Full text: Bildungsblätter oder Zeitung für die Jugend - 3.1808 (3)

 
 
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Susend. 
17: März 18908, 
 
 
Die finfende Sonne. 
Eine Parabel, 
Ein guter Vater faß mit feinen drei erwachfenen Kin: 
dern auf einem Hügel, Der Hügel war überzogen mit 
wohltiehenden Kräutern und fein weiches Moos war ein 
gemüthliher Yolfter im Schoofe der Natur. 
Die Sonne ging unter und die rothen Strahlen 
braden fih in ben Thwimmenden Augen des Vaters. Auch 
eine ZThräne floß ftil von ber Wange und fpiegelte Die 
Farbe des gebrochenen Lichteg, 
Und Spa, die altefte Tochter, fprach zu dem Bas 
ter: „Befter Vater, bu bift heute fo bewegt und blidft 
nicht fo heiter in die finfende Sonne und auf den dunfeln> 
ben Wald, mie bu es immer thuft, wenn wir auf diefem 
Hügel figen.’’ 
Und Amalie fpra: „Du macheft mich auch weich, 
mein Vater! ch fehe die Thräne auf deiner Wange, 
und fie erweihet mein Gemüth und lodet Thränen ber: 
vor. Sage uns, was bi bewegte, und Inf uns mit: 
fühlen, was bih rührt.’ 
Aber der Bater fprach: „Was ich fühle, Kinn 
ihr nicht mitfühlen; deun id kann es nicht gehörig mit 
Worten ausdräden." ze 
Da antwortete Amalie? „Aber deine Rührung Fann 
und doc wieder fanft rühren, wenn wir and nicht völlig 
degreifen, was bein Gemüth feierlich bewegte.“ 
Aber Karl fprach! „Vater, vielleicht befcaftigen 
fih deine Gedanten mit Den, mas mir die finfende 
Sonne immer zuzurnfen fheint. Sie blidt fheibend 
noch ein Mal auf uns und erröthet unfere Wangen mit 
dem milden Abfcyiedslichte, und fie Icheint zu fagen: bie 
Zeit ift ba, wir müflen und trennen! Und ich blide 
wieder auf Dich und auf die Schweftern und fprede zu 
mir: Es kommt wol eine Zeit, da werben wir getrennt 
fepn! Uber der freundliche Abfhied der Sonne erwedet 
nicht traurige Abnungen in mir. Morgen erfceinet fie 
wieder, Auch und wird ein Morgen wieder vereinigen |‘ 
Und ber Vater erwieberte: „Etwas Aebnliches er- 
mwedte das Bild der Sonne in mir; denn ber Schöpfer 
legte in die Natur eine Eprade, die das Herz ridtig 
verfteht, und einen Sinn, ben das Findbliche Gemüth un 
ter allen Völtern zu fallen vermag. Aber was mic be- 
weste, das follet ihr hören, 
Einft BFaste ich einen Sreund, ber oft auf biefem 
Häügel-mit mir faß. Er war eine reine Seele in einem 
fehönen Körper, gleich dem Thautropfen, ben die Rofen- 
Inosye- aufnimmt, 
Und der Freund. fühlte fo gern mit mir bad Große 
in der Natur und das Erbabene und Heilige in ben Mer 
ken des Schöpferd. Und wir veredellen ung gegenfeitig 
durch Das Nuffuchen und Sefthalten Des Schönen. Denn 
darum gefelte der Alweile das Schöne zu dem Nüglichen, 
daß fi unfer Sinn erheben folte von dem irdifgen Ges 
winne zur Bemunderung des Echabenen und zum heiligen 
KHorgefühl einer Himmitichen Ernte, dab unfer Geift nicht 
bloß den vergänglichen Nugen ergzeife, Tondern fi aud 
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