Full text: Bildungsblätter oder Zeitung für die Jugend - 3.1808 (3)

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in welchen nur folde adelihe Bauern wohnten, vorhans 
den. Die Zahl der Familien betief fi gegen 25,000, 
und ed mochten wol, nad einem ungefähren Weberfchlag, 
150,000 Köpfe abeliher Herkunft dafelbft aufzufinden 
fepn. 
Ungeachtet ihrer Dürftigkeit hatten Die Schlachs 
fhüpen alle Rechte des Adels, Eie erfhienen beiden Wah: 
len der Könige und auf Neichdtagen und Eonnten felbft 
zum Beflg der Krone gelangen. Sie waren oft bedeutend 
bei den Wahlverfammlungen ; denn man fonnte fich ihre 
Stimme leiht dur eine Flafhe Branntwein erfaufen, — 
Mancden wolte das Städt wohl, Im Dienfte großer Edel- 
leute erwarben fie fih, durch Net und Unrecht, Ber: 
mögen, beiratheten oft eine reiche ,. adelihe Dame und 
erhoben dadurch ihr Anfehen, das nur durch ihre Armuth, 
niht dur ihre Geburt im einer elenden Hütte, gefun- 
fen war. ’ 
Die Schlahfhäsen, welhe Güter befisen, find 
von dem Bauer nit zu unterfhelden, ald an den nad: 
ten Füßen; denn fie gehen aus Stolz lieber barfuß, 
als das fie fih zu dem Bauer erniedrigen und an ihre eb: 
leren Füße Baftfguhe ziehen follten. GSonft trugen fie 
auh noch einen Säbel, wenn fie aderten oder Dünger 
fuhren; bieß ift ihnen aber verboten worden, Sie haben 
ein fchlechteres Loos, ale der Bauer. Denn wenn biefer 
Unglüd bat, wenn feine Hütte abbrennt oder einftürst, 
wenn die Sende fein Vieh tödtet, wenn durh Mikwahs 
fein nöthigee Getreide fehlt, fo muß der Grundherr für 
den Schaden fliehen. Wer unterfiügt aber Dann den ar= 
men Schlahfhüpen ? 
Die gnädigen $räulein find die unglüdlichften Ge: 
Ihöpfe von der Welt. Der Stolz plagt fie gewaltig und 
dennoch müjfen fie die Dienfte der gemeinften Mägde ver: 
tihten und barfuß den Kubftall reinigen. Diefer Adel 
Eonntz burgetlihes Gewerbe treiben und bei feinen Vor: 
tenten fih bem Handel widmen; aber das läht fein Stolz 
nicht zu. 
Der König von Preußen ließ die jungen Schlad: 
ihügen unter das Regiment und das Bataillon leichter, 
mit Pifen bewaffneter Neiterei, welhe den Namen To: 
warc;ys führte, aufnehmen. Cie mußten als Gemeine 
dienen, erbielten aber vor den Semeinen des Negimente 
Towarcins eine Audzeihnung an dem Federbufhe und 
dem Shbelbehäng, außerdem aber den Eold eines Unter: 
fisiers der Kavallerie. Damit konnten fie fehr zufries 
den feyn: denn fie erhielten doch ein Kleidungsfiäk auf 
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den Leib, einen Sabel, einen Feberbufh, ein Pferd, ei- 
nige Srofhen Geld und, was das Wichtigfte war, ei- 
nige Bildung. 
(Die Fortfegung folgt.) 
 
Kohannes Kekler’d IZufammentreffen mit D. !u- 
ther im fchwarzen Bär zu Sena. 
{Befhruß.) 
Wahrend der Zeit waren zwei Kaufleute angekom« 
men, die bier ebenfalld übernachten wollten. Bm Aus: 
yaden legte der Eine von ihnen ein ungebundened Bud 
auf den Tıfd. Martin erkundigte fih, was dieß für 
ein Buch fey? „Es ift Doktor Luther’s Auslegung einiger 
Evangelien und Epijteln,” fagte der Kaufmann, „bie 
ganz neu gedrudt und fo eben erft erfchienen if. Habt 
ihr fie noch nicht gefehn 2" — ‚Noch nicht,” verfeßte Lus 
tber; „aber ich werbe fie mir gewiß bald anfhaifen. Hier: 
auf hieß uns der Wirth zu Tiihe fegen, wo ein fettes 
Abendbrot angerichtet ftand. Wir, die wir mit unferm 
Seide fehr frarfam bausbalten mußten, baten den Wirth, 
er möchte und etwas Geringeres geben. Da die Marti- 
nus hörte, fagte er: „Kommt nur herzu, lieben Gäfte, 
ih werde die Zehrung wol mit dem Wirth abmadhen.‘ 
Unter dem Effen that ber fromme Diann fo viel gott: 
felige, freundlihe und eifrige Keden, daß den Kauflenten 
und und das Herz aufaing und daß wir über das Aufmer- 
fen auf feine Worte Speife und Tranf vergaßen. Unter 
anderm beflagte er auch mit einem tiefen Seufzer, baß 
die Zürften und Herren, die jest auf bem Neichätage zu 
Nürnberg verfammelt wären, um die allgemeinen Klagen 
über das Elend der dbeutihen Nation und uber den Ver: 
fall der Kirhe und Gottes Wort abzuhelfen, an gar Nichts 
weiter bächten, als wie fie die edle Zeit mit Turnieren, 
Banfetten, Sclittenfahren, Hoffabre und allerlei Luft 
barfeiten ertödten möchten. „Aber, feute er hinzu, „das 
find unfre hriftlihe Fürften!” Zermer fagte er: er lebe 
der freudigen Hoffuung, daß die göttlimen Wahrheiten 
des Evangeliums unfern Kindern und Nahlommen fdhos 
nere Träcıte bringen würden, ale und. Une habe man fie 
mit pabftlihen Irrthümern und Zufdgen vermifcht über: 
geben, von jekt an aber folle dag Chrifienthum auf laus 
tere Wahrheit und Gottes Wort gegründet werben. &o 
Eönnten wir wenigftens für unfere Nawdfommen eine fo: 
nere Zukunft vorbereiten; denn bei ber jegigen Welt hät: 
ten die Borurtbeile und Sertbümer fo tiefe Wurfel pe: 
faßt, daß fie nicht leicht ausgerottet werden Können, Die
	        

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