Full text: Haas - Ulrich Zwingli (2)

 
 
Weßberge. --- 
wir können das Alles hier nicht mittheilen. Na der 
Verheirathung ſeiner Töchter hatte die Penſionsanſtalt 
ihr Ende erreicht und nur ein Privatunterricht dauerte 
no< fort, der aber nicht von Bedeutung blieb, da 
mehre Honoratioren anfingen, ſich Hauslehrer zu neh- 
men. Seine Muße benukte nun Heino zu ſchriftſtcl- 
leriſhen Arbeiten und er lieferte viele Beiträge zu den 
„Gemeinnükigen Blättern“ und zu dem „Hannover- 
ſchen Schulfreunde“. Im IJ. 1811 gab er folgende 
Schrift heraus: „Ueber das Gebet und deſſen zwe&- 
mäßigen Gebrauch in Schulen, nebſt Beiſpielen von 
Schulgebeten.“ Zunehmende Alter&ſchwäche, namentlich 
des Geſichtes und Gehöres, veranlaßten den Verfaſſer, 
im I. 1837 um einen Gehilfen nachzuſuchen. -= Das 
ſind die Umriſſe des merkwürdigen Lebens dieſes Man- 
ues. Das Werk hat ungemein viel Intereſſe und 
läßt uns einen tiefen Bli in das damalige hannöver- 
ſche Schulweſen thun. Der Verf. theilt viele vortreff- 
lihe Bemerkungen über Erziehung und andere Gegen- 
ſtände mit, die auc< für Nichtſchulmänner Intereſſe 
haben dürften. Jeder junge Sc<ulimann ſolite das 
Werk leſen und daſſelbe ſollte in keinem pädagogiſchen 
Leſecirkel fehlen. Sehr zu bedauern iſt, daß die ſonſt 
alles Gute ſo gern befördernde Verlagshandlung den 
Preis ſo hoch geſtellt hat, wodurch es manczem Schul 
lehrer unmöglich wird, fic) das Buch anzuſchaffen. 
Stimmen wir .auch allen Anſichten des Verfaſſers nicht 
bei, ſo wollen wir dennoch dieſes Werk Allen auf das 
Angelegentlichſte empfehlen. =- Die ſchägenswerthen 
Beilagen enthalten: 1) Cinige Worte über die Entlaſ- 
ſung der Confirmanden aus der Schule. 2) Die lette 
Stunde, welche die zur Confirmation vorbereiteten 
jungen Chriſten in der Schule zubringen, ſoll ern- 
ſten Betrachtungen gewidmet ſein. 3) Feierliche Ent: 
laſſung der Confirmanden aus der Schule. 4) Sul- 
gebete. Morgengebete (29). Abendgebete (3). Dieſe 
Gebete vorzüglich ſind eine ſchr dankenswerthe Zugabe, 
- da der Verf. es meiſterhaft verſteht, gerade den reche 
tey Ton zu treffen. 
IPVeſſenberg (Ignaz Heinrich von), Freiherr 
yon Ampringen und Feldkirch, ward am 4. November 
4774 zu Dresden geboren, wo ſein Vater am ſächſ. 
Hofe öſterreichiſcher Geſandter war. Schon frühzei- 
tig zogen ihn, den mit ausgezeichneten Talenten be- 
gabten Jüngling, die Wiſſenſchaften an und er wid- 
mete fich denſelben zu Freiburg und Wien. Wohin 
ihm fein Herz ſtand, das frommen Sinnes war, das 
wählte er auch zu ſeinem künftigen Berufe, den geiſt: 
lihen Stand. Dem alten Adel und Anſehen ſeinex 
Jamilie verdankte er ſchon als Jüngling Domherren- 
ſtellen in deutſchen Hochſtiften, ſeinen ernſten Stu- 
dien und dex Freundſchaft Carls von Dalberg Klar- 
heit und Unbefangenheit in ſeinen religiöſen Anſichten, 
ſeinem eigenen Herzen die liebevolle Frömmigkeit, die 
ihn zur Berwaltung geiſtlicher Aemter vor Andern ge- 
. ſhit machte, Er war ſchon Domdechant zu Con- 
ſtanz, als der Fürſtprimas YV. Dalberg ihn im Jahre 
1802 zum Generalvicar und Präſidenten der geiſtli- 
<en Regierung des weitſchichtigen Bisthums Conſtanz 
erhob. In dieſem bedeutenden Wirkungskreiſe arbei- 
tete er mit Kraft und Einſicht auf die Verbreitung 
tines reinen und thätigen Chriſtenchums hin. Den 
Aberglauben durch . richtige Erkenuntniß zu verdrängen, 
dadre Erbauung an die Stelle des geiſtloſen Geremo- 
Weſſenberg. 993 
niendienſtes und <riſtlihe Sittlichkeit in das Leben 
der Gläubigen zu bringen, war der Zwe, den er feſt: 
hielt und verfolgte. 
