Full text: Haas - Ulrich Zwingli (2)

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was ſich nicht dur< klares Recht der Kirchen- 
lfabungen und feſtbegründete Obſervanz über 
alle Zweifel erhoben habe, in ſeinem Amte 
ſtören und beſchränken zu laſſen. Zugleich er- 
klärte der Großherzog dieſe Sache für eine allgemeine 
Kirchenangelegenheit deutſcher Nation und brachte ſie 
an den Bundestag zu Frankfurt. 
Da nun aber im Jahre 1827 das von Weſſen- 
berg verwaltete Bisthum in Folge des Concordates 
mit dem römiſchen Stuhle aufgeloſ?t und nach Fret- 
burg verlegt wurde, ſo wurde daſelbſt ein eigener Erz- 
biſchof angeſtellt. Seit dieſer Zeit lebt nun der vor- 
her ſo edel und erleuchtet wirkende von Weſſenberg 
in der Stille zu Conſtanz und benukt ſeine Rahezeit 
zu literariſchen Arbeiten. 
Wir beſißen von ihm folgende Schriften: „Jeſus, 
der göttliche Kinderfreund“ (1820)z „die Bergpredigt 
unſers Herrn und Erlöſers“ (5. Aufl. 1846)3; „Jo- 
hannes, der Vorläufer unſeres Herrn“ (1821)z „die 
Auferſtehung unſers Herrn“ (1821)3; „das heilige 
Abendmahl“ (2. verb. Aufl. 1846); „Magdalena“ 
(1824)3 „Nicodemus. Cine Erzählung.“ ZS. verb. 
Aufl. (St. Gallen 1846. 10 Nar.)z und die „Pa- 
rabeln und Gleichniſſe des Herrn vom Reiche Gottes" 
(1839). Im Jahre 1833 erſchien von ihm: „Weſ- 
Fenberg von, über die Bildung der gewerbtreibenden 
Claſſen überhaupt und in Baden insbeſondere , nebſt 
einem Anhange von Straßer“ (Bemerkungen über 
die Einrichtung der Gewerbsſchulen. Conſtanz). Im 
Jahre 1886 gab Derſelbe heraus: „Betrachtungen 
über die wichtigſten Gegenſtände im Bildungsgange 
der Menſchheit.“ Aarau. 8. Sein für jeden Pä- 
dagogen und Freund des Schulweſens wichtigſtes 
Werk aber iſt folgendes: 
Die Elementarbildung des Volks in ihrer fortſchreitenden 
Ausdehnung und Entwi&kelung. Neue, ganz umgearbeitete 
und doppelt vermehrte Aufl. Mit dem Motto: Omnes 
homines, qui gege atudent praestare ceteris animalibus, 
summa ope niti decet, n6 vitam transeant, veluti pecora, 
quae natura prona atque ventri obedientia finxzit. Sal- 
ust. Bell. Cat. 1, Gonſtanz, bei Glü>her. 1835. (1 Thlr. 
18 gGr.) * 
Wir fähren aus der höchſt inkereſſanten Vorrede dieſes 
für die Geſc<hi<te des Volksſchulweſens in und 
außer Deutſchland überaus wichtigen Werkes folgende 
Stille auf: | 
„Doh es giebt auc Mandhe , die dem Streben na<h ver- 
beſſerter Volksbildung die Beſorgniß, das Chriſtenthum möchte 
efährdet werden, entgegenhalten. Wie ſchr ſteht dieſe Be- 
orgniß mit dem Weſen des Chriſtenthums in Widerſpruch! 
Iſt doch keine Lehre, die ſo nac<hdrüEwlich zur Liebe des Lichts 
und zum Wandeln im Lichte aufforderte , pv ſtark gegen jede 
Lüge , jede Täuſchung eifert, als gerade das Chriſtenthum, 
welches von Demjenigen, der an Geiſt und Gemüth roh und 
ungebildet iſt, nicht einmal klar und vollſtändig aufgefaßt wer- 
den und ſich in ihm nicht gehörig entfalten kann. Nicht beſ- 
ſere Volksbildung , die den Geiſt aufhellt, ſondern Unwiſſen- 
beit, Berſinſterung, Barbarei iſt es, die dem Chriſtenthume 
Gefahr bringt. Nirgends gedeiht das Chriſtenthum beſſer, 
als unter dem Schutße wahrer Aufklärung , ſo wie dieſe nir- 
gends ungeſtörter fortſchreitet, als unter dem Shuße dcs 
Ehriſtenthums'“' u. ſ. w. 
Möge das <hriſtliche Herz, das in dieſen Worten 
ſpricht, noc< lange auf Erden fortwirken, ehe die 
Nacht kommt, da Niemand wirken kann! Möge der 
hohw. von Weſſenberg noc< ſelbſt eine dritte ver- 
