Full text: Bildungsblätter oder Zeitung für die Jugend - 3.1808 (3)

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sahlreihen Juden, welde hier wohnten und Hanbel trie- 
ben, mußten bie Kaufladen im untern Sefchoffe fau: 
fen. Allein die Grundberrfhaft arbeitete ihrem eigenen 
äwede zuwider; denn fie legte fo viel Abgaben auf ben 
Handel, daß er endlich ganz aufbörte. So Tann der 
Menfh, um zu früh gewinnen zu wollen, feinen wahren 
Gewinn vereiteln. Bon den vielen Kaufladen waren nur 
einige im Hofe geöffnet, Die Juden trieben mit allerlei 
Paaren hier Handel, Aber der Sube in Siemiatpce weiß 
feinen SKtamladen nicht anlodend auszufhmäden. Die 
Unreinlichkeit und Züderlichkeit in denfelben ftößt vielmehr 
einen Käufer, der Fein gemeiner Pole ift, zurüd. 
Das Miffionatbaus hat den Eingang vom Marfte, 
Tas Gebäude ift mit einer Mauer, fogar gegen den 
Markt zu, umgeben, weldhe aber, zu nahe dem Haufe, 
einen düftern, engen Vorhof bildet. Die Vorderfeite des 
Gebäudes ift in einen Bogen fanft gefrummt. Zu beiden 
Eeiten f&ließet fih ein Thurm an. Bor den beiden 
Thürmen, ungefähr auf der verlängerten Linie bed Bo> 
gend vom Hauptgebäude ftehet gu jeder Seite eine Kapelle 
von geringem Amfange, doch beträdtlicher Höhe. Die 
eine ift die Glodenfapele. Don hier an fanden wir nam: 
lich nit immer die Sloden auf Thürmen, fondern in 
nebenbei gebaueten, thurmähnlien Kapellen. 
Das Innere des Miffionathaufes Tonnte ich nicht 
fehben ; ich fand alle Thuren verfahloflen, 
ac) dem Abendeflen fiand ich vor der Thüre dee 
Ecloffes, ale der Herr von Budzizewsly mit einer Ges 
felfnaft polnifher Adeliher aus feinem Wohnzimmer 
fam. Die Zreunde gingen fort; er blieb bei mir vor der 
Thure finen und erzählte mir viel von fih und dem Zus 
fiande des Landes, 
Er hatte in Göttingen und in Halle ftudirt und ei- 
ne Anftelung In feinem Vaterlande bei einem preußifchen 
Departement gefuht. Da ihm aber jeder Derfuh mif: 
lungen war, wollte er fi der Landwirthichaft widmen 
und hatte deswegen die Ländereien ber Herrfhaft Sie: 
miatpce geachtet. Er war ein junger, artiger, gutmü- 
thiger Drann, ber Alles fagte, was er auf dem Herzen 
hatte, grei von Vorurtheilen, beklagte er fi über feis 
ne Nation und Über die verwöhnte Lebensart des Yolni: 
{den Adele. 
Er foderte mih auf, mit ihm noch zu guter Legt 
einen Punfa zu trinfen. Sch willigte ein, nicht durch 
das Geisdut gelvdt, fondern aus der Abfiht, immer 
mehr yon dem Lande und ber Bewohner Lebensart fen: 
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nen zu lernen. Here von Budzizemsty ließ den Yunfch 
in mein Zimmer tragen, weldes einft bas Lefezimmer 
bei der Bibliothek gewefen war. Der Punfh wurde aus 
rotben Burgunder, Champagner, Zuder und Zitronen 
ohne Waefler zufammengebrauet. Sch war müde; ber 
Schlaf hatte mir einen andern betäubenden Punfch zube: 
reitet. Sch fitete mich daher auf die Matrape, auf 
welcher ich fhlafen wollte. Der Herr von Budzizemsty 
feßte fih neben mich und erzählte mir fo lange, bie ic 
einfhlief, 
(Die Fortfegung folgt) 
 
Wir find unfterblid! 
Louife. Meine Kufe werden ihn nicht; dem Jant- 
mer meiner Liebe antwortet er nicht; meiner Chränen er- 
barmt er ih niht! — AU, tobt! — tobt ift Alles an 
meinem Bruder, an meinem Morig! 
Vater. Unddoh, meine Toten, doch lebt er 
noch! 
Loutife. Er it? — D mein Vater, woher 
weißt bu, daß er noch lebt? 
Bater. Woher ich dag weiß? — Louife, fagf 
es bir nicht deine Kiebe: er lebt no! und fagt es bir 
nicht feine Liebe: ich lebe noh! Könnte ein Werfen fier: 
ben, das folcher Liebe fahig ift? 
Louife. Und do, mein Water, boc ift er tobt! 
— Kein Wort, kein Laut, kein Lächeln feines Mundes, 
fein Zug in feinen Mienen antwortet mir, daß er nod 
lebe, Siehe, wie Ealt diefe Hand ift, wie erftarrt der 
Banze Yeichnam da liegt! — ad fo todr! — 
Dater. Diefer erblaßte Leihnam, o LZonife, das 
war ja nigt dein Bruder. — 
Lonife. Nicht mein Bruder? 
DBater. Nein, Lonife! Diefer Leichnam war nur 
die fihtbare, irdifhe Hülle feines liebevollen, unfterblis 
hen Wefens, das nie im Tod’ erlifht. — Oper Iiebteft 
du nur diefen Leichnam To innig, der nun entieelt ift und 
bald Staub feyn wird? MWar’s nicht jenes unausfprecdhs 
lich holde, liebevolle Wefen, weldhes von diefen Lippen 
fprach, die num erblaßt find; war’d nicht die heilige Zlamı- 
me jenes Kiebe, die fo freundlich aus diefen Augen ftrabl- 
te, die nun verfchloflen find; war ed nicht jenes unaug- 
fprehlich bolde, bimmlifhe Wefen, das dich fo feit an 
deinen Bruder Inüpfte? 
Louife DO mein Vater, ja! — Unb bed ift 
nun Alles dahin!
	        

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