Full text: Bildungsblätter oder Zeitung für die Jugend - 3.1808 (3)

 
  
 
ee 
= 
Prora 
Jeituns für die 
43» 
Sonnabend 
9. April 1808. 
 
Die Blumen, 
Eine Parabel. 
$ Bingen einmal zwei Knaben, Rudi und Theo: 
dor, hinaus vor das Chor fpasieren,. "Se gelangten an 
einen fhmalen Weg, ber fi über Felder rümmte. Der 
Weg war zwar frumm; aber boch fehr eben. nd auf 
beiten Seiten am fhmalen Wege waren Felder, von flei: 
Bigen Landleuten im Lenze befüet und das Getreide ftand 
Ihon da mit hoben Halmen und mit zitternden Bfuthen 
der ehren. 
6 blidten aber dur die grüne Vergitterung ber 
Halmen die fhönen, blaven Blumen , melde das Getrei- 
de fhmüden; und wieder hie und ba prangte der feurige 
Seldmohn und befcheiben buftete am Naine die Heilung 
dringende Seldfamille, 
Da fpraden die Anaben! „Ei, laßt und doch Blu: 
men pflüden von allerlei Art!" 
Und fie pflüdten fi Blumen, fo viel, daß fie dag 
Bündel der Stiele nicht mehr umfaffen konnten. 
€8 fanden aber noch viel Blumen weiter hinein in 
dad Getreide und fie kamen ben Knaben viel fhöner vor. 
Da legten Rudolph und Theodor die gepflädten 
Blumen auf ben Nain und gingen hinein in das Zelb. 
Doc fie traten die Halmen nieder, wohin fie fih wenber 
ten und ftreiften die Bläthen ab von dem Hoffnung er: 
weenden Qehren. Allein baran baten die Knaben 
nicht. 
Es Tam aber ein Mann auf den fhmalen Wege 
gegangen, der fabe die Anaben und fragte: „Rinder, 
was madet ihr ba 2” 
Und es wendete fi Theodor um und fprah: „Wir 
pflüden uns Ihöne Blumen!’ 
Uber der Mann fprad: ,„Shr habt wol nicht baran 
gedacht, baf ihr Schaden that. Sehet bier her, wo ihr 
gegangen fepd; bie Halmen find niedergetreten und zer: 
ride, Wißt ihr denn nicht, ba ihr die Hoffnung des 
Landmann zerftört und den Segen Gotted niedertretet ? 
Die Halmen müffen vertrodnen, und wo ihr die Blüthen 
abftreift, ba können nicht Körnlein in den Achren wac- 
fen, Wiöt ihr denn nicht, daß in dem Körnlein bie Na 
tur Mebl zubereitet und daß euer Brot aud dem Meble 
gebaden wirb 2” 
Da ftanden die Knaben befhamt; «ber Aubolrh 
wollte fi) duch noch entichuldigen und fpra: „Wir wol- 
ten ja die fhönen Blumen herausholen.” 
Doch der Mann antwortete: „Wer das Schi: 
ne fuhet und einfammlet, der barf das 
Näglihe niht verderben.” 
Und die Knaben gingen ftiH aus bem Ader, 
Der verfiändige Mann verfolgte ferner feinen Weg. 
Die Anaben banden ihre Blumen zufammen mit 
einem Stiele und Juftwandelten fort anf bem fchmalen 
Dege. 
Da gelangten fie endlich an einen Wiefenbadh. 
Der Bach gefiel den Knaben fehr, benn fein Waf: 
fer war rein und Hell, wie ber unbewöltte Simmel unb- 
43
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.