Full text: Die Lehrerin in Schule und Haus - 11.18994/1895 (11)

546 Eine vernachläſſigte Auſgabe der Pädagogik. 
 
keiten“ von Dr. Ko<, Direktor der kgl. Württembergiſchen Staatsirren- 
anſtalt Zwiefalten. 
Da bei dieſer Frage die Kochſche Schrift in erſter Linie in Betracht 
fommt, ſo giebt Dr. Sp. zunächſt eine überſichtliche Darſtellung der Grund- 
züge der Lehre von den pſychopathiſchen Minderwertigkeiten. Nach dieſer 
Lehre beruhen dieſe Minderwertigkeiten in krankhaften Zuſtänden und Voxr- 
gängen im Gehirn bezw. im Nervenſyſtem überhaupt und ſollen aus den- 
jelben erklärt werden. Dieſe das pſychiſche Leben ſtörenden krankhaſten 
Vorgänge und Zuſtände im Gehirn ſind nac<; Dr. Koc< entweder ange- 
boren oder erworben, dauernd oder flüchtig. Hat man bisher 
auch dieſe abnormen Gehirnzuſtände weder anatomiſſ;, noc< <emiſch nach- 
weiſen können, ſo hat man aber eine Außerung ihres Vorhandenſeins in 
den ſogenannten ſomatiſchen Degenerations38zeichen geſunden, 
unter denen zunächſt anatomiſche Verbildungen, wie z. B. über- 
großer Mund, Mißgeſtaltungen einzelner Körperteile, fliehende Stirn, miß- 
geſtaltete Ohren, monſtröſe Ohrmuſcheln und dergleichen verſtanden werden. 
Eine andere Art von Degenerations8zeichen wird in Anomalien ge- 
wiſſer organiſcher Funktionen erbli>kt, wie 3. B. in ſenſiblen 
Störungen, die als Kopfdruck, MusSkelzittern, MuSkelzu>ungen, Zufſammen- 
ſc<hre>en, Schwindel u. ſ. w. auftreten. 
Die pſy<hiſ<hen Symptome der pſychopathiſchen Minderwertigkeiten 
teilt Dr. Koch in drei Rubriken, je nachdem ſich entweder eine DiS3po- 
ſition oder eine Belaſtung oder eine Degeneration bei dem 
franken JIndividnum unterſcheiden läßt. Ein Symptom erſterer Art er- 
blit er in einer gewiſſen Zartheit der Empfindung und Handlung, in 
Empfindlichkeit, Reizbarkeit, Schüchternheit. Ein Mädchen von ſolc<er Natur 
ſollte ſich z. B. von ſeinem Lehrer, den ſie in jeder Weiſe hochhielt und 
nicht fürchtete, einen freien Tag erbitten, wurde aber in deſſen Wohnung 
ſo ſehr von ihrer Schüchternheit übermannt, daß ſie vor allem ein langes 
frankhaſtes Weinen vorübergehen laſſen mußte. 
Der hervorſtehendſte Zug belaſteter Kinder iſt die anomale 
pſy<hiſ<e Erregbarkeit in beſtimmter Richtung. Dieſe 
giebt ſich nämlich gewöhnlich durc< Neigung zu großer Schre>haftigkeit, 
einfältiger Furchtſamkeit und Ängſtlichkeit kund, ſowie durch übertrieben 
zornige, ſtark ſinnliche, phantaſtiſche und ſchwärmeriſche Äußerungen. Kinder 
dieſer Art ſind oft ſo empfindlich, daß ſie z. B. beim Unterrichte durch 
eine unerwartete Frage ganz konfus werden, obwohl ſie Fähigkeiten und 
Kenntniſſe zum Verſtändnis und zur Beantwortung derſelben genug beſißen. 
Schon der geringſte Tadel kann ſie maßlo3 verſtimmen. Es iſt möglich, 
daß die Erregung ſich ſogar bis zum Selbſtmorde ſteigert. 
Auf eine für den Pädagogen ganz beſonders wichtige Erſcheinung 
dieſer Art macht Dr. Koch mit Recht nachdrücklich aufmerkſam: es iſt die 
reizbare Shwäche. Solche reizbar-ſ<hwachen Kinder ſind launenhaft, 
ſaſſen raſch Zuneigung zu einem anderen Kinde, geraten in Begeiſterung 
für eine gewiſſe Beſchäftigung, möchten alles erlernen und beſißen, legen 
Sammlungen an, kurz, zeigen allerlei vielverſprechende Eigenheiten; das 
alles hält aber nicht an, ſondern die Begeiſterung verfliegt ebenſo ſchnell 
wie ſie kam. Dieſe Art Kinder werden von den Erwachſenen leicht über-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.