Full text: Bildungsblätter oder Zeitung für die Jugend - 3.1808 (3)

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„aber woher mögen denn die Suden gefommen 
fenn 2” fragte Ludwig mit unterdrüdtem Laden, Daran 
hatte Wilhelm in dem erften Ausbruche feiner Freude felbft 
nicht gedacht. Sie fahen Beide näher zu und fanden auf 
dem Tifh unter den Schnallen einen Zettel, worauf Sol: 
gendes gefchrieben war: 
„Cs that mir bie in die Seele weh, als ich erfuhr, 
„daß den armen Wilhelm der Verluft feiner Uhr und 
„Sonalen in fo tiefe Betrübniß fepte. Sch will ihm die 
„Sreude, die er fi von dem Aufenthalte bei feinem On: 
„fel verfprad, nicht fo graufam verderben und gebe ihm 
„biemit die geftohlenen Saden zurüd, Cr mag fi indeß 
„diefe Erfahrung zur Warnung dienen laffen und fid nie 
„wieder auf der Neife dem forglofen Schlafe überlaflen. 
„Webrigens bitte ih den guten Kuaben um Derzeihung, 
„das ich ihn einige Stunden lang in Ungft und Surcht ba: 
„de ihweben laffen.‘ 
„Ein Dieb, wie man ihn nicht alle 
Tage findet.” 
„DD der gute, ehrliche Dieb!’ rief Wilhelm hod- 
erfreut aus, nahm die wiedergefundenen Saden famt 
dem Briefe, war wie ber Blig die Treppe hinunter, 
ftürmte zur Stube hinein und rief aus: „Sehen Sie 
bier meine Uhr — die Schnallen — den Brief — den 
ehrlihen Dieb — unter dem Epiegel — auf den Tif! 
Hier lefen Sie!’ — 
Die Familie fonnte aug diefen abgebrohenen Wors 
ten und einzelnen Ausrufungen nit Elug werden, und 
Zudmwig, ber nahgefommen war, mußte den ganzen 
Hergang ber Sache erzählen. Ulle nahmen berzliben 
Theil an Wilhelm’s Zreude und zerbradhen fih fa 
ben Kopf darüber, wie ber Dieb Wilhelmen habe be: 
obachten und die geftoblenen Sachen in die Kammer brits 
gen Füunen. Die Mutter ahnete zwar den Zufammen- 
bang ber ganzen Geihichte; indep fie fhwieg bedäctig 
und bradte die feltiamften DBermuthungen zum !Wots 
fvein. Nachdem fie lange bin und ber gerathen und aud 
Ludwig und Heintrih das Wahre nicht getroffen 
hatten, trat endlich der Vater auf und erzählte die Be: 
gebenbeit, wie Ile meine jungen Xefer haben vorgehen 
fehen. Ed wurde über diefen Spaß no viel gelacht 
und gefberzt; Wilbelm aber war glüdliher, als 
ein König und legte fih mit redht frobem Muthe zu 
Bette, 
(Der Beihluß im nädhfıen Stüde) 
 
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Pantominien bei Leichenbegängniffen. 
Euetoniud, ein römifcher Scriftfteller, welder un: 
gefähr vor 170 Sahren lebte, erzählt im 19. Kapitel 
ber Ecbensbefreibung des römifhen Kaifers Vefpofian, 
daß ed unter den Römern gebräuchlich gewefen fep, bei eis 
henbegängniffen einen Pantoinimen zu haben ‚ der ben 
Derftorbenen vorftelte und nadahımte. Diefe Künftler 
ahmten oft die Mienen, Geberden und Etelungen bes 
Körpers, die Handlungen, Eitten und Sprache fo täufhend 
nad, daß man glaubte, den Verftorbenen felbft zu feben 
und zu hören, Man nannte einen folden Mann eigentlich 
Archimimus, weil er den Reihenzug anführen mußte, 
Ohne Zweifel wollte man durch diefen Gebraud ben 
Schmerz der Leibtragenden vermindern, indem man gleich: 
fam den Todten wieder aufleben ließ, 
Von den Römern hatte fi diefer Gebrauch auf bie 
Gallier und von diefen auf bie Franken fortgepflanzt. 
Noch im vierzehnten Sahrhundert findet man in Zranf: 
teih unter Karl dem Fünften oder dem Meifen deutliche 
Epuren davon. In alten Rechnungen des Haufes Do: 
lignac ftehet in der Ausgabe des Jahres 1375 folgender 
Artikel: 
„Sunf Cold dem Blafius gegeben, welder bei dem 
‚Begrätniffe des Zunker Johann, bes Herrn Ran: 
„domet Armand, Vicomt von Poliguac, Sohn, dem 
„Derftorbenen vorgeftellet hat.“ 
8. 5. Mittag. 
 
Raäthfel. 
Bier Brüder find’E, Die wechfelgweis, 
Bom Anfang auer Dinge an, 
Durchreifen unfrer Erde Kreis. 
Ein Geder wandelt feine Bahn, 
Dft kit fo fanft und Leif’ ihr Tritt. 
Eo fegerdvolt ihre Holder Bid; 
Dit zurnen fie, ihr rafcher Schritt 
Läst der Berwültung Spur zurud. 
Wenn did des Sommers Echwüle drüdt. 
Wie wohl ift dir, wie wohl und leicht, 
Wie fehr fühlt du dis dann erquidt, 
Wenn dis der Befte Kühlung reicht; 
Der Schiffer Harrer ihrer Gunft, 
— Er zählt noch vier Mai fieden mehr — 
Gertägt auf fie und feine Kunft, 
Defahrt er Fühn das fiolge Meer. 
5/4 
Auflöfung der zweifzibigen Charade im 48. Stüd. 
Der Licntinedt.
	        

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