Full text: Mitteilungen der Gesellschaft für Deutsche Erziehungs- und Schulgeschichte, Berlin. Beihefte VIII - 1904 (2)

2.--3. Dezember 1800, | . ol 
 
mit Innigkeit. Um halb 11 Uhr lockte uns die Janitscharenmugik in den 
Lustgarten. Ich g8sprach H. von Kleist, Gouverneur in Magdeburg. Er 
erinnerte aich meines Vaters. Nach 11 Uhr zur Königin, die vom Fenster 
herab die Parade angegehn hatte. Bie lieſs gich mit mir nicht ein, er- 
wähnte auch des Schauspiels nicht. Ich fragte also unmittelbar den König, 
ob er genehmige, daſs Prinz Fritz das heutige Stück Herrmann von Unna 
Sehn und daſs er es in der königlichen Loge gehe. In der Zastrowschen, 
wo wir das vorige Mahl gewesen, übersähe man nur ein Drittheil des 
"Theaters, hätte die geschminkten Gegsichter aus erster Hand und den 
Prospekt in die Coulissen. „Zur Noth,“ Sagte er, „könnten Sie kommen; 
freylich der FYürst von Desgau ist da. Uebrigens oft muſs er wohl nicht 
hineingehn.* „Allerdings,“ antwortete ich. „Zwar halte ich es für un- 
Schädlich, aber doch für entbehrlich.“ Des Königs Aeuſserung über die 
Loge lieſs mich ungewiſs, ob ich gehn oder zurückbleiben golte. Wir 
machten, bei dem äuſserst heitern Himmel Spazierfarth auf dem Wege 
nach Brandenburg, im der Hoffnung, Goeschens') gsolten uns entgegen- 
kommen. Pritz muſste durch List zum Gehn gebracht werden, und er gab 
neue Beweise Seiner Volggsamkeit. „Wie du es willst, 80 will ich es auch 
machen,* Sagte er mit völliger Hingebung, als vom HLinsteigen in den 
Wagen die Rede war. Auch über Tisch war er Sehr angenehm. Bald 
nach Tafel brachte von Haller ein fertiges Portrait. Nach 2 Uhr war 
die öffentliche feyerliche Beerdigung eines Unterofficiers, der, über 80 Jahre 
alt, 50 Jahre gedient hatte und zwar unter vier Königen. Er hatte eine 
groſse Begleitung, auch die Brüder*) des Königs. Wir Sahen der Prozeſsion 
erst in der Stadt zu, führen dann nach dem Kirchhof. Fritzens anfäng- 
liche Scheu vor dem Schieſsen verlohr sich. In der Aeuſserung dergelben 
zeigte er viel Offnes. Sein ganzes Wegen erheiterte sich, als er nachher 
den Kirchhof durchwanderte und die einzelnen Grabhügel und Denkmähler 
gah. Prinz Wilhelm war bey ihm, blieb auch nachher wohl eine Stunde 
bey uns. Ich war unschlüſzig, was ich in Betreff der Comödie machen 
Solle; ob in die Loge gehn, mit Gefahr, dem König zu milsfallen oder 
zurückbleiben mit Gefahr, ihn zu befremden. Ich sprach den Hofmarschall. 
Er stimmte für das Gehn, ich für das Bleiben; am Ende war die Abrede, 
er Solle mir aus der Loge Sagen laſsen, ob Platz Sey oder nicht. Gegen 
halb 6 Uhr kam der Befehl in die Loge. Es wurde Herrmann von Unna*) 
 
1) Schwager Delbrücks. 
2) Prinzen Heinrich und Wilhelm. 
8) Herrmann von Unna, ein Schauspiel in 5 Akten mit Chören und Tänzen 
von A, VF. Skjöldebrand. Nach dem Schwedischen Original frei übersetzt. Kopen- 
hagen, 180v, -- Graf Anders Fredik y. S. (1757--1834), hervorragender Kavyallerie- 
General der Schwed. Armee, 1815-28 Kriegsminister, 1822 Mitglied der Schwed. 
Akademie, 1810--12 Direktor des Königl. Theaters, ist Verf. von Reiseschilderunngen, 
histor. Schriften und mehreren Dramen. Den Stoff zum „H. yv. U.*, dessen 
Chöre 1800 von Vogler in Musik gesetzt wurden, entlehnte er einem Roman von 
Baron Bock d. i. Christine Benedicte Eugenie Naubert, geb. Hebenstreit, 7 in 
Leipzig 1819. -- Vergl. Exzellensen Gr. A. F. Skjöldebrands Memoarer. Utgifna 
at H. Schück. Stockholm. 1903.
	        

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