Full text: Bildungsblätter oder Zeitung für die Jugend - 3.1808 (3)

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„Alles gut! antwortete ber Nachbar. „Darum 
Bruucht aber der Vruder nicht fo viel Geld zu verzehren!” 
Doch e8 antwortete Georg: „Was mein Bruder 
erlernt, das erlernt er nicht unter den Bauern. Er muß 
unter gelabrten, vornehmen Männern leben; ba kann 
er fib doc nicht leiden, wie ein Bauer. Auch If fein 
Körper fowac und wird nicht geftärft von feiner Arbeit; 
da Eann er fih doch nicht mit Klößen fattigen, bie der 
Bauer biben muß. — Mein Vater giebt mir fo viel, 
aid id; brauche; ich brauche aber nicht viel, weil ih ein 
Kuner bin. Sch babe aud nicht Kuft, etwas anderes zu 
werden. Mein Bruder braucht mehr für feinen Stand; 
aver er muß aud fo viel haben, als er braudt. 
Und dann wäre mein Bater ungerecht, wenn er ihn Noth 
leiden ließe und ihm nur fo viel gäbe, ald er mir giebt. 
Sort bat ihm ia fo einen Sohn gegeben und Gott will 
aud haben, daß er ihn unteritäßen fol.“ 
Da fhwieg der Nachbar befhämt. 
So befhämt fhweige Jeder, der die Einrichtungen 
Sotted tabelt und gegen die ewige Liebe fih auflehnt, 
wenn das Schidfal dem Einen mehr zugemeffen bat, ale 
dem Andern. Gott giebt einem Geden, fo vieler be: 
darf, und ift nicht ungeredt gegen den Nietern, wenn 
er Höhern mehr zutheilt. 
Ev fchweige aber auch Jeder, ber darüber murtt, 
baf dem Höhern im Staste mehr Lohn zu Theil wird, 
als dem niedern Diener, der, gleich jenem, feine Kräf: 
te anfttengt. Der Menfh darf nit mehr fodern, als 
er in feinem Stande nur bedarf. 
Karl Hahn. 
 
Sean Jaques Garnier. 
Ein berühmter Sprad- und Gefdidt$: 
. forfder. 
(Geboren 1729 zu Goron in Stanfreid, gefiorben 1804 zu 
Partd.) 
Garnier’s Aeltern waren dürftig; aber dennod, 
mit großen Aufopferungen von irrer Eeite, forgten fie 
dafür, daB er eine gule, willenikaftliihe Bildung er: 
hielt. 
als er achtzehn Zahre alt geworben war, machte 
er fib Vorwürfe, feinen Weltern noch zur Laft zu fallen, 
fönüirte fein Kleines Bündel und wanderte, mıt fünf Oro: 
{hen in der Tale, nah Parie. 
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Erin Sfüesftern führte ihn vor einer Schule, dem 
College d’Harcourt, vorbei. Eine Menge junger Leute 
firomten hinein; er felgte ihnen, Sie gerfiteuten fid in 
die verfchiedenen Kiafen. Garnier allein blieb auf dem 
Edulhofe fiehen. Ein Unterauficher fragte ihn, warum 
nicht auch er in die Kiaflen gehe? Er antwortete: „Ich 
habe meine Studien fchon in ter Provinz geendigt und 
fomme nun bieber, um von meinen wenigen Kenntniffen 
Mugen zu ziehen, da ich meinen armen Aeltern nicht läns 
ger zur Left fallen mag.” 
Des jungen Wandererd eble Gefinnung und Offen: 
herzigfeit zogen den Auffeber an. Er flelte feine Kennt: 
niffe dur einige Fragen auf die Trobe; die Antworten 
fielen gut aud. Der Unterauffeber führte den jungen 
Menihen zu dem Sherauffeber und empfahl ihn. Auch 
diefer fand ihn beifallemürdig. Garnier befam Koft 
und Wohnung im Kollegium, febte feine Studien mit 
grogem Glüde fort und fhritt rafh auf einer Bahn fort, 
weilte ihn zu hohem Nuhme geführt hat. 
Dedeleben. Chr. Niemeyer, 
Prediger. 
 
Charade 
Drei Eniben bat das Wort. Die erfte bleibt 
Die Defte lets, wenn gleich die aweite fchimmert, 
Und Mancher, Ter bethört an dDiefe glaubt, 
Zu wenig fih um jene Fürmmert. 
Biuft Du die dritte noch mit einem 7 verfehen, 
Sp kannt du dreift mir ihr auf finfirem Brade gehen. 
Tie Mittelfntde wird die nicht gefalten, 
Wenn du ein Mann von Vort und Wahrheit bifi; 
Timm fie beraud und Hör’ ein Wort erfchalten, 
Das der Befrörr’gung fiarker Nusruf it; 
Am fhonften wur eg dir in Keil’gen Dauen. 
Das Sanze rathe fett! ES fagt nicht Ja, nid 
Fein, 
Sı Wahrheit nicht und auch nicht Schein, 
Und wit auch keins von Belden feyn, 
E3 rühmı fih richt, Das Kommende zu wien, 
Und fcheint Do nicht, die Aunde ganz zu milen. 
g, 
 
Mots des Charades frangoises en Nr. 74. 
1) Chardonneret (Char — don = ne — reis). 
2) Limacon (Lima — macon).
	        

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