Full text: Schulpolitische Beilage - 1.1920/21 (1)

„Pädagogischen Madie". 
Herausgegeben von 3er schulpolltischen Abteilung öes KaffioJisrfien LehrernerbanSes. Provinzw sff on 
Schriffleifunq; ITIIttelschullehrer Kaufholö, Dortmunö, Lübechersfraße 24. 
Nr. 5. 
Februar 1921. 
I. Jahrgang. 
Inhalt: 
Der Wille zur Macht. —* Zur kollegialen Schulleitung. — Philosophie und Schulpolitik. 
— Schulpolitisches Material. — Briefkasten 
Ser Wille zur Macht. 
Die Lehrerschaft besitzt ihn seit langem. Alle ihre Führer haben 
das Ziel im Auge, dem ärmlichen, gedrückten, gegängelten Volks- 
schullehrer das starke Wirken einer freien Persönlichkeit zu ermög 
lichen, dem ganzen Volksschullehrerstande Einfluß auf unser öffent 
liches Leben zu gewinnen. Der Wille zur Macht ist vorhanden, der 
Weg zur Macht fehlt. Man sagt: Wo ein Wille ist, ist ern Weg! 
Das ist eines der erlogensten Sprichwörter! Unser grausiges 
Schicksal sollte das lehren. Hatte das deutsche Volk nicht den felsen 
festen Willen, sich in der Welt zu behaupten, gegen die berühmte 
„Welt von Feinden" sich siegreich zu verteidigen? Zu welchen un 
geheuren Opfern führte dieser Wille? Sie waren vergebens. Unsere 
Spartakisten und Kommunisten sind sicher nicht willensschwach. Die 
zerschossenen Gebäude und die zerfetzten Leichen einiger Tausend 
Deutschen sind kaum noch zu überbietende Merkzeichen ihres ent 
schiedenen und doch — bis jetzt — vergeblichen Wollens. Und wir 
selbst? Können wir noch bestimmter „wollen", daß endlich unser 
Gehaltselend beseitigt, unser Einkommen mit unsern Ausgaben in 
Einklang gebracht wird? Und der Erfolg? Alle Lehrerzeitungen 
Hallen Wider von den bittersten Klagen über den Rückstand gegen 
über Arbeitern, Angestellten, Reichs-, Staats- und Gemeindebeam- 
ten, freien Berufen, kurz unserem ganzen Volke. Vielfach ward 
scholl der Volksschullehrer als der unterste, der einzige Prolet be 
zeichnet. ^ t „ 
Sollte an diesem Mißerfolg wirklich unser Wollen schuld iem? 
O nein! Das Wollen haben wir, das Vollbringen finden wir nicht. 
Wo ein Wille ist, ist noch lange kein Weg gegeben. Der Irrwahn, 
daß Wille und Weg eng verbunden seien, lähmt die Krafr der Lehrer, 
er läßt sie im Sumpfe sitzen und führt nur dazu, daß sie immer ver 
zweifelter an ihrem Zopf zerren, um sich aus der klebrigen, ver 
derbenbringenden Umwelt zu befreien. Eine schmerzhafte, gänzlich 
unfruchtbare Münchhausiade, bisher eine Lieblingsbeschäftigung 
zahlloser Lehrervereine. 
Einige Ungeduldige werden schon lange rufen: Weißt du den 
Weg? Heraus mit dem Federwisch! 
Ich glaube, ihrr zu keimen, aber er wird der Lehrerschaft wenig 
gefallen; es ist eine etwas harte Straße, und wenige sind, die sie 
wandeln wollest, besonders jene Nicht, die seit fünfzig Jahren rasche 
Taten verlangen, längeres Warten für ausgeschlossen erklärten, aber 
bis heute nichts erreicht haben und in fünfzig Jahren die Jahr 
hundertfeier ihres Mißvergnügens begehen werden. Daraus geht 
hervor, daß der Weg nicht kurzweilig ist; aber es ist doch ein Unter 
schied, ob man seine Zeit mit offenem Mund in der Hoffnung auf 
die gebratene Taube verbringt, oder inzwischen ein Ferkel züchtet 
und dann Schlachtetest hält. Das Bild ist unschön und nur in dem 
geringen Umfange zutreffend, als es dem Lehrer zuruft: Hilf dir 
selbst! - 
Was haben die Lehrer getan, um ihre Forderungen durchzu 
setzen? Sie haben: 1. gebeten, 2. gefordert. 3. geschimpft, 4. gedroht, 
5. geklagt. 6. beschuldigt, 7. sich gezankt. Dann sind sie nach Hause 
gegangen und haben gesagt: Es war wieder nichts! 
