Full text: Bildungsblätter oder Zeitung für die Jugend - 3.1808 (3)

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mein Vater weiter. „Ss giebt ja doch Werwahrungsörter 
für folhe Unghäalige!" — „Diefer Peter ift der um 
ihäadlichfte Menfh von der Welt,” ermwieberte Here 
Herz „er that noch nie einem Menfhen Etwas zu 
geide; iedes Kind kennt und liebt ihn. Sein Verftand 
it verwirrt, aber noch zeigen fi edle Spuren deffelben. 
Gr fheint fehr viel Kenntniffe gehabt zu haben, von be= 
nen jet nur zuweilen bie und da ein Bruhftüd zum Bor: 
fhein fommt. Er ift fehr bewandert in der Geograpbie. 
Sein Aufenthalt it im Walde, wo er unter freiem Hims 
mel ruht. Dfe kommt er in die umliegenden Dörfer; er 
erhält Speife, Branntwein und Rauctabad. Geld ver: 
Janat er nie, nimmt ed aud nicht an, wenn es ihm ge: 
boten wird, - Wenn es zur Zeit ded Winters fehr Kalt ift, 
fommt er öfter und bleibt langer, Bon feiner Gefhichte 
erzählt man fih viel Abentheuerlihes. Einige fagen, er 
fey ein Graf, der auf der Univerfitdt feinen ehemaligen 
Sreund im Duell erfiochen habe und den die Vorwürfe feis 
ned Sewiffeng nah und nah in biefen Zufland verfest 
hätten. Dann fagt man wieder, er fey ein Hanbichuhs 
händler geweien, den feine Sattin und fein vertrautefler 
Sreund aufs fhandlichfte betrogen hatten, Doc dieß 
find Alles nur Bermuthungen und Fein Grund der Wahr: 
beit unterftügt fie. Er felbft fpricht nie von feinen Schid> 
falen. Man bat ibm fchon einige Mal gefagt, was man 
davon zu wiflen glaube. Er Hurte aufmerffam zu; am 
Ende fagte er aber lachelnd: „Slaub’ ed nicht, es fft 
nicht wahr.” — So viel fonnte man aber aus feinen ei= 
genen Aeuferungen fahliehen, daß er auf irgend einer 
Univerfität findirt bat, und man folte beinahe glauben,. 
in Ealzburg.” 
Wir waren dußerft begierig, diefen Menfcen ein= 
mal gu fehen; auch kam er in einigen Tagen wirklich, 
Cr war mit einem Sat befleidet; feine Zuße und Arme 
waren ganz entblöft, feine Haut vollig von der Eonne 
verbrannt; auf feinem Gelicte lagen Spuren eines edlen 
Seifted; fein fhmwarzes Auge blißte voll Teuer; fein fürs 
je8, fchwarzed Haare war mit einem Kranz von Stroh 
ummanden. Er fprad fhnell und ohne Sufammenbang. 
Ton meinem Vater erbat er fi feine Adreffe, um ihn 
einmal zu befuchen. Enblich gienger und legte fi unten 
am Haufe auf einen Sraspleg. Er fprac viel mit fi 
felbft; einmal rief er, ale ob er aus einem tiefen Schlaf 
erwachte: „D Salzburg, Calzburg, du mein einziger 
Traum!” — Der Anblid diefes Menfhen bewegte ung 
tief, Er Fonnte nicht viel über dreißig Sabre alt fepn, 
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und mitten in feinem Wirken war fein fhöner Verfiand 
zerftört. Es ift doch traurig, daß mir fo gar Nichts he- 
ben, wag wir unfer nennen könnten; baß felbit die fon: 
ften Kräfte unfers Geiftes, durch einen ungünftigen Drud 
an unfere Mafhine, für diefes Leben fo fhredlich zerftört- 
werben Eonnen! Ah, daß wir doch unfere Kräfte benng- 
ten, fo lange fie Gott ung gönnt, daß wir fie bemügten 
zum edelften Wirlen! Der Kranz unferer Thaten glänzt 
ung aus einem andern Leben entgegen, wenn auch hier 
plößlich unfere Laufbahn unterbrochen wird, 
Karoline. 
 
Der Knabe und die Müden. 
Eine Sabel, 
Ein Schwarm von Müden tanzt’ um einen Knaben, 
Der feine Lämmchen Häütete im Hain. 
Der Anabe fihlug mit feinem GSteden drein, 
Und manche Müde fiel. Sie Ihrien: „Wir Haben 
So gut ed mit dir, unferm Treunt, im Einn, 
Bir tanzen dir fo fhön und muficiren, 
Und du — veriaglt ung!" — „DO! fprach er, „ich bin 
Mit eurem Tanz und eurem Subiliren. 
San wohl zufrieden. Doch Ich merfe auch, 
Dag Ihr daneben Babt den fchlechten Brauch, 
Da8 Blut Dem, der euch duldet, auszufaugen. 
Drum fort, Berderbliche, aus meinen Augen!” 
* * * 
D junger Freund, In deinen Fünft'gen Jahren. 
Birft Du gar viele Menfchen, diefen Mücken 
Sehr ährniih, auf dem Lebensiveg’ erblicken, 
Mögft dDIh auch dann vor iänen wohl bewahren! — 
Dedeleben. ehr. Niemeyer. 
Drediger, 
 
Die neuen Kleider 
Eine Parabel. 
Ein Dater ließ feinen beiden Sohmen neue Kleider 
machen, Die Rode waren von dem nemlihen Tue und 
gleiche Knöpfe waren barauf gefeht. Und Karl, der ältes 
fie Sohn, fah recht gepugt und ftattlih in dem Node 
aud und wer die Kleibung fahe, der pries den Meifter, 
der fie verfertigt battle. — „Der Rod lieget und figet 
wie angegoffen am Leibe und zieret ben Körper!’ fagte 
die Mutter. 
Aker Heinrihen, Ben jüngern Bruder, Fleidete 
der Rod nit. And er hatte doch den nämlihen Schnitt 
und war gleichfalls ein gelungenes Werk des nämlichen 
Meiftere; aber es fhien, als gehörte der Rod dem 
Knaben nicht an; er hing um ben Leib, wie eine
	        

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