Full text: Haas - Ulrich Zwingli (2)

Wiſſenstrieb. = Wit. 
Dinge, die man kennen (wiſſen) lernt, ſteigernd auf 
die auffaſſenden Vermögen einwirken, denn auch durch 
herabſtimmende Einwirkungen (ſ. Antrieb) ſtumpft 
ſich das angeborene Streben jederzeit ab. Dabei iſt es 
ganz gleichgiltig , wie der Gegenſtand an ſich beſchaffen 
ſei. Auch das, was Tauſende ſonſt gleichgiltig läßt 
oder wohl gar verſtimmt, kann mich ſteigern, falls nur 
ſonſt die Verhältniſſe dies unterſtüßen, und dann ent- 
ſteht und wächſt mit dieſer Steigerung auc) der Trieb 
für deſſen Erwerbung. Fühlt man die Kraft erhöht, 
gefördert, ſo kann nach der Natur unſerer Seele dieſer 
Erfolg nicht ausbleiben. Daher ſehen wir z. B. todte 
Sprachen von Manchem mit einem Eifer betrieben, 
der Denen unbegreiflich vorkommt, die ihr Wohlgefal- 
len nur an Sachen, an den ihnen nahe liegenden 
Dingen findenz daher kann die abſtracte Zahl eine Be- 
geiſterung erwe&en, die dem des Rechnens Unkundigen 
immer fern bleibtz daher liebt Manc<her die Wappen- 
kunde , vor welcher ein Anderer als vor etwas Dürrem 
und Unfruchtbarem ſich ſorgfältig verſchließt 2c. CEhr- 
und Lohnſucht können allerdings ebenfalls zur Erwer- 
bung von Kenntniſſen treiben und ſo für das Wiſſen 
einen Trieb veranlaſſen. Da aber dieſer Trieb nicht 
aus der Sache ſelbſt kommt, ſondern nur ein geborg- 
ter, fremdartiger iſt, ſo läßt er ſofort na<, ſobald die 
Ehre oder der Lohn wefällt, in ähnlicher Art, wie das 
Nad in der Maſchine ſeine treibende Kraft verliert, 
wenn das Waſſer, von dem es den Anſtoß bekam, 
nicht mehr zuſtrömt. Solche Wiſſenstriebe ſind nicht 
zu wünſchen, ſondern als Mißbildungen zu betrachten, 
die den Character des Menſchen verderben. Es iſt der 
AuSsgleichungsproceß, der dieſe übertragenen Triebe er- 
HRärtz; ſie gleichen den hölzernen Beinen, die in ſich 
keine Lebenskraft haben, ſondern lediglich von den leben- 
den Gliedmaßen in Bewegung geſebt werden. Der 
vernünftige Erzieher kann alſo nur wollen, daß jeder 
Wiſſenstrieb aus der Sache ſelbſt komme, die gelernt 
werden ſoll, und ſo folgt, daß er ſie in ſteigernder 
Form mittheilen müſſe, ſonſt erlangt ſie keinen ſelbſt» 
eigenen Trieb, auf deſſen Dauer man ſich verlaſſen 
kann. 
Was gehört nun dazu? Man mache das zu Ler- 
nende intereſſant durc; den Ernſt und die Liebe, mit 
der man es betreibt, dur< die Klarheit, mit der man 
es vorträgt, dur< die Verſtärkung, die man ihm mit- 
telſt zwe>mäßiger Wiederholung giebt, durch die wohl« 
thätigen Folgen, die man davon aufzeigt, durc; das 
Bewußtſein der gewachſenen Kraft, das man dem 
Schüler bei jeder paſſenden Gelegenheit verſchafft. So 
wachſen die Lerntriebe, und der Wiſſenstrieb wird ſich, 
da er nur die Summe derſelben iſt, nach allen Seiten 
hin erweitern. .!' D--r. 
