Full text: Die Lehrerin in Schule und Haus - 11.18994/1895 (11)

Eine vernachläſſigte Aufgabe der Pädagogik. 5947 
 
ſ<äßt und noch mehr geſchädigt, indem die Thorheit eitlex Menſchen das 
dur< dieſe Schwäche ſchon minderwertige Kind no< zu immer größeren 
Leiſtungen heßt. 
Ferner zählt Dr. Koch zu den Symptomen der pſychopathiſchen B e- 
laſtung noch die primordial-inſtinktiven Regungen, die ſich 
in einer gewiſſen Lügenhaftigkeit, Unredlichkeit, Grauſamkeit, in ſelbſt- 
ſüchtigen Handlungen und Anwendung eines eigentümlichen Mitleidens 
äußern, und die Periodicität gewiſſer Störungen, die ſich in 
erjter Linie in einem Stimmungs5wechſel offenbart, auch in Angſtanfällen, 
gewiſſen Übertreibungen, z. B. beim Cſſen und Trinken, Zu- und Ab- 
neigungen, Befürchtungen, Ahnungen. Und endlich erwähnt Dr. Koch noch 
als Belaſtung das ſogenannte Zwangsdenken, worunter er den nor- 
malen Gedankenkreis ſtörende Empfindungen, Gefühle und Affekte, Impulſe 
zu Handlungen und Unterlaſſungen verſteht, Ex berichtet einen Fall, wo 
bei einem ſiebenjährigen Knaben ſich lange Zeit hindurch immer der Gedanke 
„Ewigkeit, ewig, ewig" zuſammenhanglo8 und zwangsweiſe zwiſchen das 
übrige Denken einſchob, und ſogar Nachts das Kind weckte und mit heftiger 
Angſt erfüllte. 
Der ſtärkſte Grad pſychopathiſchex Minderwertigkeit iſt die Degene- 
ration. Dr. Koch unterſcheidet eine intellektuelle und moraliſche 
Degeneration; die leßtere iſt die gefährlichere, am beklagenswerteſten aber 
die Kinder, bei denen beide Schwächen, die geiſtige wie moraliſche, ver- 
bunden auftreten. Die Verurſachung dieſer drei Arten der pſycho- 
pathiſchen Minderwertigkeiten findet Dr. KoHh in dex Vererbung (an- 
geborene). Pſychiſche und phyſiſche Urſachen liegen den erworbenen 
Minderwertigkeiten zu Grunde. Zu leßteren zählt ex körperliche Über- 
anſtrengungen und Entbehrungen, ausgeſprochene Gehirn- und Nervenleiden, 
Infektionskrankheiten, Blutarmut, Wurmreiz, Schädigungen durc< Mißbrauch 
von Reiz- und Genußmitteln, Verlezungen oder Erſchütterungen des Körpers, 
namentlich des Kopfes, wie auch gewiſſe Vorkommniſſe bezw. Verirrungen 
zur Zeit der Pubertätsentwi>elung ; pſychiſche Urſachen ſind geiſtige Über- 
anſtrengung, andauernde Mängel und Fehler im Verhalten der Erwachſenen 
gegen die Kinder auf intellektuellem Gebiete, wie auch im Gefühl3- und 
Willensleben, falſche und ſchädliche Vergnügungen, mit denen die Erwachſenen 
den Kindern eine Erholung geben wollen, die ihnen aber oft zu einem 
tötlichen Giſt werden. 
War die Beantwortung auf die erſte Frage eine leichte, inſofern als 
fie ſich auf das reiche Erfahrungsmaterial eines ſcharf beobachtenden Irren- 
arztes ſtüßen konnte, ſo iſt die Beantwortung der zweiten Frage nach der 
Bedeutung der Lehre von den pſychopathiſchen Minderwertigkeiten für die 
Pädagogik, oder wie Dr. Spißner ſich allgemeiner ausdrückt, „welche Stellung 
die Pädagogik zu dieſer Lehre einzunehmen hat“, eine recht ſchwierige; 
i<on aus dem Grunde ſchwierig, weil die Pädagogik, und vor allem die 
praktiſchen Pädagogen, ſich bi8her viel zu wenig um die Pſychologie, Phyſio- 
logie und Pathologie gefümmert haben. Dr. Sp. giebt dieſe höchſt auf- 
fallende Erſcheinung direkt und indirekt zu; ſo gleiß zu Anfang ſeines 
Vortrages, wo er darauf hinweiſt, daß auf den in den deutſchen Volks- 
ſchullehrer-Verſammlungen der Jahre 1888, 1889 und 1890 gehaltenen 
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