Full text: Bildungsblätter oder Zeitung für die Jugend - 3.1808 (3)

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lien Forften. hr Adergerdth und Dich müifen fie felbft 
taufen. Aber c8 war nie genau beftimmt, ob Diele Bauern 
wegzieben oder gar ihre Güter verkaufen Fönnten, oder 
ob fie an den Voden gefeflelt (glebae adscripti) wären. 
©8 ereignete fih aud nie der Fall, daß ein folder Bauer 
fortzieben wollte, weil er feinen Anlaß fand, feine Lage 
eigenmächtig zu verändern. 
Die legte und beflagenswürdigfte Klaffe ber Bauern 
find die Kribeigenen auf adelihen Gütern. Diele leben 
nur für heute, nad Art der Thiere, Alles, was fie ba- 
ben, gehört dem Grundherrn an. Kat der Baner nad 
der Ernte Etwas übrig, fo vertrintt er’d. Sehlt ihm 
das Brot im Winter, fo läuft er zum Edelmann, wel: 
er ihm gern Getreide vorfaiept, damit er fih’8 zur Zeit 
der Ernte doppelt wieder nehmen kann. Fällt dem Bauer 
ein Stud Vieh, fo muf es ihm der Edelmann wieder er: 
fegen, wenn er Dienfte von ihm verlanst. Darum fo: 
net der Bauer fein Vieb aub nit, treibt ed unmunfc> 
li an und ift ein Iyrann gegen baffelbe im Kleinen, 
wenn es fein Grundberr gegen ihn im Großen if. Er ift 
ganz gleichgultig geuen feine elende Wohnung und würde 
eben fo ftumpilinnig In eine Tonne friehen oder in einer 
Grube fohlafen, wenn ed fein Herr fo haben wollte. ak 
dem $euer gebt er unvorfihtig um. Brennt feine Hütte 
ab, fo hat er nicht den Schaden. Der Edelmann muß 
ihm eine neue bauen und das verlorne Ynventarium oder 
die, zur Arbeit nöthigen, Gerätbfhaften erfegen. 
Sn feinem Haufe it er ein gefähllofer Menfh ge: 
gen Weib und Kind. ein Weib ift au EHavin bes 
Chelmanns, Er bat fie öfter auf Befehl des Grundherrn 
heirathen müffen. Seine Kinder find glei von ihrer Se: 
burt ein Eigenthum des Chelmannd. Er Hat noch Feine 
Kenntnif von der Erziehung eines Menfchen. Er laßt die 
Kinder heranwacfen, wie feine Füfen, und gebraudet 
ihre fhwahen Kräfte fo Iange zu feiner Arbeit, bie der 
Edelmann fie verlangt. Shre Unterricht, ohne die ge: 
ringfte Leitung wählt bag Kind heran, lernt vom erften 
Tahre an Branntwein trinten und gegen Alles gleihgul:- 
tig fenn. Höchftens befteht fein. Wiffen in der Kenntniß 
einiger polntfcher Lieber, bie ee bei der Arbeit fingen hört, 
nnd in einem Paar Gebeten an die Heiligen. Seine Knie 
und Zußfoblen gewöhnt es von Tugend auf an dag hunbi: 
fe Kriehen vor dem Höhern *) und mit jebem’ fich ver: 
*) Auf der Rupfertafei Nr. 39, im vorigen Gahbrgange, mo 
ich einige polnische Trachten vorgerteut babe, hat der Aus 
pforfiener den Baver linfd in eine andere Stellung ger 
bracht. Kein linkes Anie fou nicht auf der Erde auflie: 
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mehrenben Sabre wird der Ihwade Eindlihe Sinn burd 
den Inehtifchen verdrängt. Eine Wohlthat war ed für 
fo einen Zängling, wenn er von dem Fönig!l. preußifchen 
Militär zum Soldaten ansgehoben wurde, Aber fein ver- 
fiodter, von Kindheit abgeftumpfter Sinn war nicht leicht 
empfänglich für das Veffere und bie Unlernung eineg pol- 
nifhen Refruten gehörte mit zu den Seduldsproben. Mit 
Borfag ungelebrig, troßig, widerfpenftig und radhfüchtig 
zeigten fih die Meiften. In ben Laiferlich oftreihifchen 
Staaten erhält jedes Regiment eine gewiffe Anzahl Ne: 
Ernten aus dem ehemaligen Volen ; aber die Officiere über: 
läuft ein Schauer der Kart, wenn fo ein Transport an: 
fommt. 
So war ber Zuftand bed Menfhen, als ich biefen 
Theil Polens durdreifete, Seit diefer kurzen Seit ift ei- 
ne große Veränderung mit ihm vorgegangen. Ein Theil 
davon iit Nusland zugefallen; ‘der andere geböret dem 
Herzogthume Warfhau, welkes der König von Sachen 
(aub mein ehemaliger Landesvater) beberriat. Die 
Verfaffung ift verändert worden. Der Landmann hat fet: 
ne Sreiheit erhalten und der Mdel hat dadurch mehr, ale 
unter der preußifhen Regierung, mit welder er unzu: 
frieden war, verloren. Es ift fchwer, darüber zu entfaei: 
den, ob der Adel niht ein Necdt hat, die Unterthanen 
als feine Keibeigenen zu bebandeln. Mag er Necht ha: 
ben, fo it ed aber doch ungereht, mic eines vernünfti- 
gen Wefens ald meines Viehes bedienen zu dürfen. Sn: 
dejien bürfte bem Polen, dem der Geift gelähmt ift, der 
fhnefle Uufplug zur Sreibeit wol nicht fo bald befommen. 
Er ift fo ftumpffinnig noh, daß er das Wort Freiheit 
nicht gehörig deuten kann und aus einem freien Etaate: 
Bürger ein zügellofer werden wird, wenn irgend eine Kraft 
in ihm vor ber Hand erwaden fann, 
Der Theil von Polen, welchen wir bisher durchreis 
fet waren, beftand einft aus einem Theile des Syerzog> 
thbums Suiavien, ber Wonmwodihaft Plot, dem grüßten 
Theile ded Herzostbums Mafovien, ber Woywodicaft 
Podiadien, einem beträdtlihen Stüte vom Großherzog: 
thum Kitthauen und einem Eleinern von der Woymohfcaft 
Eamogitien. Im Jahre 1796 erbielten die’e vereinten 
Theile den Namen Nenoftipreußen, als fie von bem 
gen. E38 darf nit Die Erde ‚berühren; denn der Pole 
£niet nit, er Eriecht Der Herr Kupfertecher bat 
durch diefe Umärderung bewiefen, Daß fo eine Eriechende 
Stellung für unfer Aıge Hocit be.eidigend fey, Nber 
Dieses Nupfer fotie auch nur eine treue Abbildung, nicht 
die Darfieuurig von eiwad Schüönem fehn.
	        

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