Full text: Die Lehrerin in Schule und Haus - 11.18994/1895 (11)

Eine vernachläſſigte Aufgabe der Pädagogil. 
Von 
M. Loeper-Houſſelle. 
Den Leſerinnen der „Lehrerin“ iſt es bekannt, daß im letzten Jahr- 
zehnt von gewiſſenhaften und humanen Ärzten immer dringender das Ver- 
langen geſtellt worden iſt und von Neuem ſtets geſtellt wird, daß die 
Lehrer und Lehrerinnen, als die berufenen Helfer und Helferinnen der 
Eltern, dem Geſundheits8zuſtand der Kinder die ſorgfältigſte Beachtung 
ſc<enfen ſollen, daß ſie bei irgend welcher abnormen Erſcheinung, ſei ſie 
körperlicher oder geiſtiger Art, ſofort der Urſache nachzugehen ſich bemühen 
und wo ihre Kenntniſſe zur Erkenntnis nicht zureichen, das Kind an den 
Arzt zu weiſen. 
Fräulein Marie Alfeis in Halberſtadt, Vorſteherin einer Heil- 
anſtalt für geiſtig Zurückgebliebene, hat in zwei Artikeln?) den Lehrerinnen 
dringend ans Herz gelegt, der Kinder zu gedenken, die krank und ſchwach 
im Geiſte ſind. Wir haben im 7. Jahrgang der „Lehrerin“ unter dem 
Titel „Häufige Urſache der Schwachſinnigkeit“ unſere Leſerinnen auſmerkſam 
gemacht auf verſchiedene außerordentlich wichtige Schriſten, mit deren 
Inhalt ſie ſi<ß bekannt machen müßten, wenn ſie ihrer Verpflichtung in 
vollem Umfange nachkommen wollen. 
Wir wollen heute die Aufmerkſamkeit unſerer Leſerinnen auf einen 
Vortrag lenken, den Herr Dr. Spißner aus Leipzig bei Gelegenheit des 
Allgemeinen deutſchen Lehrertages in Stuttgart Pfingſten 1894*) gehalten 
hat und der unter dem Titel „Die wiſſenſc<aftlihe und praktiſche Be- 
Deutung der Lehre von den pſychopathiſchen Minderwertigkeiten für die 
Pädagogik“ im Buchhandel *) erſchienen iſt. 
Im erſten Teile ſeines Vortrages beantwortet Dr. Spißner die beiden 
Fragen: 1. Was verſteht die Pſychiatrie unter pſychopathiſchen Minder- 
wertigkeiten? 2. Welche wiſſenſchaftliche und praktiſche Bedeutung hat die 
Lehre von denſelben für die Pädagogik? Er geht bei der Beantwortung 
dieſer Frage von zwei Schriften aus, die bei den Schulmännern ein nicht 
unbedeutendes Intereſſe für die Jugend-Hygieine wachgerufen haben: „Die 
pädagogiſche Pathologie oder die Lehre von den Fehlern der Kinder“ von 
Profeſſor Strümpell (1890)9) und „Die pſychopathiſchen Minderwertig- 
1) Siehe „Lehrerin“ 7. Jahrgang, Seite 265; 9. Jahrgang, Seite 619. 
2) Ständige Nebenverſammlung „Freie "Vereinigung für philoſophiſche Päda- 
gogik“", Vorſißender F. A. Steglich, Lehrer in Dres8den, verſendet Saßungen der 
Vereinigung, die auch Lehrerinnen zu ihren Mitgliedern zählt; ſie verfolgt den 
Zwed, der Philoſophie, namentlich der Philoſophie der Gegenwart, joweit 
ſie in beſonderer Beziehung zur Pädagogik ſteht, eine erhöhte „Aufmerk- 
jamkeit zuzuwenden. Zu den Zeitſchriften, die der „Freien Vereinigung für philo- 
jophiſche Pädagogik“ zum geiſtigen Mittelpunkt dienen, zählt auch die „Lehrerin“, 
Sie wurde auf den Antrag des Kreisſchulinſpektor8 Sever (Worm8) in der 
Stuttgarter Verſammlung den ſchon vorhandenen zugefügt. 
8) Leipzig, Verlag von E. Ungleich. Preis 90 Pfg. 
2 3) 1892 erſchien bereits die zweite bedeutend vermehrte Auflage bei Ungleich 
in Leipzig. 
Die Lehrerin. XI]. Jahrgang. Heft 18. 35
	        

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