Full text: Die Lehrerin in Schule und Haus - 18.1901/1902 (18)

530 Die Ausbildung der Lehrerinnen für den Dienſt an der Fortbildungsſchule. 
 
waren Nicht-Pädagogen, die ſich zunächſt mit dem Ausbau dieſer jungen 
Anſtalten beſchäftigten und die für dieſe neuen, noch geſtaltloſen Unter- 
nehmungen Wege und Ziele zu finden ſuchten. Aber nicht lange dauerte 
es, ſv nahm die männliche Lehrerſchaft das Intereſſe für die Fortbildungs- 
ſchule auf und beteiligte ſic< lebhaft an allgemeinen, organiſatoriſchen oder 
ſpeziell pädagogiſchen Fragen. Die reiche Fortbildungsſchullitteratur, die 
zum großen Teil aus der Feder der Lehrer ſelbſt herrührt, legt Zeugnis 
ab für ihre ernſtliche Arbeit auf dieſem Gebiete. Auch die Mädc<hen-Fort- 
bildungsſc<hule wurde, wenn auch ſpäter, Gegenſtand der Beachtung und 
Erörterung. Die Lehrerinnen ſelbſt aber hielten ſich, mit wenigen rühm- 
lichen Au8nahmen, noch fern, außer ſoweit es ſi< durc< die Arbeit an der 
Fortbildungsſchule um einen etwaigen geregelten Nebenerwerb für ſie 
handelte. Viele Jahre hindurc<; ſtand meine Mutter hier allein auf ihrem 
Poſten. Die Arbeit für die Töchter des Volkes und die Heranziehung 
weiblicher Lehrkräfte gerade für dieſe Arbeit hat die lezten zwanzig Jahre 
ihres Lebens faſt ganz erfüllt. Nur bei unſerer geliebten Kronprinzeſſin, 
unſerer nun heimgegangenen Kaiſerin Friedrich fand ſie von Anfang an 
vollſtes Verſtändnis und regſte Anteilnahme für ihre Jdeen, 
Inzwiſchen aber iſt es anders geworden. Die Frage, welche Fort» 
bildung der weiblichen Jugend des Volkes zu geben ſei, welche Veranſtaltungen 
zu treffen, wie dieſelben zu organiſieren ſeien, welc<e Maßnahmen von ſeiten 
der Gemeinde, welche geſetzliche Beſtimmungen von ſeiten des Staates er- 
ſtreben3wert wären, dieſe und ähnliche Fragen beſchäftigen jeht die Lehre- 
rinnen ſelbſt auſs gründlichſte, und eine andere, in engſtem Zuſammenhange 
damit ſtehende Frage wird, wie es die beiden Betitionen beweiſen, in 
jüngſter Zeit gleihfall3 von unſeren deutſchen Lehrerinnen in ernſteſte Er- 
wägung gezogen: wie machen wir ſelbſt uns tüchtig für die ſo hochwichtige 
Arbeit an der Fortbildungsſchule? wie müßte wohl die Ausbildung der 
Fortbildunrgöſchullehrerinnen beſchaffen ſein? 
Allgemeine Bildungsideale kann man wohl rein ſpekulativ, ganz 
3 priori auſſtellen; Spezialfragen aber müſſen doch anders gelöſt werden. 
I< habe es hier und heute nicht mit einem allgemeinen Bildungsideal zu 
thun, auch nicht mit der Frage der Lehrerinnenbildung überhaupt; ich habe 
nicht ſtatiſtiſch zu unterſuchen, wel<he Mängel unſerer Lehrerinnenbildung 
im allgemeinen anhaften und wie denſelben abzuhelfen ſei; es iſt vielmehr 
meine Aufgabe, nur ein ganz ſpezielles, eng umgrenztes Gebiet unſerer 
gemeinſamen Prüfung zu unterziehen. Wir können alſo nur auf empiriſchem 
Wege vorgehen, indem wir anknüpfen an das thatſächlich Gegebene, an die 
Bedürfniſſe der Fortbildungsſchule einerſeits, an die bereits vorhandenen, 
herfömmlichen Kenntniſſe der Lehrerinnen andererſeits. 
Auch werde i< mich an das zur Zeit Erreichbare halten, hingegen 
manches an ſich Wünſchenö8werte aus meiner heutigen Unterſuchung aus- 
ſcheiden. Aus dieſem Grunde möchte ich auc< davon abſehen, auf die 
Forderungen der beiden Petitionen im einzelnen einzugehen. Meine Dar- 
legungen werden teils mit ihnen übereinſtimmen, teils von ihnen abweichen. 
Aber nur im engſten Kreiſe ließe ſich das Für unv Wider in einer wirklich 
fruchtbaren Diskuſſion erörtern; nur da könnte ich auseinanderſeßzen, daß 
mir einzelne der geforderten Lehrgegenſtände (wie z. B. Geſundheitslehre)
	        

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