Daher ſorgte er unabläſſig für eine beſſere Bildung 
der Geiſtlichen ſeines Sprengels, munterte ſie zu wiſs 
ſenſchaftlichen Studien, literariſchen Arbeiten und 
nüblichen Mittheilungen aus ihrer Amtserfahrung 
auf, wozu das ſeit 1804 herausgekommene und mit 
den vorzüglichſten Aufſätßen derſelden ausgeſtattete 
Archiv für. die Paſtoralconferenzen, ein wirk- 
ſames Mittel wurde. Er ſuchte dabei der deutſchen 
Sprache in der kirchlichen Liturgie den ihr unter Deut- 
ſchen gebührenden Cinfluß zu verſchaffen , deutſchen 
Kirchengeſang einzuführen, und das von ihm heraus- 
gegebene Geſangbuch zum Gebrauche bei der öffentli- 
<hHen Gottesverehrung behauptet no< jekt einen hohen 
Werth. Beſonders lag. ihm der Unterri<t der Juz 
gend im Chriſtenthum am Herzen. In ſeinem gan- 
zen Wirken aber bewies er, daß er mehr Hirt ſeiner 
Gemeinde , als ein Knecht Roms ſein wolle. 
- Im Jahre 1814 ernannte ihn Dalberg mit Zu- 
ſtimmung des Großherzogs von Baden zum Coadjutor 
oder Nachfolger in. ſeinem Bisthum Conſtanz. Unter 
den gehäſſigſten Beſchuldigungen verweigerte die röz 
miſche Curie ihm die Beſtätizung, und da nach Dal- 
berzgs Tode die Capitularen von Conſtanz ihn zum 
Bisthumsverweſer erwählten, befahl dieſen der Papſt 
ſogleich, ein Subject zu wählen, das in beſſerem Rufe 
ſtände. Er that dur< dieſen Schritt mehr, als ihm 
zukam, weil ein Capitularvicar die canoniſche Beſtäti 
gung des Papſtes nicht bedarf und dieſe einem Coad- 
jutor auf unerwieſene Beſchuldigungen hin nicht ver- 
weigert werden kann. Ueberdies beſtimmen die Con- 
cordate der deutſchen Fürſten mit dem Papſte, daß 
jeder bei Leäterm Angeklagte ſich vor delegirten Rich: 
tern ſeiner Nation in Deutſchland vertheidigen darf. 
Au<h dies wurde dem edlen Weſſenberg verweigert 
und die unbedingte Niederlegung ſeines Amtes gefor- 
dert. Er reiſ'te daher noch in demſelben Jahre nac 
Rom, um ſich perſönlich zu rechtfertigen. Die ein- 
zige, aber ſchöne Frucht dieſer Reiſe war ein Band 
Gedichte unter dem Titel: „Blüthen aus Italien“, 
welche ſeinen ſchon früher durch treffliche religioſe Gez 
dichte und durch ſeine größere epiſche Dichtung Fe- 
nelon (1812) begründeten guten Ruf erhöhten. 
Seinen Hauptzwe>& hatte der Edle in Rom nicht 
erreicht, ja alle ſeine weiteren Vertheidigungsſchriften 
wurden unter wahrheitswidrigen und ungerechten Vor- 
würfen ſtets -zurükgewieſen und man begehrte ſchlech- 
terdings das unbedingte Verzichtleiſten auf ſein Amt. 
Durch dieſe, jeden Rechtsweg abſchneidende Härte und 
despotiſche Willkür ſah ſic Weſſenberg genöthigt, der 
römiſchen Curie endlich zu erklären, daß er auf der 
Linie ſeiner Verpflichtungen gegen ſeinen 
Landesherrn, das Bisthum Conſtanz und 
Deutſchland ſtillſtehen müſſe, nachdem er ſeine 
perſönlichen Geſinnungen gegen das Oberhaupt der 
katholiſchen Kirche ausgeſprohen habe. In dieſer 
männlichen und geſeßkmäßigen Haltung gegen die rö» 
miſche Curie beſtärkte ihn der Beifall ſeines Großhexr- 
z0g8, der ſich Willens erklärte, den Generalvicat 
von Weſſenberg in der Ausübung ſeines Am- 
tes ferner zu erhalten und zu ſc<hüken, und da- 
mit den Befehl an ihn verband, ſich durch nichts. 
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