Full text: Haas - Ulrich Zwingli (2)

 
Intereſſant. = Interoſſe. 
ven!!! an, ſo finden wi& daß viele ſehr küchtige Lehrer. 
daran gewirkt, die tüchktigſten ſie aber immer wieder ver- 
faſſen haben, und daß kein einziger großer Mann daraus 
dorvorgegangen iſt... * Dies“ wird "leicht begreiflich, 
wenn man ſieht, daß:die. meiſten bem Grundſaß huldſs 
gen: „Alles Lernen muß ſo leicht al8 nröglich gemacht 
werden, und die Kinder ſollen. eigent< nur nach Luſt 
und ſpielend lernen.“ Dieſe Lehre ſchmeichptt ebenſo- 
ſehr der falſchen Liebe krankhafd zartlicher Eltern (mat 
nennt ſie gewöhnlich Affenliebe) , ais der Vergnügungs- 
faucht geſunder und lebensluſtiger Kinder, und wird da- 
Her immer einige Anhänger, namentlich unter den vont 
GlüEe reichlich Bedachten finden. Sie iſt nuch gar 
nicht neuz eine Schule, worein die vornehmen Römer 
ihre Kinder ſchiten, hieß fudus ( Spiel) und der Lehrex 
tudimagister (Spielmeiſter). Einen bezeichnenderen 
Namen kann man wohl kaum für die meiſten Lehrer 
der philanthropiſchen Inſtitute auffinden. Darin aber 
liegt. der Keim des Verderbens, Der Wahlſpruch der 
Üchten Pädagogie muß ſein: per aspera ad astra! 
Jeder große Mann multa tulit, fecitque puer, zud2- 
Fit et alsit! Das Leben iſt für Niemanden ein Spiel, 
ſondern inhaltſchwerer Ernſt, und wenn das der Knade 
nicht ſchon in der Schule fühlt und lernt, ſondern viele 
mehr die Anſicht gewinnt, daß das Leben ſelbſt ein Spiel 
ſei, ſo wird er hernach als ein Weichmann aus der 
Schule treten, der niht im Stande iſt, die. harten 
Stöße der Wirklichkeit zu ertragen ,. und der nie etwas 
Großes leiſten wird ,.wenn ihm auch äußere Glü>Fsum- 
ftände ſchwere Prüfungen erſparen. Wenn nun aud 
in der neueren Zeit einzelne Inſtitute, namentlich die 
&akotot'ſchen, dieſem Tadel nicht ausgefest ſind, ſo ſind 
doch der Bedingungen, unter denen' eine Privatanſtalt 
gedeihen kann, ſo viele, der Mittel, die ihnen zu Ge: 
bote ſtehen , verhältniämäßig und auf die Dauer ſo we: 
nige, daß Inſtitute, im glüklichſten Fal'e, doch im- 
mer nur auf die Theilnahme einer kleinen Anzahl von 
Familien aus einer gewiſſen Claſſe der menſchlichen Ge- 
fellſchaft werden rechnen können, ohne die Ausſicht zu 
baben, ſich jemals des allgemeinen Volksunter- 
Fichts zu demächtigen. . 
- Antereſſant, alles was Intereſſe bat oder erregt, 
d. b. was auf unſer I< Bezug hat, und auf unſer 
TJc<h und was damit zuſammenbängt .als Bezug habend 
auch erkannt wird. Eine Neiſebeſchreibung iſt z. B. 
für uns intereſſant, wenn wir ſelbſt eine ähnliche Reiſe 
gemacht haben, weil die Kenntniß-der in. Rede ſtehen: 
den Länder, Völker, Sitten u. f. w. ein Tödeil unſeres 
«IH geworden iſt, und die Reiſebeſchreibung vermit- 
teltft unſerer Kenntniß -auf unſer Jh Bezug hat. Ob 
etwas intereſſant iſt oder nicht, hängt alfo ganz von 
der Verſchiedenheit der Cinzelwoſenheiten ab; und es 
kann demnach Einzelnen intereſſant ſein ,. was es den 
Meiſten nicht iſt. Man macht cine Sache intereſſant, - 
wenn man ihren Bezug auf das IJ der Zuhörenden 
in ein helles Licht ſebt, und zwar um ſo mehr, je 
mehr uns dies gelingt. Cs8 iſt eine beſondere und un- 
entbehrliche Lehrgabe, die Lehrgegenſtände den Schü- 
fern intereſſant - machen zu können, weil nur auf dieſe 
Weiſe die Aufmerkſamkeit wach erhalten wird. (S. 
Intereſſe.) | . 
- Anterefſſe, das Verhältniß einer Sache zu mei- 
nem Ich, nach welchem ſie auf mein Wohl oder Wehe 
Einfluß hat oder zu haden ſcheint, und wona:d ich an 
ihr ''theilhabe z alſo ein gegenſeitiges Verhältniß. 