Immer waren sie sich über eines einig: die Hllfe muß von außen 
kommen, andere müssen uns retten! 
Wer weiß etwas anderes? Einzelne Lehrer, jawohl, die sind 
darüber hinausgegangen, aber die Lehrerschaft als solche hat sich 
mit solch wenig erbaulichem Tun begnügt. Und wenn dann nicht 
alle Lehrer da waren, um sich zu entrüsten, dann entrüstete man 
sich über sie; es gehe der Lehrerschaft noch lange nicht schlecht genug, 
das beweise die Teilnahmslosigkeit, keine 70 Prozent seien anwesend. 
Man sitze zu Hause und lasse andere.für sich arbeiten, die zu Hause 
aber sagten: Es nützt ja doch nichts! Und sie werden, leider recht 
behalten. 
Welch ungeheurer Aufwand von Zeit, Geld, Arbeit wird von 
der Lehrerschaft nutzlos vertan! Nutzlos! Das mögen einige 
Beispiele zeigen. 
Mit einer ganz unangebrachten Erregung nahmen die Lehrer 
die Rücknahme des Hoffmannerlasses über die geistliche Schulaufsicht 
auf. Proteste ohne Zahl, Entschließungen, Beschwerden, Kampf 
ansage. Und doch war die geistliche Schulaufsicht ein toter, völlig 
gestorbener Leichnam. Es wäre zum Lachen gewesen, wenn es nicht 
jo traurig stimmte, wie man auf diesen leblosen Körper hieb, stach, 
schoß, mit Handgranatelt warf, weil da und dort ein Uebernervöser 
behauptete: Hei lebet noch! Wieviel unnütz verschwendete Kraft! 
Aber noch viel größerer Schaden entstand. Weite Kreise haben 
starken Anstoß an dieser Bewegung genommen. Manche Lehrer 
werden sagen: das-ist uns gleich! Wir sind wir! Was kümmern 
wir uns um andere! Wir haben den Willen zur Macht! — Leider 
ist ein sehr großer Teil der Lehrer wenig geneigt, auf die Stimmung 
der Nichtlehrer Rücksicht zu nehmen. Man liebt die Filzpantoffeln 
nicht. Aber auch der große Friedrich mußte hören und berücksich 
tigen: „Wollen Ew. Majestät die Battererie allein erobern?" Bet 
Reichstagswahlen werden rund 30 Millionen Wahlstimmen im 
Deutschen Reiche abgegeben. Auf die Lehrer aller Art mit Weib, 
Kind und Kegel entfallen höchstens reichlich 1 Prozent. „Steht auch 
einer gegen 10, keinen sollst du wanken sehen!" rühmt das Soldaten 
lied. Aber einer gegen 100! Das ist ein selbstmörderischer Kampf, 
die Lehrer haben ihn mit Vorliebe geführt. Man rechnet auf den 
Zusammenschluß mit den Beamten! Aber auch dann kommen noch 
nicht 10 Prozent der Wähler heraus, und geholfen ist nicht viel. 
Die bayrischen Lehrer sollen neuerdigns in die Beamtenkörper ein 
gereiht werden. Da find es ihre Bundesgenossen, die sehr mächtigen 
Berkehrsbeamten, die erklären: „Die Staatsbeamten erblicken darin, 
daß sie wirtschaftlich und sozial nicht hinter die Volksschullehrer 
zurückgesetzt werden, einen Ehrenpunkt und eine Lebensfrage ihres 
Standes. Sie sind nicht gesonnen, dies hinzunehmen!" Und doch 
sollte bloß der Gebaltsrückstand der Volksschullehrer ausgeglichen 
werden. So einfach ist also die Sache nicht, und die Lehrer täten 
gut, sich mehr um die Ansicht anderer Leute zu kümmern. 
