Full text: Bildungsblätter oder Zeitung für die Jugend - 3.1808 (3)

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ten, und warten die fchunften vorübergegangen. Die 
Mädchen, jent gelaffener und ruhiger, hatten auch nicht 
die einzelne überfehen, ein Fleineres Nevier eingenommen 
und famen zulegt mit reicherer Nernte, Es war fo un: 
gleich, daß fie don Brüdern abgeben mußten, bie fih des 
fehlgefplagenen Triumphs nipt wenig fdamten, 
„zum Laufen Hilft nicht fhnel feyn, würde ihs 
nen Herr Werner entgegengerufen haben. 
Die Mädchen wanden die Kränze. Beinahe waren 
fie fertig, ale Kerr Werner auf fie zu fam, 
„Was macht ihr?” 
Mir winden Blumenfränze. 
„Korablumen? — Eo fpät im Jahre?’ 
Für Vater Hausmann! Für Mutter Hausmann! 
„Der Kranz der Schnitter nad der Uernte für das 
Haupt der Alten, date Herr Werner und legte in das 
fina:fche Gelhäft einen Einn, von dem die Eleinen Ge: 
faopre fh Nichts abnen ließen. 
„dad wir bringen ihn!” riefen Enkel und Ens 
kelinnen. 
„And ih mil mit euch gehen, wenn ihr ihn 
bringt,’ feste Herr Werner binzn, 
Man war fertig. — Hoch! da Illefen fih ferne 
Töne hören. — 
Mufit! Drufitt!‘ riefen die Kinder und fchlugen 
in bie Sande und fprangen. „Kommt! Kommt! Eie 
tanzen! 
Herr Werner konnte fie nicht aufhalten; fie liefen 
voran; nur fein Wilhelm, Wilhelmine, der kleine Gu- 
ftav md Franzchen und Rebeffa, welde die Kränze tra» 
gen follten und jih Etwas dduhteten, blieben bei ihm. 
Man hatte num bag Haug erreicht. Hier war ein fhoner 
freier Pleg vor den beiden bejahrten Linden. Die Süng- 
linge und bie Märchen tanzten. Die Alten batten fi 
auf die Bänfe unter den Linden gefest und die Kinder 
fchloffen einen Zirfel um die Tanzenden. Der Tag blieb 
fhon. Da das Haus an der Weftfeite lag und die Aus: 
fiht nur links von Echeuneh begrenzt war, rechts aber 
über eine offene Wiefe binfab, fo befhien noch die Sons 
ne ihr Seft mit liebligem Strable, als, fie fon tiefer zu 
finfen anfing. Die Tänze waren nit ungeftäm und wild, 
fondern bfieben immer in gewiffer Haltung und drüdten 
nur gemäpigte Freude aus, Go ermüdeten die Tanzen: 
ben nicht und die fhöne -Befonnenheit blich ihnen, zu 
füblen, was fie genoffen. Herr Werner und Herr Herta 
munu waren innig vergnügt, ob fie aleih ernft fhienen. 
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Eie fahen im Tanze ein Bild des zufriedenen Lebens, 
welches das Leben der meiften Greife gewefen war. Es 
hatte ihnen nicht hohe, beraufchende Freuden dargeboten, 
fondern war nur in fanften, aber fi immer gleich blei- 
bendem Genufle dahin gefloffen. Keine leidenichaftliche 
Woallungen hatten fie früher erihöpft; fie blieben immer 
Meister ihrer Gedanfen und Gefühle, und waren fo 
glüdlicher, ald Andere in fih unbewußten Taumel ber 
onne, 
Der Tanz hatte geendet. E& war eine Panfe. 
Da traten Enkel und Enkelinnen binzu und brad: 
ten den Kranz. Der Großvater Eüßte fie, aber fag: 
te: „Ein blauer Kranz in grauen Koden ftebt nit 
mehr fein !" 
Der Kranz der Schnitter nach ber Aernte,” fiel 
Herr Werner ein, ‚Kinder bringen ihn dar! Und die 
Blumen fproßten im fpäten Herbfie auf einem $elde, def: 
fen $rucht fhon gedrntet war, und Mandem Nichts 
mebr erwarten lief. — Beactet bie fchöne dreifache 
Deutung! — Die Halmen erwuchfen und reiften. Die 
Scheuern find gefüllt. Die Arbeit ift vollendet. Nube 
und Genuß Erönen den Fleißigen nah Tagen ber Mühe 
und des Schweißes. — Nimm den Kranz, ehrmwürdiges 
Daar! — Kinder wanden ihn! Winden euch diefe nicht 
die fhonften Siränze, da eure Lebendbahn fih neigt und 
ibr müde wurdet, felbft zu pflüden. — Dder was ift 
jest eure ruhigfte Freude, ald ber Blid auf eure Söhne 
and Töchter, Enfel und Entelinnen, die euer Beifpiel 
and eure Ermahnung zu guten Menfchen erzogen ? Ges 
nießet ihr nicht no ein Mal enre Kindheit und Jugend 
in ber ibrigen und freuet euch ihrer Treuden? — — 
Und Sreuden am Abende, wenn ber mühevolle Tag fi 
neigte, Blumen, noh Gaben des fcheidenden Jahres, 
wenn Alles zu welten fbien, wie fchon find fiel — Ge: 
fegnet ift dad Alter, wie die Jugend, Iebem, der wär: 
dig war des Segeng.” 
Alles fchwieg; Alles Jaufchte diefen Worten, bie 
Here Werner mit feierlider Nübrung fprad. Nur ein 
Handdrud antwortete, dankte ihm und in dem ruhigen 
Auge des ehrwürdigen Greifeg glänzte eine Thrane. Der 
Tanz fing nicht wieder an; aber die Epieler, welches 
aud befreundete junge Männer waren, begannen, wie 
verabredet, die fhone, feierlige Melodie eines beiligen 
Danklieded, welhes Ale Fannten. Leife, wie flüfternd, 
fiel Einer, dann Mehrere, dann Aller Stimmen, die 
Melodie begleitend, ein. ihre Freude ging in Andacht
	        

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