I< habe an oder bei einer Sache Intereſſe, ich bin 
dabei intkereſſirt, wenn ein Theil davon zu dem gs- 
hört, was zu meinem I< gehört, d. h. Theil meines 
Eigenthums iſt, . und des iſt die urſprüngliche Bec 
deutung (hoc interest mea, scilicet re, parte). Das 
her nennt mani Zinfen auch Intereſſen, daher ſagt 
man bei einem Unternehmen intereſſict ſein. Aber 
dieſes Verhältniß kann auf zweitrlei Art blos geiſtig 
fein 3 entweder nämlich iſt es blos gedacht, und ich bee 
rechne im Geiſte die Vortheile oder Nachtheile, die mir 
aus der Verwirklichung- entſtehen können, und auc 
dann :kann ich ſchon ſazen, : daß eine Sache für mich 
Intereſſe hat, oder aber das Verhältniß beſteht ſchon 
koirklich, aber der Gegenſtand des Verhältniſſes iſt 
geiſtig, d.h. dasjenige von der mich intereſſirenden 
Perſon oder Sache, was ein Theil meines geiſtigen 
Ih (pars animae) geworden iſt, iſt ſelbſt etwas Gei- 
ſtiges. Ein Freund hat Intereſſe für uns, wir ha: 
den Intereſſe an ihm, weil wir ſeine Seele, ſein Gö6c 
müth zu unſerem Eigenthum gemacht haben, und er 
die unſrige zu ſeinem. Freundſchaft iſt ein geiſtiges, 
moraliſches Intereſſe, Theilnahme an einem Geſchäft 
iſt ein dingliches, materielles Intereſſe, und wie der 
Geiſt höher ſteht als der Leib, ſo die geiſtigen Intereſz 
ſen höher als die dinglichen, materiellen. Man umters« 
ſcheidet daher das niedere, ſinnliche, gemeine Inc 
tereſſe von dem höheren, geiſtigen, edlen Intereſſe. 
Endlich werden auch die Gegenſtände des Intereſſe, 
des Verhältniſſes, Interefſen genannt. In dieſer 
Bedeutung find Intereſſen diejenigen geiſtigen (mora» 
liſchen) oder körperlichen (materiellen) Sachen, welche 
zu dem Wohl oder Wehe meines zeiſtigen oder leibli- 
<Hen I< entweder in einem nüblichen oder ſchädlichen 
Verhältniß ſtehen oder ſtehen ſollen. In dieſer Bes 
deutung ſpricht man namentlich in. der neueren Zeit 
von geiſtigen Intereſſen und von materiellen (ſinnli- 
<en). Intereſſen. Die Beförderung des Landbaues, 
Gewerbfreiheit , Beförderung des Handels durch ſchüc 
bende Zölle nac) Außen, durch Freiheit der Bewe- 
gung im Junern ſind materielle Intereſſen, weil ſie 
zu dem Wohl meines leiblichen I< in einem förderli- 
<en. Verhältniß ſiehnz. = Preßfreiheit, Glaubensfreis 
heit, bürgerliche Freiheit ſind geiſtige Intereſſen, weil 
ſie zum Wohl meines geiſtigen Ic< in demſelben Vers 
hältniſſe jiehen. Die höchſten Intereſſen der Menſch: 
heit ſind das Wahre, Gute, Schöne, Rechte, mit 
einem Worte: das Göttliche, und dies ſind gei- 
ſtige Intereſſen, und weil der Menſch ohne Freiheit 
nimmätmehr dazu gelangen kann, ſo iſt eben auch 
die Freiheit ein geiſtiges Intereſſe. Wehe dem Lehrer, - 
welcher in ſeinen Schülern aus dem angebornen Ge- 
fühl dafür nicht eine edle Leidenſchaft, eine Be- 
geiſterung für dieſe höchſten Intereſſen zu 'entflam- 
men weiß, der ſelbſt kein Gefühl dafür hat, erwird 
umſonſt von Glauben, von Religion, von Religioſität 
ſchwaßen, ſein Treiben wird Heuchelei und Scheinhei- 
ligkeit ſein, und wenn ſich geſündere Naturen nicht 
mit Ekel von ihm wenden, wird. er aus ſeinen Schü- 
lern Heuchler, Scheinheilige, Kopfhänger und Hypo- 
kriten machen. Deshalb hat bie Pädagogik der Hu- 
maniſten ſo viel Wahres, weil in den dbefferen Claſſt- 
kern ſich mit der reinſten Begeiſterung und inder ſchöne 
ſten Form das Gefühl für alles Wahre, Gute, Schöne 
40*
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.