Full text: Haas - Ulrich Zwingli (2)

„Impfen. == Induſtrieſchulen. . 
als eine objective Zuſammenſtellung deſſen, was das 
N. T. Über Jeſus enthält und lehrt. Erkennen wir 
mit den Reformatoren die Offenbarungsurkunde als 
die einzige Quelle und Norm des <riſtlichen Glaubens, 
ſo müſſen wir, um vorwärts zu ſchreiten, zu ihr zu- 
rüdkehren. Keine Zeit beweiſ?*t wohl ſo überzeugend 
als die unſrige, daß wir uns um deſto weiter vom 
Chriſtenthume entfernen, je weiter wir vom N.T. ab- 
weichen, obwohl das nämliche dur< die ganze Kirc<hen- 
geſchichte beſtätigt wird. Cs gibt alſo nur das Di- 
lemma, entweder das Chriſtenthum aufzugeben, oder 
feſtzuhalten am N. T. Zu dieſem Zweke dient nun 
am beſten eine von ſubjectiven Anſichten möglichſt freie 
Darſtellung der neuteſtamentlichen Dogmatik und Mo- 
ral, welche zwar auf Schwierigkeiten ſtößt, aber durch 
gründliche und unbefangene Forſchung ihrem Ziele ſehr 
nahe gebracht worden iſt. Wird ein treues Feſthalten 
an der Lehre der Offenbarungskunde dem evangeliſchen 
Prediger wichtige Dienſte leiſten, ſo iſt es noch viel noth- 
wendiger dem Katecheten und Lehrer, weshalb wir die 
vorſtehende rein neuteſtamentliche Chriſtologie als den 
pädagogiſchen Zween angemeſſener, denn alle übrigen 
uns bekannten, hier vollſtändig mitgetheilt haben. *. 
Impfen (Impfung, Impfſchein). Eigentlich 
ein mundartlicher AusdruE aus der Baumzucht für 
pfropfen (einſeßen, einpflanzen) 3 in der Arzneikunde 
eine <irurgiſche Operation , vermittelſt welcher bei 
Menſchen gewöhnlich ein kleiner Schnitt in die Haut 
gemacht wird, um das Gift von Kuhpo&en hinein zu 
thun. Die daräus entſtehenden Kuhpo>en zerſtören, 
wenn die Kur gelingt, den im Menſchen liegenden 
Krankheitsſtoff der bösartigen Blattern , und ſchüben 
alſo vor dieſer verderblichen, peſtartigen Krankheit. In 
den meiſten europäiſchen Staaten iſt die Impfung 
obrigkeitlich angeordnet, und in einigen, namentlich in 
Baiern, wird ſogar ein obrigkeitlich ausgeſtellter Im- 
pfungsſc<ein den Kindern beim Eintritt in die 
Scule zur Bedingung gemacht 3 indeſſen herrſcht in 
manchen Gegenden bei den niedern Claſſen ein Vor- 
Urtheil dagegen , weil bei Vernachläſſigung der durch 
Impfung entſtandenen Kuhpo>ken die Kur nic<ht nur 
manchmal ganz fehlſchlägt , ſondern auch zuweilen die 
Kinder in Siechthum verfallen. In ſolc<en Fällen iſt 
es Pflicht , auch der Lehrer , Eltern mit dem Weſen 
der ſogenannten ſchwarzen Blattern und der Kuhpo>en 
bekannt zu machen , und ſie über die Vortheile der 
Impfung , ſowie über die Nachtheile der Vernac<läſſi- 
gung bei der Kur zu belehren. =- Der Erfinder des 
Impfens iſt ein engliſcher Arzt, Dr. Cduard Jenner. 
Er gab die erſte Schrift darüber im J. 1798 herausz 
am 14. Mai 1796 nahm er die erſte Impfung vor. 
Eine zweite Schrift erſchien von ihm 4799, worauf 
ſich die Entde&ung mit reißender Schnelligkeit in allen 
eiviliſirten Staaten diſſeits und jenſeits des atlantiſchen 
Oceans verbreitete. Jenner ſtarb den 26. Jan. 1823.. 
Nach einer amtlichen Angabe hat der Scullehrer 
Plett zu Stoendorf bei Kiel, den Nuten der Kuh-. 
po>en gekannt, und 4794 zu Haſſelburg. mit Erfolg. 
die Impfung an drei Kindern vorgenommen. Die 
meiſten Urheber großer EntdeFXungen haben Neben-- 
buhler. 
Präaſervativ- gegen die Blattern bekannt geweſen ſind. 
| * 
Indeſſen finden ſic) Spuren, daß unter dem. 
