Full text: Die Lehrerin in Schule und Haus - 18.1901/1902 (18)

Unſere Schwachen. 
Vortrag in einer Lehrerverſammlung 
von 
U. Zimmerli in Herbrechtingen (Württemberg). 
Wenn ich heute mit einem Gegenſtand komme, mit welchem Sie in 
der Schule genug geplagt ſind, fo geſchieht es de8halb, weil mich eigene 
und fremde Not dazu treibt. Es kommt mir vor, die Zahl der S<hwach- 
begabten in unſerer Anſtaltsſchule mehre ſicß von Jahr zu Jahr, und ich 
habe auc< von anderer Seite ſchon ähnlich ſprechen hören. Unter dieſen 
Schwachbegabten meine ich nicht den ganzen Schwanz in unſern Klaſſen, 
ſondern ich verſtehe darunter nur das Schwänzlein des Schwanzes, wie 
Sie aus den nachfolgenden Ausführungen ſehen werden. 
Wer die einſchlägige Litteratur und das tägliche Leben kennt, der 
wundert ſich nicht, wenn das Schülermaterial in unſere Anſtalten, Städten 
und Fabrikorten in geiſtiger Beziehung abnimmt, degenexiext. Die Urſachen 
liegen, wie Statiſtik und Unterſuchungen ergeben, zum großen Teil in 
unſern ſozialen und wirtſchaftlichen Verhältniſſen. Gegenwärtig, wo nicht 
vur ein unerbittliher Kampf ums Daſein geführt wird, ſondern das Dichten 
und Trachten einer ungezählten Menge dahin geht, möglichſt viele Mittel 
zu erhalten, um ungezügeltem Genuſſe zu frönen, muß die Nervoſität weite 
Kreiſe ergreifen und viele dauernd ſchädigen. Da dieſes Genießen nicht 
allein in üppigem Eſſen und unmäßigem Trinken, in unſinnigem Sport und 
ſonſtigen, oſt ungeſunden Liebhabereien beſteht, ſondern ſich häufig auch auf 
geſchlechtliche Verirrungen erſtre>t, wird die Sache nur noch ärger. Kummer 
und Sorge, Not und Elend, Wohlleben und Praſſen, Leidenſchaft und Laſter 
entnerven Erwachſene und leider auch ſchon Kinder, oſt ehe ſie es ſelbſt 
verſchulden. Das iſt gerade das Traurige, daß hier die Vererbung eine 
jo große Rolle ſpielt. Insbeſondere folgenſchwere Bödeutung haben Trunk- 
ſucht und Syphilis. 
Der Vollſtändigkeit wegen müſſen auch nog andere Urſachen genannt 
werden. Zu Schwachſinn dis8ponieren: Heiraten unter Blutsverwandten, 
unter ganz jugendlichen und halbreifen Perſonen, wie auch zuweilen unter 
Berſonen von höherem Alter. Die Natur läßt ſich eben auch in dieſer 
Beziehung nicht vergewaltigen; alles Entſtehen will ſeine richtige Zubereitung 
und Zeit haben. 
Unter den Urſachen des in den erſten LebensSjahren erworbenen 
Schwachſinns ſind zu erwähnen: Krankheiten aller Art, beſonders ſolche, 
welche das Gehirn und das Gehör in Mitleidenſchaft ziehen; ferner Kopf- 
verlezungen, die dur< Mißhandlung, durch Schläge auf den Kopf und 
durch Fallen und Stürzen der Kinder häufig bei mangelnder Aufſicht ent- 
ſtehen; jodaun frühzeitiger Genuß geiſtiger Getränke, Das iſt ein leidiger 
Übelſtand, daß manche Leute meinen, die Kinder können nur gedeihen, wenn 
ſie recht bald Wein oder Bier bekämen. Selbſt in kleinen Doſen ge- 
nommener Alkohol, regelmäßig erhalten, wirkt hier ſchädlich. Auc<h Un- 
reinlichkeit, mangelhafte Pflege und Nahrung, Aufenthalt in engen Woh- 
Die Leyrerin. XVII. Jahrgang. Heft 17. 49
	        

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