Matter für Anstalts-Pädagogik
Nr. 5. Beilage zu ,Pharus', heft JO 1911.
Jährlich erscheinen mindestens 4 Nummern.
tlffwiH* Allgemeine Anstaltspädagogik: Mehr Erziehung (Zehengang!
vlU/UII« Erinnerungsproben) — Fragekunst und Lügen — Besinnungsarbeiten.—
Praktische Winke: Erziehungsbeispiele für die Praxis — Beschäftigungen — Bücher
verzeichnisse. — Organis atio ns arbeit: Zweite Tagung für Anstaltspädagogik — Ver
band für katholische Anstaltspädagogik — Bisherige Organisation. — Anfragen. —
Sprechstelle des Schriftleiters.
Allgemeine Anstaltspädagogik.
Mehr Erziehung!
Die Anstaltserziehung ist zunächst
Massenerziehung. Als solche stützt sie
sich hauptsächlich auf den Massenbefehl.
Der Befehl wird so zum häufigsten Ver
mittler zwischen Erzieher- und Zöglings
willen. Je rascher nun der Zögling dem
Befehl nachkommt, desto mehr gewinnt
er beim Erzieher.
Ich meine nun aber, daß wir doch
die Wirkungskraft des Befehls auf den
Zöglingswillen (innerhalb der Masse)
überschätzen.
Was dann, wenn der Zögling nicht
in der gewünschten Weise unsern An
ordnungen nachkommt? Wollen wir dann
sofort tadeln, poltern, zürnen, strafen?
Haben wir da wirklich schon das Unsrige
alles getan? Oder sollten wir nicht noch
daran denken, ob der Wille unserer Zög
linge nicht durch andere Art der Be
handlung angeregt und gestärkt werden
könnte? Wir wissen doch wohl, daß sich
unsere Zöglinge nicht ohne weiteres er
ziehen lassen wollen; fürs erste bedeutet
für sie die Anstaltsordnung immer einen
Zwangseingriff in ihre eigene Freiheit;
sodann, was nicht übersehen werden darf,
haben unsere Zöglinge nicht aus eigenem
die Erkenntnis, daß die Erziehung für
sie notwendig ist. Der Erzieher gilt
ihnen ja bekanntlich im allgemeinen weit
weniger als der Lehrer. Der letztere
bietet ihnen greifbare, nützliche Wissens
stoffe und entscheidet über das Vorrücken
in der Schule und greift damit unter
Umständen recht unangenehm fühlbar in
das künftige Berufsleben ein. Außer
dem läßt fich der allmähliche Fortschritt
im schulischen Gedächtnis- und Ber-
standeswiffen kontrollieren; der Schüler
kann ihn viel unmittelbarer selbst wahr
nehmen; wird ihm sein Schulwissen tag
täglich portionsweise vorgelegt und findet
er es ja zum Nachlernen in seinen
Büchern gedruckt. Aehnliches fehlt für
die Tätigkeit des Erziehers.
Hier müßte eingesetzt werden, wenn
wir unsere Zöglinge für die praktische
Bedeutung unseres Berufes gewinnen
wollen. Die Zöglinge müßten erkennen
lernen, daß auch die Forderungen des
Aastaltslebens eine Art Unterrichtsstoff
darstellen, der ebenso gelernt und geübt
werden kann und muß, nur daß hierbei
eben in erster Linie der Willens-
apparat in Anspruch genommen wird.
Diese Erkenntnis kann auf die mannig
fachste Weise angebahnt werden. Im
folgenden seien einige Beispiele aus der
Praxis skizziert.
Erstes Beispiel: Zehengang!
Es beginnt sich die Gewohnheit im
Institut N... einzuschleichen, daß die
Zöglinge mit Geschrei die Treppen
herunterstürmen. (Eine schlechte Ge
wohnheit, die auch im spätern Leben als
Unart und Ungezogenheit gilt!)
Der Präfekt will sie wieder zurück
dämmen.
Was soll er tun? Soll er mit
Donnerstimme in die stürmende Masse
„Halt!" hineinrufen? Soll er eine er
zürnte, polternde Strafrede (Moral-
predigt) halten und Strafe verhängen?
Lassen wir einen Präfekten erzählen,
wie er es gemacht hat! Der Präfekt
hatte einen Lehrerkollegen, der unter
anderm auch die Turnstunden abhielt
(es war mit dem Internat auch die
Schule verbunden). Beide verstanden sich
sehr gut miteinander und arbeiteten
einander, wo es nur immer angängig
war, in die Hände. Auch diesmal teilte
der Präfekt seinem Kollegen seine Sorge
mit. „Dem wollen wir schon abhelfen',"
meinte dieser. „Ich will die nächsten