entfaltet, und mit weiſer
und feſter Hand den Gang der Kunſt zu ihrer Ausbil:
dung vorzeichnet. Sie haben auch mich mit dem Lichte
der Wahrheit überſtrahlt und mir den Buſen erwärmt!»
mehers

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