Full text: Bildungsblätter oder Zeitung für die Jugend - 3.1808 (3)

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li werden und ein herrliches WBewnftfenn wird euch 
lohnen.” 
Karoline 
 
Charafteriftif der Saponefer. 
Die Tugenden diefer Nation find wahre Helbentu: 
genden und felbit die alten Griechen und Römer müffen 
iänen nadıftehen. Ihre Nedlichkeit, ihre Vaterlandslie: 
be, ihr Mitleidegefühl, ihre Derantung des Todes er: 
weden Erfiaunen. Kein DBolf der Erde verachtet ben 
Neihthum mehr, als die Zaponefer; daher aber auch Fein 
Tolf mehr, als diefes, von den Laftern frei ift, die aus 
der Begierde nah Gelde entiptingen. &o war e8 bei den 
Epartanern und Römern; fo ift ed noch jept in Sayan. 
Bei dem gemeinen Manne trifft man daher nichte weiter 
an, als was die Niothdurft unumgänglich fodert; aber 
Ales ift nett und reinlid. Faft bat man fein Beifpiel, 
daß ein Zaponefer über göttlihe und religiöofe Dinge fi 
einen Spott erlaubt hätte. Selten hört man über die 
Negierung Elagen, noch feltener über Widermwärtigfeiten 
des Lebend. Diefe lestern ertragen jie mit beidenmütbi: 
ger Etendhaftigkeit und mit faft unglaublicher Ausdauer, 
Das Sand, welhes ihnen ihren Bedarf verfhaffen muß, 
ift meift fleinig und unergiebig; allein der erftaunlidhe 
leiß der Einwohner erzwingt von der Natur Das, was 
fie fih freimillig zu geben weigert. Cie erbauen Reis 
und Brotforn in folder Menge, daB fie felbfi die pbi- 
lispinifhen Snfeln mit den mehreften Xebensbedürfniffen 
verforgen. 
Shre Serechtigfeitäliebe ift unbeflehlih, fo daß 
fie diefelbe felbft da, wo es ihre liebften Angehörigen gilt, 
niht verlegen. Der Vater verdammt 3.28. den Cohn, wel: 
hen er innig liebt, mit der größten Zreimuthigfeit zum 
Zode, wenn fih biefer einer Miffethat fhuldig madt, 
Bilt ed das Wohl des Materlanded, fo wetteifert man 
in der Aufopferung für daffelbe. Und zwar find Kelden 
diefer Art in fo großer Menge vorhanden, daß man nicht 
einmal ihre Namen aufzeichnet. Man fteht in der Mei: 
nung, die auch fehr wahr und ritig ift, fo Etwas fey 
Seder zu than verbunden; dazu bedürfte c8 Feiner Aug: 
Jeihnung. 
Auch dag zweite Sefhleht madt Feine Augnahme 
und man gerath in Erflaunen, wenn man die Beifpiele 
von den ausgezeichneten Tugenden diefed fhwäcern Ges 
hlehts lief, Die Ehre geht au diefem Gefdlehte über 
Miles; ihrer Ehre opfert ein inpanifhes Trauenzimmer 
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Alles, felbft ihr Leben, auf. Gie wird ihr aber aud 
von Tugend auf eingeprdgt und mit den Jahren forgfältig 
unterhalten. Die Gefahr fep baber fo groß fie wolle: der 
Ssaponefe unterzieht fih ihr, Die Rettung eines Freun- 
des, Eofte fie, was fie wolle: der SGaponefe übernimmt 
fie willig, Nie verräth er ein ihm anvertrautes Geheim: 
nid, auch dann nicht, wenn fein Leben dabei gefährdet 
wird, Auch der Unbekannte darf anf Schub und Beiftand 
rechnen, wenn er deren bedarf und werth if. Kommt ed 
befondere darauf an, die Ehre und dag Leben bes Unbe: 
kannten zu retten, fo fhont man weber Gut noch Leben, 
weder Weib noch Kind; man wagt Alled bes Bedrängten 
wegen. Zum Beweife der uneigennügigen Kinder» und 
Aelternliebe diefes Bolis nur Ein Beifpiel, weldes aber 
Durch taufend dhnliche vermehrt werden Tünnte. 
Eine arme Wittiwe in Japan hatte drei Eöhne und 
lebte bloß von Demjenigen, was biefe drei Söhne dur 
ihrer Hände Arbeit erwarben, welches aber immer nicht 
zureichen wollte. Unter diefen Umftänden faßten die Soh- 
ne einen ganz fonderbaren Entfehluß zur Erleichterung dee 
Kummers ihrer Mutter. Die Regierung hatte öffentlich 
befannt machen laffen, dab alle Diejenigen, welche einen 
Näuber angeben und der Obrigkeit in die Hände liefern 
würden, eine anjehnlibe Belohnung erhalten follten. 
Die drei Brüder, denen ber traurige Zuftand ihrer Deuts 
ter dußerft nahe gieng, vereinigten fib daher mit einans 
der, bdiefe Bekanntmadhung ihrer Obrigkeit zum Vortheil 
ihrer Mutter gu benugen, Cie faßten namlih den Ents 
ftluß, daß fid Siner unter ihnen für einen Räuber aus: 
geben und daß die beiden Andern ihn bei den Gerichten 
anzeigen und zur gefänglihen Haft überliefern wollten, 
um die auf die Angabe eines Näanberd gefegte Belohnung 
zu empfangen. Die Belohnung felbit follte zur Berbeffe: 
rung des SIufianded ihrer Dintter verwendet merden. 
Damit Alles unpartbeiifch zugienge, wurde befchloffen, 
Dur das Loos entfcheiden zu Iaflen, wer unter ihnen 
als Räuber angeklagt werden follte. Es traf ben jüngften’ 
Bruder, Diefer ließ fi fogleich binden und der Obrigkeit 
überliefern. Bei.dem Verhör, das man mit ihm an: 
fielite, bekannte er fogleih mehrere erbichtete Dieböftreis 
ce und ward in’s Gefängniß geworfen; die beiden andern 
Brüder aber befamen die ausgefekte Belohnung. Kaum 
hatten fie indeß diefelbe in ihren Händen, fo regte fih‘ 
in ihren Gemütbern der tieffte Schmerz des Mitleids 
mit ihrem jüngern Bruder. Sie fanden Mittel, in’d ®e- 
fängniß zu gelangen und Chränen und fiumme Umarmuns
	        

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