Full text: Bildungsblätter oder Zeitung für die Jugend - 3.1808 (3)

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de, welche nicht fingen, Iefen und beten wolten, Sludte 
oder fhmähete ein Priefter, fo falugen fie ihm todt. 
Swien einer unentfchloffen, fo führten fie ihn zur Kirche, 
drobeten ihm mit dem nervigten Arm, bie er endlid 
Sottesdienft hielt. Es war ihm am Handel und Mandel 
der avergläubifhen Nahbarihaft niht eben viel gelegen, 
fo lange nur Gott Gras wachen ließ, daß die Heerden 
Mild und Wolle trugen, und etwa bei'm Sreudenmabl, 
wie in des Patriarchen Abrahbams Hütte, ein zartes gutes 
Kalb zubereitet werben modte. ber wenn fie erfuhren, 
daß ein Edler oder Unedler gebäffig und geringfhägig von 
ihnen fprac, fo fielen fie herunter von ihren Bergen, ver: 
heerten, plünderten, geißelten, erfhlugen fie, und zogen 
hierauf mit Bente beladen, fiegiaudhzend, getroft, wieder 
in das Land hinauf. Sie fagten vom Vaterlande: ‚Es 
„son ımfer Kirchhof fenn; innerhalb feiner Grenzen wollen 
„wie die Sreibeit gegen alle Welt behaupten, oder unbe: 
„zwangen fterben.‘ | 
Bei einer folhen mannligen und berzhaften Gefin- 
nung wagte es der UAbtvon St. Gallen nicht, in fei: 
nem Lande zu bleiben; er entfloh nach dem Schwarzwalbe. 
Auch der Bifhof von Coftanz fühlte ihre Nahe, und 
auf allen umliegenden Städten und Herten lag auf’s Tieue 
{wer der Schreden des Namens der Appenzeller. — 
Diefen Zlor hatten fie der Einfalt ihrer Sitten und ihrer 
furdtfreien Denfungsart zu danfen. Weil fie wenig be> 
durften, gab ihnen Gebürg und Heerde Alles. Dem Bann: 
firahi festen fie ihren gefunden Verfiand entgegen. Man 
weiß nicht eigentlich, wie fie über Religion gedacht haben: 
aber gewiß ift für alle Zeiten, daf ein unbefaugener Sinn 
unglaublich viel vermag, 
Der Abt von St. Gallen, Heintid von Man: 
giftorf, farb im folgenden Jahre zu Freiburg im 
Breisgau und an feine Stelle wurde Egloff, von 
dem alten Haufe der Blaarer von Wartenfee ge 
wählt. Doc wagte er ed noch nicht, nach St. Gallen zu 
gehen, fondern begab fih nah Wyl und fuchte viele Edle 
des Landes in fein Snterefie zu ziehen, Der Bifchof 
Stto von Coftanz bradte bei dem zu Frankfurt 
verfammelten Neichstag eine Klage gegen den Frevel der 
Appenzelleran. DieXurfürften forleben an die Eid- 
genoffen und an die verbundenen Ihwäbiihen Städte: fie 
möchten zu Danf und Lohn von Bott, zu Lob und Ehre 
vom heiligen Vater, dem Pabft, und allen riftlihen 
Sürften, dem Nitterbunde von Et. Snhlen beiftehen, um 
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ben Muthwillen der Appenzeller zu brechen. Diefeg 
turfürftlihe Schreiben wurde zwar mic RNefpekt gelefen ; 
aber Niemand war eben gefonnen, mit einem adtens: 
werthen Töllhen, zum Nu und Frommen einer über- 
müthigen Geiftlihfeit, einen Krieg zu beginnen und die 
braven Appenzeller blieben für jegt unangefocten. 
eW. Spiefer, 
 
Einnas Bild an ihrem funfzehnten Geburte: 
tage. 
€8 fieht ein Füfliches Blümchen 
Im filten, friedlichen Thal, 
Und bolde, lieblihe Düfte 
DBerbreitet ed rings um fich Her. 
Der Stanz der Farben ift milde, 
Der Riten Befcheidenheit Bid; 
Entfernt vom prunfenden Stofze, 
Bieht's Geden mir Innigfeit Hin, 
Und Regen, wildes Gemitter, 
Ded Derbfied tofender Eturm, 
Ya felbft des Winters Zerfiürung — 
Sie fhaden dem Blümelein nicht, 
Zwei boße, fhütende Baume 
:Bededen mit Zweigen und kaub 
Die zarte, Hold blühende Pranze 
Und wehren dem tofenden Sturm \, 
Ein Jeder naher dem Blümchen 
Mit lebender Freundtichkeit fich; 
So oft du auch Eommelt und fchauef, 
Eo find’ du es liedlimer ftetg. 
Du fragt: wo dieG Blümchen zu finden? 
Sn welchem Thale es wohnt? 
Du braucfi eg nicht ferne zu fuchen: 
Ei wohnt in der Nähe von bir, 
Komm mit mir, das Blümchen zu fchauen — 
Es biüher heut funfzehn Sapr, 
Und förer, ald jemals, entfaltet 
Die Duftende Btüthe fih Heut. 
Ihr fRarten und fchattigen Bäume, 
Beihüst Meß Eötlihe Werk, 
Daß lange, © lange e8 biühe 
Den Menfchen zur Freude und Luft! 
ee. W. Spiefen. 
*) ch Habe wor nicht nöthlg, den jungen Lefern und fe 
ferinnen zu fagen, wer unter diefen hohen, fchügenden 
Bäumen gemeint fey, wenn id; ihnen gefagt habe, daß 
Zinna fih noch mit inniger kiebe an diejenigen Perl“ 
nen anfchmiegt, Die jedem guten Kinde die Kiebiten unt 
theueriien auf Erden find. 

	        

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