Full text: Haas - Ulrich Zwingli (2)

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Erſcycinung, - welche ſich am ausgeprägteſten in der 
Schweiz ini den lezten Jahren vctjüngt hat (die Glau- 
bensmäanner gegen Seminardirecton: Scherr in Zürich) 
tritt uns in den Streitſchriften des 17. Jahrhunderts 
entgegen. Dadurch wurde man veranlaßt in pröteſtan-- 
tiſchen Schulen wieder auf größere 'Frömmigkeit und 
eine feſtere religioſe Grundlage zu. dringen. Wäre man 
dem Geiſte : Luther's, Melan<thon's', Zwingli's und 
Kalviw's treu geblieben, ſo hätte man das wahrlich. 
nict usthig gehabt!.- Nach unſerer Mcinung haben 
dieſe großen Reformatoren die rechte Mitte zwiſchen 
Glauben und Wiſſen getroffen, wahrend ihre Nachs 
folger entweder auf das «ine oder- dis andere Grbiet: 
vorzugsweiſe geriethen, und daducc) das -Schiff der 
proteſtantiſchen Kirche dem Umſchlagen nahe brachten. 
Die überwiegende Wiſſensrichtung rief die entgegenge- 
ſeßte Glaubensrichtung hervor. m . 
Hauptträger dieſer Richtung im 17, Jahrh. war 
Ph.. I. Spener (vgl. d; Art.) aus dem Ciſaß, in ſeis 
nem Alter 41686 Oberhofprediger in Dresden und. 1691 
Prepſt in Berlin. Er fing unter dem Namen Cotiegia 
pietatis religioſe Unterhaltungen an, aus welchen unter 
den evangeliſche Glaubensgenoſſen die. pietijtiſchen An- 
dachtsübungen (Pietiſten), Andachtsſtunden (Stündler 
in der Schweiz, Mu&er) u. f. w. entſtanden ſind. Seine 
Werke waren von ausgebreiteten Felgen zur Erzeugung 
eines frommeren Geiſtes unter den Lehrern. Nun 
tauchte die Jdee einer ächt<hriſtlichen Schule auf. 
Spaner's Schüler und Freund Auguſt Hermann 
Franke (vgl. d. Art.) wurde Gründer der. halliſchen 
großen Menſchenfreundsanſtalt, in. welcher nicht, wenis 
ger als folgende Inſtitute verbunden waren: Das Wai 
ſenhatis, die höhere und niedere Schule, die Verſorgung 
armer Studirenden, Wohnung und Verſorgung einiger 
Wi: wen, etne Mädchenſchule, das Paedagogium re- 
giun: , cin Seminar für Lehrer und Erzieher, ein Col- 
Jegium orientale, eine der anſehnlichjten Buchhand- 
lungen und Buchdru&Fereien, Apothefe, ſelbſt eine Ver- 
yflepunsanſialt für arme Durchreiſende::- Den Grund» 
gedanken der neueren Inſtitute, die Crziehung mit 
S-=>-Unterrichte zu verbinden, welchen bereits die 
Jeſuiten ins Leccn oingeführt hatten,. ſehen wir auch 
in einigen Franke'ſchen :Stifiungen wiever, und mit 
dieſer Jdee parallel läuft dann das Streben: die 
religivſe Bildung mit der wiſſenſc<aftlichen 
und kloſſiſchen zu vereinigen, welches die Jeſui- 
ten ebenfals verfolgten, ſo daß die Gründer dieſes pä- 
dagegiſchen Syſtems, Spener. und Franke, auf prp> 
teſtantiſcher Seite dem Anſcheine nach“ nichts weis 
ter thaten, . als. was. die Jefuiten auf katholiſcher be- 
reits gethan hatten. Der Unterſchied zwiſchen beiden 
beſteht aber darin, daß unter Weligion die Jeſuiten die 
ſtarren Formen und Dogmen des. Katholicismus, 
Sranfe und Spenereinen gelauterten Pietismus 
verſtehen, daß die Jeſuiten wiſſenſchaftliche und klaſſtfche. 
Bildung als Mittei zu ivren Drdenszwe>en benuten, 
dagegen Franke ſie als Zweck beirachtet. Die pieti« 
Fiſche und jeſuitiſche Bildung kommen ader wieder 
darin überein, daß beide engſinnig und einſeitig in den 
Feſſeln einer Form auftreten, welche dem Freiwerden des 
Geiſtes widerſtrebt. Daher wandeln Pietiſten und Je- 
fuiten nicht nur in der Politik fein ſäuberlich Hand in 
Hand, ſondern greifen auck bei der Jugendbildung zu 
Inſtitut, 
<herte Grammatikenreiter lächerlich gemacht. Dieſe 