Landvolk“: hier und da die Kuhpo>ken ſchon lange als- 
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Individualität. Die ganze Art eines Indi- 
vidnums oder Cinzelweſens zu ſein. Die Menſchen 
ſind geiſtig ebenſo verſchieden, als ſie es körperlich ſind. 
Eine der erſten Aufgaben eines Lehrers muß daher ſein, 
die Art eines jeden ſeiner Schüler zu erforſchen , und 
die Behandlung deſſelben danach zu richten 3; er muß 
aber auch darauf ſehen, daß die Einzelartigkeit ſich nicht 
einſeitig ausbildet, wodur<;g Sonderlinge entſtehen, 
ſondern vielmehr dahin trachten, daß jeder Schüler von 
ſeiner Eigenthümlichkeit ſo viel aufgiebt , als zur harz 
moniſchen Uebereinſtimmung mit der Mehrbeit der 
menſchlichen Geſellſchaft nothwendig iſt. Cs ijt cin 
Nachtheil der Privaterziehung , daß ſie das Weſen des 
Einzelnen zu ſehr gewähren läßt und laſſen muß , und 
dagegen ein Vortheil der öffentlichen Schulen , daß 
Individualität darin abgeſchliffen und zum ſecialen 
Verkehr vorbereitet wird. Auch muß ſich der Lehrer 
hüten , den Schülern nicht zu ſehr ſeine eigene Indi- 
vidualität mittheilen zu wollen. . 
Induction. Vorführung jedes einzelnen Fal- 
les, von welchem eine Wahrheit gilt, um daraus cine 
allgemeine Wahrheit abzuleiten. Wenn cs blos darauf 
ankommt , die klare Crkenntniß einer Wahrheit zu 
erwe&en, ohne den ſtrengen logiſchen Beweis davon zu 
liefern , reicht es hin , nur einige einzelne Falle aufzu- 
führen , von denen das Beabſichtigte abſtrahirt werden 
kann. Wenn z. B. der Lehrer klar machen wollte, 
daß nicht Jeder befugt iſt, über Staatsangelegenheiten 
zu ſprechen, ſondern nur derjenige, welcher Staatskunſt 
oder Politik ſtudirt hat, =- könnte er auf folgende 
Weiſe verfahren : Kann Jeder Schuhe machen 2 --“+ 
Nein! --- Wer kann es2 --- Der s gelernt hat. -- 
Kann Zeder Kleider machen? --- Nein, auc<h nur 
der ?8 gelernt hat. =- Alſo wird man wohl überhaupt 
Alles , was ſo ſchwer iſt, als Schuhe und Kleider 
machen, oder noch ſchwerer, erſt lernen müſſen, bevor 
man's machen kann? -- Natürlich! =- Was iſt ſchwe- 
rer, Schuhe machen oder über Staatsangelegenbeiten 
urtheilen ? --- Das Lektere, =“-“ Was folgt alſo dar- 
aus ? =- Daß man lernen muß, über Staatsangelegen- 
heiten zu reden, bevor mamw's thut. =- .„ 
Induſtrieſchulen. Induſtrie iſt die Thätig- 
Feit, welche Kenntniſſe anwendet und Geſchilichkeiten 
ausübt, um Gegenſtände des- eigentlichen Handels her- 
vorzubringen und in Umlauf zu ſeen. JInduſtriells 
heißen diejenigen, die irgend einen Zweig der Induſtrie 
betreiben, hauptſächlich Kaufleute, Fabrikantenz Land» - 
wirthe werden nicht dazu gerechnet , auc< Handwerker 
gewöhnlich nicht, weil ſie ihre Arbeiten nicht in Handel 
geben, ſondern unmittelbar verkaufen. Schulen, worin 
diejenigen Kenntniſſe gelehrt werden, welche der 
Induſtrielle nöthig hat, heißen Induſtrieſchulen. 
Neuere Sprachen und Naturwiſſenſchaften (Phyſik, 
Chemie) gehören zu den Hauptbeſtandtheilen des Unter: 
richts in Handelsſhulen.. Früher: nannte: man auch 
Schulen ſo, worin arme Kinder außer dem: gewöhnli- 
<Hen Sculunterrichte mechaniſche Fertigkeiten erlernen, 
auch wohl ſchon während der Schulzeit augsüben ſollen, 
um ſie an Arbeit“ und Gelderwerb zu. gewöhnen z ſolche 
Anſtalten werden jebt gewöhnlich Armenſchulen oder 
Erwerbſchulen genannt... Harniſc<h ſagt in ſeinen 
Scriften viel Beherzigenswerthes. über dergleichen Inz 
ſtitute, welche zur Armenpflege gehören, und deshalb 
auch an. manchen Orten von Staatswegen- gegründet.
	        

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