Full text: Bildungsblätter oder Zeitung für die Jugend - 3.1808 (3)

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Kennlauf ift aber doc Ziehen ihre fhwade Eeite, Dieb 
bringt fhon die Natur des Nomaden mit fib, Wenn ein 
KReifender in Polen und vorzüglich in Litthauen die unan- 
fehnliche Geftalt diefer Klepper, deren man oft vier bie 
febs neben einander an den Wagen fpannen muß, zum 
erfien Mele fiegt ober die liederlihen Zug: und Zenkfeile 
betraptet, mittelft weiher ein Paar zehn: bie zwmölfiährie 
ge Zudenfneben, vie barfuß, im zertiffenem Hemde, 
groblinnenen Hofen und mit einer fhmugigen Nachtmüpe 
auf dem fchwarzen Büfcel Haste, ohne Sattel reiten, 
jene halbwilden Thiere über die Snuppeldämme und beu 
Einfturz drohende hölzerne Brüden vor fi hintreiben, 10 
möcte er wol an feinem Fortfommen verzweifeln. € 
geht aber doc beffer, als er glaubt, Die Noth Bat AL: 
leg fo einfach oder fo dürftig, aid möglich, eingerichtet. 
Man weiß, befonders in Litthauen, nichte von Kumten, 
die bei den deutfchen Zuhrleuten ein ftattliher Echellens 
fsmud des Pferdehalfes find; fondern man hängt den 
Dferden bloß eine Art von Sälinge um, an ber fid bie 
Erränge befinden. Das Uebrige harmenirt mit biefem 
Poitzuge vollfommen. Wie die Pferde, fo der Poftillon; 
wie diefer, fo der Poftmeifter; wie der Weg, fo die Her: 
berge im Wirthehaufe, oder der Krug: nberall, zumal 
anf den Dorfern und in den Eleinen Städten, begegnen 
und Zuden, und durdgängig herrft ein praßtifher Cy> 
niemus, ber fih mir der nothbürftigften Erlangung bes 
Sothdärftigen begnägt, fein höchftes Slüd aber nicht im 
der Unabhängigkeit des Weifen von Sinope, fondern im 
dem Gewinne einiger polnifchen Suiden oder einer Flafche 
Branntwein findet. Doch man gebe nur diefen Pferden 
andere Herren und biefen Hütten andere Bewohner : wie 
fehe verwandelt fih Alles! Selbft in den litthauiichen 
Wäldern ftsßt man auf fremde Koloniften, auf den fröß> 
lihen Segen des freien Eigenthume und der Kultur! 
Dies führt mich auf unfer Bild und auf die zweite 
Hauptfigur deffelben zurüd. Eofte fie ung von einer län= 
gern Vetradhtung abfhreden? Sch glaube niht. Es ift 
wahr, Sie fehen die gemeine Menfhennatur vor fi; 
leider ift es fogar die erniedrigte. Aber die Worte dig 
XTerenz; Homo sum, nihil humani a me alienum puto, 
find gewiß Feinem unferer Lefer unverftändlich geblieben. 
Welche Fragen drangen fich nicht dem fühlenden und ben: 
fenden Beobachter bei Diefem Bilde auf! 
Wo ift der arme Jude einbeimifh? Giebt es vie: 
le feines Steinen? Was lirß ihn in diefen Zuftand der 
Erniedrigung verfiufen? Was Fann Ihn daraus erheben? 
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Kennt er feinen Zuftend ? Hat er den Begriff und die 
Hoffnung eines beffern Zuftandes ? Hat er Anlagen und 
Charakter? Sind die Hinderniffe, welde ihn niederhal: 
ten, in oder außer ihm vorhanden? 
Ee ift hier nicht der Ort, diefe Tragen genau zu 
erörtern. Zum Theil ift dieß in einer Fleinen, unter 
ung wenig befannt gewordenen, Brofchüre geihehen, die 
in Barfau am 6ten Suli 1796 erfhien und wahr: 
fheinlich Feinen Suden zum Verfaffer hatte *),. Ic will 
daher nur einige Bemerkungen, die auch von andern Reis 
fenden, 3.8. von William Core (f. Travels into 
Poland, Russia, Sweden and Denmark etc. 3 Vol. 
Dublin 1784. 8.), von Friedrih Schulz (Heife ei: 
ned Liefländerg von Niga nach Wearfchanıc. Berlin 1795. 
2 Theile) und in den Nachrichten über Polen 
(Salzburg 1793. 2 Theile) gemadt worden find, an» 
führen, um die Aufmerkfamfeit meiner jungen Lefer auf 
den großen Gegenftand der neuern Staatefunft zu lenten, 
welcher einft wol auch ihr Nachdenken nraktifh befäfti- 
gen bürfte: er betrifft dag Problem, den burch Armuth, 
Sewinnfucht, Unmwiffenheit, Schmuz und Trägheit ver: 
wilderten Theil der jüdifhen Nation auf die Stufe der 
Kultur und des bürgerlihen Wohlftandeg zu erheben, auf 
welcher feine riftlihen Mitbürger fiehen und von der ihn 
nur fein eigener und der Eingebornen Zanatismus feit 
mehr als anderthalb Sahrtaufenten entfernt gehalten 
haben. 
Es ift eine auffallende Erfpeinung in ber Geidhichs 
te, daß die Suden mitten unter den Nationen, Die fie 
bei fih aufnahmen, Sremdlinge blieben. Auch da, wo 
fie alle, mit ihrem Eyftem verträglige, Rechte der bür: 
gerlichen Gefelichaft befaßen, fiherte ihre, aufXrennung 
von allen Nichtiuden durchaus berechnete, religiöfe, bürs 
gerlich: Häuslihe Verfaffung den allgemeinen jüdifchen 
Boltecharakter und die Nationalphufisguomie vor jeder 
wefentlihen Umbildung. Gleihwol Eonnte es nicht fehlen, 
daf Klima, Lebensart, Sprache und ber jedesmalige po: 
*, Eie ift betitelt: Essai sur l’etat actuel des Juifs de 
Pologne en leur perfectibilite. 47 ©. 4. ein an ftatt: 
fiifhen Aufttärungen fche dürftiger Berfuh. Mehrere 
Nachrichten finden fih in den vielen, vor einigen Sabren 
in Berlin berausgefommenen, Gchriften für und wider 
die Juden. In Deutfchland Hat der Herr von Tohm, 
Königiih Werphälticher Gelandter am Dresdner Hofe, 
große Verdienite um die Berbefierung des kürgerlichden Su: 
ftandes der Juden fich erworben. Man weiß aus öffent: 
lichen Blättern, daß die Juden im Köntgreihe Weriphu: 
len Staatgbürger geworden find, was fie in Tranfreid, 
Hohand und Sralien fchon feit der Revolution waren,
	        

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