Full text: Bildungsblätter oder Zeitung für die Jugend - 3.1808 (3)

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fhimpften Stadt in die andere wandern, melde gleides 
Soikfal hat. est find, außer Berlin, auch Hamburg, 
Neubrandenburg, Stettin und mehrere andere Städte 
befhimpft. 
Auf dem Wege von fo einer Stadt zur. andern batf 
ber Gefell nicht dad Handwerk anfpreden, b. 5. von dem 
Handwerfe in einer Stadt fi eine Gabe erbitten; er 
darf nicht die Herberge befuchen und muß jedes Zufam: 
mentreffen mit andern Gefellen forgfältig vermeiden. Er 
fann auch nur in einer befdimpften Etadt Meifter wer: 
den; benn in andern Städten erkennt ihn Fein Gefell da> 
für an, Er erhält in der Fremde den Namen Kat» 
nifel (Kaninden), und fo ein Karnidel muß todtge- 
fhlasen werben! heißt es da. — 
Mein Tifalergefel erzählte mir, daß er fhon von 
drei folhen ZTodtfahlsgen Etwas wilfe. Davon führte er 
einen zum Beifpirle an. Ein junger Menich hatte in der 
beihimpften Stadt Neubrandenburg gearbeitet und wollL 
te nah Stettin wandern. Unterwegs fehrte er in %** 
im Wirthehaufe ein, wo eben die Tifchlergefellen ihren 
guten Montag balten wollten. Er wird von dem Haus: 
tnehte, ber erft allein ift, gefragt: wo er herfame? Gr 
antwortet: „Bon Suirom!”’ Der Haudfnecht geht fort, 
tommt wieder und fragt noch ein Mal: wo er herfäme? 
“er käme wol nicht von Suftrom; er Fame bo von Pen: 
brandenburg! — ‚Nun ia, ic komme von Neubranden- 
burg!’ antwortet der Gefel. Der Hausfneht geht wies 
der fort. Derauf kommen eine Menge Gefellen in die 
Stube. Der Haudlneht muß einen Eimer mit Waffer, 
ein Bund Heu und eine Futterfhwinge vol Herel brins 
gen und diefed Pferdefutter bem Gefelen vorfegen. Ale 
ihm. diefe Ergögung nicht behagt, tritt ein Mitgefel zu 
ihm und fpricht: „Willft du nicht freffen, Karnidel?”’ — 
— Doh nun ma ih meinen Gefellfpafter in feiner 
Sprade mweiter erzählen laffen. Er fagte; „Da wurde 
der Neubrandenburger za; aber die andern Gefellen 
bearbeiteten ihn fo, daß er wie tobt liegen bfieb.‘ 
— Er lag noch at Tage im Wirthehaufe tödtlic Frank, 
bie ihn fein Vater abbolte. Bei diefem lebte er nur no 
Drei Tage. Die Schläger entgingen ber Strafe, indem 
fie fi augenblitlih entfernten und in die weite Welt 
wanderten, 
Der Zifälergefell, mwelher mir biefes erzählte, 
mißbiligte böchlih den alten Handwertsgebraud 
(wie biefe Rache genannt wird), und meinte, alle diefe 
Sräuel würden längft aufgehört haben, wenn nicht nod, 
Sju 
fo viel alte Gefelen unter ihuen wären, welde noch 
zu fehr auf ihre alten Rechte hielten und Die jüngern an- 
reisten, und fchon jeht, während des Krieges, wäre 
nit fo ftreng auf diefes alte Herfommen gehalten worden, 
Allein es fhien, als ob bie alten Gefellen ihre Rechte 
nach dem Frieden wieder in Gültigkeit fegen wollten. 
Eine gefhimpfte Stadt Fann ihren Schimpf wie: 
der Iodtaufen. Cs werden nämlit dann aus brei groß;n 
Städten, unb zwar aus jeder zwei, Euge und erfab-: 
ne Gefellen in die befhimpfte Stadt gefendet, welche die 
Sache unterfuhen und beilegen. Das Ganze läuft aber 
auf eine Seldfchneiderei hinaus; denn Berlin fol diefen 
fee Gefellen zufammen 6000 Thaler geben. Breslau 
bat fih vor einigen Gabren mit 3000 Thalern losge- 
Fauft. Doc Fann id, diefe legte Angabe nit verbürgen; 
fie gründet fi nur auf Die Ausfage des Sefellen. 
Deine jungen Lefer fehen aber aus dem Erzäblten, 
weldhe Mißbräuhe noh unter ben Menichen berrichen und 
welhe Gräuel in ben frübern Zeiten von jungen Hand: 
werkern mögen verübt worden fepn, da die jeßige Bil: 
dung der Menfhen und die Wacfamfeit der Gefepe fie 
noch nıcht ganz haben unterdrüden Fünnen. 
Ale Beitrag zu dem DBorigen kann ich noch Zolgen: 
bed erzählen. Der Eeilermeifter Lot aus Altona war 
verarmt. Er entihloß fih, wie ein Gefeil wieder Arbeit 
zu fuhen, und Fam vor ungefähr 9 Jahren nad Stet: 
tin in die Herberge der Seilergefellen, um für fi um: 
fhauen zu laffen, d. 5. einen Gefellen, an weldhem 
die Reihe ift, bei den Meiftern nah Arbeit umhersu: 
fdiden. Damals waren noch zwei Seilergefellen einge: 
wandert, für welde zugleih mit umgefchauet wurde. 
Der verarmte Meifter befam Arbeit durch Bermittelung 
des umfchauenden Sefellen Bandlow, der ihn von Altona 
ber faunte. Die beiden Cingewanberten mußten welter 
gehen. Es verdroß die übrigen Gefellen in der Stadt, 
daß ein verarmter Meifter dem Gefellen Arbeit 
wegndhme. Gie bedahten nicht, dab der Entichluß bee 
armen Mannes, fid lieber dem Gefpötte auszufeken, 
als zum Bertelftabe zu greifen, ihm gar nicht zur Unehte 
gereihe, fendern vielmehr Achtung erwerben müfle. Alt 
der arme Meifter am folgenden Morgen auf der gemein: 
fhaftliben Seilerbahn erfnien, um fein Tagemert ald 
Gefell anzufangen, entftand ein lautes Gemurr unter 
den übrigen Gefelen; fie finaen an zu drohen, bas fie 
das Seilergewert zu Stettin verfbimpfen würden, und 
Issten fhon wit nur einen Schimpf auf den Meifter,
	        

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