Full text: Die Lehrerin in Schule und Haus - 18.1901/1902 (18)

Volksſchule und Elternhaus, 
' Von 
A. WMemann. 
'In jedes Menſchen Bruſt wohnt die Sehnſucht, bald ſ<lummernd und 
ſchwach, bald treibend und drängend als kräftiger Antrieb zu fröhlichem 
oder auch ringendem, ſuchenden Thun. Es iſt die Sehnſucht nach einer 
vollkfommeneren, höheren Daſeinsform; es iſt der Trieb, die Körper- und 
Geiſteskräſte einzuſehen, um die gegebenen Verhältniſſe in dieſem Sinne 
umzugeſtalten, der Drang, Schöpfer zu ſein in der kleinen eigenen Welt. 
Mit der Jugend geht vielen dieſes köſtliche Erbteil einer Überirdiſchen 
Heimat verloren; doch giebt es Menſchen, deren Herz jung bleibt, ſelbſt 
wenn ein ergrauender, wägender Kopf ſeine ſchnellen Impulſe leitet. 
Wenigen iſt es gegeben, ſic) in dieſem Sinne ausleben zu können, 
da3 ganz zu werden, wozu uns die ewige Liebe ſchuf; denn bei den meiſten 
Menſchen gehört ein ganzes Leben dazu, dies Ziel als das allein menſchen- 
würdige klar zu erfennen, und den Weg dazu im Geiſte zu ſchauen. Doch 
wer ihn geſchaut, wird nicht wieder aufhören können, dies Land der Sehn- 
ſucht mit der Seele zu ſuchen, wenn auch nicht mehr in der Hoffnung, 
ſelbſt dahin zu gelangen, ſo doc< al8 Pfſadſindex für das junge heran=- 
wachſende Geſchlec<ht, dem die Zukunſt gehört, und in dem unſer Stecbliches 
und Unſterbliches fortdauert. 
Dieſen Kommenden durc< eine alles Edle und Ewige in ihnen ent- 
wickelnde Erziehung und Bildung die Bahn zu vollendetexem Daſein zu 
eröffnen, ſie zu befreien von den allzu menſchlichen Trieben, die uns ab- 
wärts zogen, das iſt das Erlöſerwerkt, welches wir als niedergehende Ge- 
neration an der aufblühenden Jugend thun können. 
Jeder tüchtige, wertvolle Menſch kann und muß in dieſem Sinne 
Erzieher ſein. Unbewußt weckt die edle Natur ungezählte gute Jmpulſe in 
ihrer Umgebung, und abſichtslo8 löſt die kräftige Eigenart energiſches 
Wollen bei andern aus. Aber dieſe zufälligen, unberechenbaren Einflüſſe 
genügen nicht, ein Geſchlecht heranzuziehen, das ſeinen Vätern den höchſten 
Beweis lebendiger Dankbarkeit zu geben vermag, indem es über ſie hinaus- 
wächſt. 
Soll ein ſol<es Geſchlecht erblühen, ſo müſſen Weisheit und Liebe 
es planmäßig leiten; eine WeiSheit, die durc< die Jrrtümer der Vergangen- 
heit gewarnt, mit allen Erkenntniſſen der Gegenwart gerüſtet, mit klarem 
Bli die Bedürfniſſe der Jugend erkennen und die Mittel zu ihrer Be- 
ſriedigung finden kann; eine Liebe, die als Abglanz der himmliſchen Güte 
ihre Leben erwekenden Strahlen ſchöpferiſ< ausgießt. 
Zwei Stätten ſind es, um deren Wirken dieſe hehre Kulturaufgabe 
ein enges, geiſtiges Band ſchlingt. Es iſt das Elternhaus, in welchem 
das auflebende Bewußtſein, das erwachende Gemütsleben ihre erſte beſtim- 
mende Richtung empfangen. Und es iſt die Schule, in welcher dem Geiſte 
die ſeinem Wachstum zuträgliche Nahrung zugeführt wird. 
Faſt will es ſo ſcheinen, als ſei die Arbeit von Haus und Schule, 
Die Lehrerin. XVIII, Jahrgang. Heft 6. 16
	        

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