Lit. So lange das völlig Gleichartige in der 
menſchlichen Seele noh in geringem Umfang erworben 
iſt. wird und muß das Geſeß der Anziehung =“ das 
Combinationsgeſeß (ſ. d. Art.) -- ſich im Bereiche des 
blos Aehnlichen wirkſam erweiſen, und da in der erſten 
Hälfte der Kindheit blos das in dcr nächſten Umge- 
bung Liegende zu Begriffen verarbeitet werden kann, 
weil nur dieſes ſich täglich von Neuem der Wahrneh: 
mung darbietet --- die Auffaſſung des Uebrigen iſt 
noh zu bruchſtüFartig = ſo muß dieſes Alter die Pe- 
riode ſein, wo die Combinationen des blos Ächnlichen 
mit einer gewiſſen Nothwendigkeit entſtehen, gerade ſo, 
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wie ſolches auch im Kindesalter der Menſchheit geſchah, 
wo die wibigen und gleichnißartigen Combinationen 
vorherrſchten , indem erſt ſpäter das Denken in eigent- 
lichen , ſtrengen Begriffen und Urtheilen =-- das philo- 
ſophiſche Denken --- hervortrat, eine Erſcheinnung, 
welche der Geſchichte zufolge ſich bei jedem zur Bildung 
heranreifenden Volke wiederholt hat. Bei Kindern 
muß dieſe Zuſammenerregung des Aehnlichen nament- 
lich auc) um deswillen leicht eintreten, weil ihre größere 
Lebendigkeit und Beweglichkeit dieſen Vorgang unge- 
mein begünſtigt, ſo daß nur ſehr ſchläfrige und matte 
Köpfe hiervon eine Ausnahme zu machen pflegen. Bei 
allen geiſtig gewe&ten Kindern findet ſich vielmehr eine 
Periode , wo ſie, auch ohne Anleitung und Vorbild, 
mit den erworbenen Vorſtellungen mannigfach ſpielen, 
und aus eigener Triebkraft eine Menge von wikigen 
Zuſammenſtellungen bilden. Unerfahrene Eltern ſehen 
dies gewöhnlich als das Merkzeichen großen Talents 
an und werden nicht müde, von den bewundernswür- 
digen Einfällen ihrer Lieblinge Andern zu erzählen und 
wiederzuerzählen, bis ſie endlich) zu ihrem Leidweſen 
entde&en, daß an die Stelle dieſer Erſcheinungen etwas 
ſehr Nüchternes und Alltägliches getreten iſt. 
Natürlich! Cs iſt bloß die nämliche Anziehungs- 
kraft, welche jest das wißig Combinirte und welche 
ſpäter die Elemente für die Begriffs= und Urtheilbil- 
dung zu einander bringt. Aber eben hieraus ergiebt 
ſich, daß wir jene Wikfunken als eine weſentliche Vor- 
bereitung für die Verſtandesbildung anzuſehen haben. 
Die Begriffe und Urtheile werden auf Grundlage des 
gleichen Entwi&elungsgeſeßes eintreten, ſobald ſich eine 
größere Anzahl von Vorſtellungen angeſammelt hat, 
die einander in höherem Maße gleichartig ſind, als die 
bisherigen. Alle wiſſenſchaftlichen Erkenntniſſe haben 
ſich ebenſo aus der anfänglichen Zuſammenſtellung des 
blo8 Aehnlichen hervorgearbeitetz es waren Cinfaälle, 
wie man ſie damals blos haben konnte, und leider muß 
man ſagen, daß no<; mehre Wiſſenſchaften dieſen 
Kindheitsharacter an ſich tragen; ſie ſteXen noch tie“ 
in witzigen und Gleichniß:-Combinationen, wie nament: 
li< die Philoſophie mit allen ihren Zweigen, und es 
wird noch lange währen, ehe ſie zu eigentlichen Wiſ- 
ſenſchaften heranreifen, wo man nicht bloße Metaphern 
für Begriffe anſieht, die das Wirkliche , was von den 
Dingen zu prädiciren iſt, als Nothbehelfe übel genug 
vertreten. Metaphern ſind blos ungefähr paſſende 
Prädicate, keine wirklich zutreffende (f. bildlich). Cs 
hieße jedoch das eigentlic Intellectuelle in dem Kinde 
verkümmern, wenn man dieſe Vorſpiele ganz unter- 
drüken und nicht vielmehr als Uebergang zu den Bec 
griffen und Urtheilen pflegen wollte. | 
Möcten nur nicht die meiſten Combinationen des 
Wikes ein glänzender Schein ſein, der bei genauerer 
Betrachtung in Nichts verſchwindet?! Nur wenige 
beziehen ſich auf Cigenſchaften von ſo bedeutendem 
Characker, “daß ſie zur Grundlage für die Begriffs: 
bildung und ſomit für ein Denken werden können, 
Hört doh der Wit meiſtentheils ſogleich) auf, Wik zu 
ſein, wenn er mehr enthält, als das blos auf der Ober- 
fläche der Betrachtung Liegende. Dabei wird er leicht 
noh von einer andern Seite her gefährlih. Er hat 
nämlich ſeiner Natur nach etwas Piquantes , deſſen 
Wohlgefühl gerade in der kindiſchen, noch überwiegend 
leeren Seele gern einen gewiſſen Rauſch erzeugt, wo-
	        

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