Full text: Die Lehrerin in Schule und Haus - 18.1901/1902 (18)

Bücherſchau. 967 
 
Schüler nach dem Vergleich der beiden Schreibweiſen ſelbſt bilden kann und ſoll 
und giebt nac<4 der erworbenen Kenntnis eine Reihe Wörter in der neuen Screib- 
weiſe, die der Schüler aufzuſchreiben hat, ſtellt einzelne Aufgaben zur ſelbſtändigen 
Arbeit und giebt endlich für Diktate Säße, welche Wörter in der neuen Schreibweiſe 
enthalten, um durch Übung die Kenntni8 zu befeſtigen. Ein alphabetiſches Ver- 
zeichnis derjenigen Wörter, deren jezige Schreibung von der bisherigen abweicht, 
macht das Heft<hen für die Dauer wertvoll, da es doc<h ſehr wahrſcheinlich ſein 
dürfte, daß die Wortbilder in ihrer neuen Geſtaltung einem nicht jederzeit ſofort 
gegenwärtig ſind. 
Au3 der Behandlung des Stoffes in Nr. 5 erkennt man auch ſofort den 
praktiſchen Shulmann. Die Forderung: „Schreibe, wie du ſprichſt" hat er dem 
Aufbau ſeines Stoffes vorangeſtellt und geordnet hat er ihn nach den weiteren 
Forderungen! Richte dich nach der Abſtammung! -- Richte dich nach dem Schreib- 
gebrauch! -- Beachte ins8beſondere die verſchiedene Schreibung gleich oder ähnlich 
lautender Worte! = Beachte, ob das Wort mit großem oder kleinem Anfangs- 
buchſtaben geſchrieben werden muß! =- Trenne die Silben richtig! = Seße die 
richtigen Lejezeichen! | 
Mit ſorgfältiger Überlegung ſind nur diejenigen Wörter verarbeitet, die das 
Kind des Volkes thatſächlich im ſpäteren Leben anzuwenden in die Lage kommen 
kann. Dem Verfaſſer iſt die Regel nichts, die Übung alle38, daher bietet ex keine 
Regel, ſondern fordert ſcharfes, wiederholtes Anſchauen des Wortbildes und knappen, 
klaren Ausdru> in der Wiedergabe de3 Geſchauten. Das Büchlein bietet eine Fülle 
Übungsſtoff, deſſen Durcharbeitung den Schüler wohl feſt und ſicher machen dürſte 
in der deutſchen Rechtſchreibung. 
Der Verfaſſer von Nr. 6 hofſſt mit einem ſo billigen Shrifthen, das die 
notwendigen Regeln in einer dem Volksſchüler angemeſſenen Weiſe enthält, eine 
willkommene Gabe dem Lehrer wie Schüler zu bieten. Außer den Regeln und 
Beiſpielen zeigt er auch die Wörter, welche beſonders zu beachten und zu merken 
ſind. Als Auhang ſind in alphabetiſcher Reihenfolge diejenigen Fremdwörter mit 
ihwieriger Schreibweiſe beigefügt, deren Kenntnis auc< beim Volksſchüler voraus- 
gejeßt ſein muß. M. L.-H. 
Prof. Dr. O. Weiſe, „Unſere Mutterſprache, ihr Werden und ihr Weſen“. 
Vierte Auflage. Leipzig, B. G. Teubner. Preis 2,60 Mk. 
Das Buch hat längſt einen Ruf, und was es enthält, ſagt ſein Titel ſchon 
deutlich genug. Troßdem ſei e3 hier von neuem dringend empfohlen! Es iſt ſelt- 
ſam, wie unzureichende Auffaſſungen auch nnter den Gebildeten ſchr oft über 
Sprache und Sprachwiſſenſchaft beſtehen! Beim „Werden“ dex Sprache denkt man 
höchſtens an die etymologiſche Entwikelung, beim „Weſen“ an Grammatik und 
Stil! Wem aber die Erkenntnis vom innern, lebendigen Geiſte der Sprache auf- 
zugehen beginnt, dem eröffnen ſich damit ungeahnte Quellen der Freude und die 
jchönſten Wege zum tiefern Eindringen in alle möglichen Geiſtesgebiete. Möge 
O. Weiſes Buch vielen, die e3 bisher vielleicht nur dem Namen na kannten, dazu 
verhelfen! Inwiefern der eine oder andre Gelehrte in manchem Einzelnen von 
Weiſes Forſchung3ergebniſſen abweicht, das iſt für unſre Leſerinnen im ganzen un- 
weſentlich. Das Buch empfiehlt ſich i<hon äußerlich durch ſeine Handlichkeit, ſeine 
Überſichtlichkeit und ſeinen guten Druc. H. Br. 
Ernſt Johann Groth, „Roswitha von Ganders8heim“. Dramatiſches 
Kulturbild in zwei Aufzügen. Leipzig, Wilhelm Grunow. Preis 
75 VPſg. 
Dieſe dramatiſchen Kulturbilder, deren bei Grunow ſchon mehr erſchienen ſind, 
verlieren an feſſelnder Lebendigkeit nich!'38 dadurch, daß ſie belehrend ſind, denn die 
lehrhafte Abſicht drängt ſich nicht im geringſten vor. In Roswitha ſehen wir die 
Vertreterin des Kunſt- und Bildungsſtrebens damaliger Zeit im Kampſe mit Be- 
ſchränttheit und FanatiSmus, die in den Ganders8heimer Kloſterfrauen herrſchen. 
Zur Aufführung in Penſionaten und Vereinen eignet ſich das Stüc, dem e8 auch 
nicht an Humor ſehlt, ganz beſonders. H. Br. 
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