denſelben Mitteln. : Wie.die Jeſuiten in ihrem Sem: 
nar, bildete ſich Franke ſeine Lehrer zu ſeinem Zweks 
in ſeinem Seminar. . Stadium der Logik, Poetik, Nhos 
torik in den oberen Claſſen, . Uebung des. Lateiniſchen. 
im Geſpräche, Auswahl von Stellen aus den Claſſikern,“ 
um nichts Unſfittliches zuzulaſſen , und eine Menge ans 
derer Zirge finden wir. bei den :Ixſuiten und in dex 
„Pädagogik. dex „Frömmigkeit.“ Und es hätte 
nur einer Verbreitäng und. Organiſirtung. der halliſchetz 
Schule bedurft, fs. hätten wir in den Pietiſten eins 
Geſellſchaft proteſtantiſcher Jeſuiten entſtehen ſehen kön» 
nen. Der Wurm der Cinſeitigkeit, der an beiden 
nagt,. und die. verjüngende Kraft. des Proteſtantisömus 
brachten die Padagozgik . der Frommen um ſo eher--in 
Mißcredit, je mehr ihre Anhänger von dem xvangelis 
ſchen Geiſte Speners und Frankes abwichen und: 
ſich als körper» und geiſtesſchwache Kopfhänger zeigs 
ten. 
dorf hervor, der nac) Frankes und Speners Jdeen 
fortwirkend ſeine Herrnhutergemeinde gründete und eins 
Art Franko*ſches Erziehungsſyſtem einführte, welches 
der: Biſchof Layrilz ix den Betrachtungen über die 
Erziehung der Kinder“ ausbildete. Der in dieſen In« 
ſtituten herrſa)ende Geiſte8szwang bewirkte, daß man auf 
das andere Extrem gerieth. Man behielt die Grunds 
lage, Erziehung mit Unterricht in eigenen Anſtalten zu 
verbinden, .bei, wollte.aber nun nicht Chriſten, ſondern 
Menſchen bilden, ng< den philoſophiſchen Raiſonnos 
ments eines Bakon; Loke, Rouſſeau, nach der Dis 
daftik eines Umos Comnienius und Anderer... Man 
ſirebte uutz nach Alſſeitigkeir, Feſſelloſigkeit, Natürlichs 
keit, :Baſedaw war. der erſtes, welcher ein. Inſtitut, 
eint große Anſtalt na dieſen Jdeen zu begründen vere 
ſuchte. Er nannte es Philanthropium , und wis 
Franke und Spener die Gründer der Padagogik dee 
Frömmigkeit wurden, ſo wurde Baſedow in Deutſchs 
land Seifcer der PhilanihropiniwSmus. Wolke führte 
dieſes Inſtitut fort. Nun folgten eine Menge ähnlis 
dier Berſuche von Salis zu Marſchlies, Bahrdt zu 
Geidesheim, Trapy und Kampe zu Trittow, Salzs 
mann zu Schnepfenthal (vgl. dieſe Artik.). Peſtas 
[0zzi gehörte zwar auch dieſer Nichtung an, bildete ſich 
aber auf eigenthümliche Weiſe aus. Auch entſtanden 
weibliche Erziehungsanſtalten der Art, worunter ſich dit 
von Karoline Nudolphi auszeichnet. Als Gründer 
von JInſäituten ſind noc bekannt Feder, Spazier, 
Dlivier, Tillich), Chriſtiani bei Kopenhagen, Huns 
deiker, Plamanu in Berlin, Lang. in Tharand, 
Fröbel in Keilhau, Plochmann in Dresden. Kein 
Land iſt geſegnerer mii Inſäituten als die Schwer 
was zum Theil von den dortigen politiſchen. Verhä«- 
niſſen herrührt. Die bekannteſten davon dürften ſein 
das von Fellenberg in Hofwyl, von Lippe in Lenz» 
burg, von Sillich in Vevey und von Niederer. 
Genf, letzteres für Mädchen. Den . 
Dieſe philantropiſchen Inſtitute ſind es nun, welche 
man Inſitute ſchlec>>tweg im engeren Sinne des Woxs 
tes nennt, und welche man meint, wenn man ſagt, Ine 
ſtitute ſeien eine Erfindung der. neueſten Zeit. Jhre 
Bortheile und Nachcheile in Vergleich zu den gewöhns 
lichen Unterrichtsanſtalten abzuwägen iſt eine ſehr ins 
tereſſante Aufgabe, welche wir in dem Artikel Philan» 
tropinismus behandeln werden. Wenden wir auc) auf 
ſie den Spruch: „An den Früchten follt ihr ſie erkew- 
Am ſchärfen trat dieſe Frömmelei bei Zinzen« -- 
Sude nnn mu nin 

	        

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