Full text: Die Lehrerin in Schule und Haus - 11.18994/1895 (11)

560 Sonja Kovalevs3ky. 
 
den Eltern ausgeſtattet, Au8gaben für Kleidung u. a. teils entbehren, teils 
auſſhieben kann. Aber das Durchſchnitts8alter, mit welchem eine Berliner 
Cehrerin die definitive Anſtellung und mit ihr das Anfangsgehalt von 
12060 Mk. erreicht, iſt 26 Jahre. In jahrelangem Warten ſind bis dahin 
fleine Ausgaben aufgeſchoben worden, die auf das Budget drücken. Der 
anſtrengende Beruf macht auf die Dauer ein ruhige8 Heim und wenigſtens 
einmal jährlich Ausgaben für Erholung notwendig. Und daß manche 
Lehrerin auch Verpflichtungen gegen Eltern oder Geſchwiſter hat, daß auch 
an ſie troß ihres Alleinſtehens der Anſpruch herantritt, Unglücksfälle einer 
Familie mit tragen zu helfen, iſt ein immerhin auch in Betracht kommendes 
Moment !), welches in dem uns8 zur Verfügung ſtehenden Beiſpiel noch nicht 
einmal in Erſcheinung tritt. 
Anders nimmt ſich ein privates Wirtſchaftsleben aus, leichthin von 
außen beurteilt, oder zahlenmäßig von innen betrachtet, mit allen ſeinen 
Einzelheiten und ſeinen großen wie kleinen Sorgen. Wir glauben, daß 
mit der Veröffentlichung privater Budgets der ſozialpolitiſchen Erkenntnis 
eim großer Dienſt geſchieht. (Blätter für ſoziale Praxis.) 
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Sonja Kovalevsky,*) 
Dieſer Name bedarf für die Leſerinnen der „Lehrerin“ *) keiner be- 
ſonderen Erklärung. Als ſcheinbar bekannte Perſönlichkeit führt er dieſe 
einzig daſtehende glänzende Geſtalt vor das geiſtige Auge deſſen, der ihren 
Namen hört. Und doch, was weiß der Hörer von ihrem inneren Leben, 
von ihrem Hoffen und Leiden, von ihren Empfindungen und Schmerzen ? 
Ihr äußeres Leben, wohl im Anklange an die eigene Darſtellung ihrer 
Jugendzeit in den „Schweſtern Rajevsky“, ſchilderte die bekannte franzöſiſche 
Schriftſtellerin A. Barine in einem diesjährigen Hefte der Revue des deux 
Mondes. Ja, ſie verſuchte ſogar ihr Seelenleben darzulegen, aber das 
Bild, das ſie heraus8gräbt, macht doch nur den Eindruck eines toten Zerr- 
bildes.?) Die Verfaſſerin ſcheint eine Freude daran zu finden, die Selbſt- 
quälereien der hochbegabten, nervöſen Frauenſeele als Beweis für ihren 
geheimen Gedanken anzuführen, daß die Frau in der Wiſſenſ<haft nicht 
glücklich werden kann. Wie ganz ander8 ſehen wir ſie hier vor uns mit 
den vollen Pulsſchlägen ihres waxmen Herzens, mit dem ewig wechſelnden 
Reize ihrer eigenſten Perſönlichkeit. Hier iſt es keine Fernſtehende, die 
1) Das aber viel häufiger vorkommt, als die meiſten Leute annehmen. 
D 
2) Erſchienen in Reclams Univerſalbibliothek, Nr. 3297/98. Mit renden 
benuße ich dieſe Gelegenheit, um wieder einmal einen größeren Kreis meiner Kolle- 
ginnen auf das ſo verdienſtvolle Unternehmen des Leipziger Verlegers hinzuweiſen. 
Wohl kennt jede den Namen der Univerſalbibliothek mit ihren ſpottbilligen kleinen 
Heftchen, aber ſelten vergegenwärtigt man ſich, welche Schäße der Litteraturen aller 
Völker hier in den Bereich auch des beſcheidenſten Einkommens geſtellt ſind. 
") Heſt 15, Jahrgang 7, Seite 555 brachte einen Nachruf nach dem Tode 
von on Fong Kovalev3ky aus der Feder von Ellen Key in deutſcher Überſezung von 
ittleder. 
9) Mit dieſer Bemerkung foll jedoch Frau Arvede Barine der eminente esprit, 
dur<h den ſie glänzt, nicht abgeſprochen werden.
	        

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