mehrte und umgearbeitete Auflage der „Clementarbil- 
dung 2c.“' beſorgen. == Sira< 39, 18 und 14. 
Weſſenberg, = Wetteifer. 
Wetteifer -- Nacheiferung., „Es iſt ſehz 
ſeltſam, daß man, ſeitdem man ſich um die Erzie» 
hung der Kinder bekümmert, kein anderes Mittel zur 
Leitung derſelben erfunden hat, als =-- Wetteife 
(l'Emulation) , Eiferſucht, Neid, Eitelkeit, Habſucht, 
niedrige Furcht, gerade die gefährlichſten und erregbar» 
ſten Leidenſchaften, welhe am geeignetſten ſind, die 
Seele zu verderben, ſogar, ehe der Körper noch aus- 
gebildet iſt.“ So urtheilt Rouſſeau (Emils. livrs 
IL, pag. 122 des erſten Theiles der Pariſer Stereo: 
typ-Ausgabe von 1817) und in der Hauptſache hat 
er gewiß nicht Unre<t. Wenigſtens ſo viel müſſen 
wir unbedingt zugeſtehen, daß der Lehrer bei Erregung 
des Wetteifers unter ſeinen Schülern nicht vorſichtig 
genug ſein kann, An dem ungemeſſenen Ehrgeize 
vieler: Unſerer Zettgenoſſen hat gewiß die Erziehung 
derſelben großen Antheil, und davon, daß ihrer nicht 
Wenige keine andere Religion haben, als die trüglichen 
Geſee der Chre, trägt auch wohl die Schule einen 
Theil der Schuld... In dem Artikel „Chrtrieb“ 
(Th. 1. S. 540 f.) haben wir ſchon darauf hingewie- 
ſen, wie nothwendig es ſel, den Ehrgeiz zu beſchrän: 
kin und den Ehrtrieb auf das Weſentliche hinzulen» 
ken. Hier haben wir nur noch einiges Wenige über 
den Wetteifer als pädagogiſches Reizmittel zu ſagen. 
- „Ein mächtiger Hebel des Fleißes in Schulen -- 
ſo ſpricht ſich Niemeyer (Grundſäße der Erziehung 2c. 
8. Aufl. Th. 11. S. 3555 ff.) über dieſen Gegenſtand 
aus --- war von jeher die Nacheiferung, deren ed» 
lerer Quell in dem Streben nach. Ehre und Achtung 
bei Anderen entſpringt. Der Erſte in ſeiner Claſſe, 
oder do; unter den Erſten zu ſein, die beſte Ar» 
beit geliefert zu haben, in der Prüfung gut, oder gar 
am beſten zu beſtehen, war für edle Gemüther immer 
das Ziel ihres Strebens. Dies kann zwar kadelhafter 
Ehrgeiz werden, aber .wer möchte es geradehin ſchwä- 
<en wollen? Die Schule kann daher ſo wenig als der 
'Staat ihre Ehrenſtellen entbehren, ja ſie können in 
ihr oft rüſichtsloſer und gerechter als von dieſem ver» 
theilt werden. Schon im Alterthume haben ſie be: 
. rühmte Jugendlehrer empfohlen und mit Erfolg ange» 
wendet. (Quiact, Inztit. 1. 2.) Das Alter und die 
Beſchäffenheit der Schüler muß das Nähere beſtim- 
men. In früheren Jahren iſt das Certiren ein 
nübliches Aufregungsmittel.“ 
Vgl. d. Art. „Certiren“ =“ Th. 1. S. 3889 ff. 
„Das Lociren nac<4 dem Verdienſt, beſonders 
nach gelieferten Arbeiten, die Abſonderung der Vorzüg» 
lichſten und GeſchiFteſten, ſo wie der Unwiſſenden 
und Trägen durch die Ehrenplätße bis zur faulen 
Bank, dies Alles verfehlt, ſobald nur ſtrenge Gerech- 
tigkeit darüber waltet, ſeines Zwees nicht." 
- [Man ſehe: „Claſſenort und Claſſenſit“ --- 
Th. 1. S. 413 f.] 
„Die Verſetzung in höhere Claſſen abek 
bleibt in großen Schulen das Hauptziel der Schüler, 
Dieſe ſollte daher theils nach feſten Principien, theils 
mit ſorgfältiger gemeinſamer Ueberlegung und Berück» 
ſichtigung deſſen, was für jeden Zurübleibenden odet 
Fortrü&kenden das Beſte iſt, theils mit gehöriger Feier: 
lichkeit vollzogen werden.“ 
[S. „Claſſenverſebung“ --““ Th. 1. S. 424.] 
Nirgends iſt wohl vom Wetteifer ein ausgedehn“ 
terer und verderblicherer Gebrauch gemacht worden, 
 

	        

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