Ganz ähnlich steht es mit der kollegialen Schulleitung. Das 
Rektorat der Vergangenheit ist ebenfalls tot. Außerdem steht die 
Neuregelung bis auf wenige strittige Punkte fest. Die zahlreichen 
Sitzungen im Ministerium sind doch nicht ganz zwecklos gewesen. 
Und doch welche Uebernervosität der Rektoren, der Rektorenwärter, 
der Lehrer, wieviel Zank und Stank, wieviel Erbitterung und 
Aerger — um nichts. Zwecklos! Doch nicht ganz! für die Lehrer 
schaft von höchster Bedeutung, weil ihre Unfähigkeit erwiesen wird, 
überhaupt die Zeichen der Zeit zu verstehen. Eine Welt geht unter! 
Niemand weiß, ob Spartakus morgen herrscht, ob unser Deutsches 
Reich den Frieden überlebt, ob das deutsche Volk nächstens ver 
hungert oder erfriert. Unsere Schule steht vor grundlegenden Um 
wälzungen, sie bedrohen und begeistern uns. Alle Kräfte müßten 
sich anspannen, um zu retten, zu beleben, zu heben und zu behaupten. 
Statt depen äußern wir unsern Willen zur Macht, indem wir unS 
um Worte zanken Und unsere besten Köpfe, unsere temperament 
vollsten Herzen sind dabei, sic, aus die wir das Schloß unserer Hoff 
nung bauen wollen. Kann da mehr als eine Hundehütte heraus 
kommen? Hirnverbrannt war die Annahme, es könnte in Zukunft 
die Kirche zuviel Recht über die Schule behalten, nicht viel gescheiter 
ist die Furcht, es möchte zuviel Autorität bestehen bleiben. Der 
Wagen der Zeit rollt in sehr schnellem Tempo. Wer scheltend nick» 
befehlend darieben herläuft, wird zwar schließlich ungeheure Arbeit 
geleistet haben, aber sein Schweiß hat Straßensteine gedüngt, die 
Früchte wird er mit gleichem Erfolge nach Monaten oder Jahren 
suchen. Der Kutscher bestimmt den Weg des Wagens. Wir haben 
bisher das Kutschieren nicht erlernt und werden nie hinter dies« 
Kunst kommen, wenn wir uns mit dem erfolgreichen Krieg im 
eigenen Lager weiter beschäftigen. 
Und nun die Gehaltsbewegung! Der Menschheit ganzer 
Jammer: packt uns an, wenn wir an den Kriegsgewinn der Lehrer 
schaft, ihre leeren Beutel und Bäuche, ihre hungrigen Kinder und 
hart arbeitenden Frauen denken. Aber die Lehrer haben den Willen 
zur Macht und wollten also in kurzer Zeit die Ungerechtigkeiten 
beseitigen, die Sünden der Vergangenheit sühnen und die Schäden 
ihres Standes heilen. 
Der alte Haller sagt in seiner „Staatswiffenschaft", daß „es 
nur drei große Kräfte oder Prinzipien der Oberherrschaft gibt, 
nämlich die Ueberlcgenheit an Eigentum oder Glücksgütern an 
Tapferkeit oder Geschicklichkeit und an Geist oder Wissenschaft"' Die 
Lehrer haben sich neuerdings auf die Tapferkeit verlegt- sie ent 
rüsten sich, droben, liebäugeln mit Streik und andern Gewaltmitteln 
und manches harmlose Gemüt meint, man müste den da oben" 
einmal gründlich die Wahrheit, sagen, sie müßten erfahren, wie es 
ur der Lehrerschaft stehe, sie wurden vor Schrecken erbleichen, wenn 
sie diesen Vesuv von Erbitterung und Leidenschaft einmal feuer 
speiend wahrnehmen könnten. Wieviel schöne Reden sind wohl schon 
ausgedacht worden, die man an maßgebender Stelle halten würden
	        

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