Full text: Bildungsblätter oder Zeitung für die Jugend - 3.1808 (3)

 
Sseitune für Die Jugend. 
Sonnabend 
 
127: 
22. DEtober 1808, 
 
 
Ein Wort an die jungen Leferinnen 
biefer Blätter. 
(Befdı ug) 
 
Siebenter Brief. 
Bilbelmine an Denrictte, 
Sanig fren’ ih mid, meine Theure, dab Dein Herz 
mit dem meinigen fo übereinftimmend fühlt und denft. 
Laß mi nun alle Freuden mit Dir theilen, die mir mein 
Aufenthalt in ©... gewährt. Ich fann Dir nicht bes 
fhreiben, wie glüdlih mic die Erlaubnig meiner lieben 
eltern machte, noch länger bier bleiben zu bürfen. Ich 
habe fhon Manches gelernt, was mir jeßt und in Bus 
Eunft fehr nüplich fepn wird. Die liebe, gute Pfarrerin 
läßt mich an allen ihren wirthfchaftlihen Beihäftigungen 
Theil nehmen; darum bat ich fie dringend. Wie ange: 
nehm find mir Diefe Befchäftigungen ! und es ift gewiß 
nicht bloß der Meiz der Neuheit, wie Luife glaubt. Us 
fere Luife macht mir wirklich Sorge. Es bünft mich, fie 
bat einen falfben Weg betreten — ber Geift der Zeit 
bat fih ihres Herzens bemädtigt. Gott gebe, daß er e6 
nicht verderbe! — Der edle, würdige Prediger bdiefed 
Drted — welh ein-Eegen ift er feiner Gemeine! Ad, 
und wie gludlich ift er in dem Gefühle, fo vzel Öntes um 
fih ber zu wirlen! Wo er gebt, begegnen ihm Liebe und 
Achtung; aber fein Herz ift auch vol Liebe für alle Mens 
fhen, voll Eifer, ihnen Gutes zu tbun. Anfangs nann- 
te man ihn einen harten, eigenfinnigen Mann, weil er 
feft auf Dem befteht, was die Pflicht vorfchrieb. Wrian: 
hen Menfken mußte er ihr Siud eigentlih aufbringen ; 
aber nun feben fie die Früchte feines Handelns und ver: 
ehren ihn allgemein. Dft wurde er beleidigt; aber er 
blieb fanft und liebevoll und vergab gern; denn er badte, 
wie der erhabene Stifter unferer Religion: ,‚Sie willen 
nicht, was fie thun.”’ 
Glanbe ja nicht, daß wir fo gar einfam leben — 
wir erhalten und geben Befuche von und auf nahe gelege- 
nen Dörfern. Auch ohne Gefelihaft find wir froh und 
munter. SDft wohnen wir den ländlihen Zänzen bei — 
und die Leute freuen fi fo herslih, wenn wir fommen, 
weil fie übergeugt find, daß wir an ihrer Freude Theil 
nehmen. Sie überbäufen ihren guten Pfarrer mit Bewei: 
fen ihrer Liebe auf die berzlichfte, ungelünfteltfte Art. 
Die Armen fteben unter bem befondern Schuge des Pfar> 
ters und feine edle Sattin ift die wahre Mutter berfelben. 
Ah, weldhes Slüd ift e6 doch, gut gu fen! Sch 
glaube, ein wahrhaft guter Menfh, ber das Leben vou 
der rechten Eeite faßt, Eanın nie unglüdli werden, wenn 
au außer ihm fi Alles verbuntelt. Der Segen bes 
freudigen Benußtfenns muß ihn ja immerwährend be- 
glüden — und erft am Grabe, ah! fchöner ale Ebelitet: 
ne mülfen da edle Thaten glänzen bei'm Blik in’s ver: 
gangene Leben. Aber legthin wurde ein fehr böfer Menfch 
bier begraben ; er fol Feine Unfterblichfeit geglaubt haben ; 
er liebte feinen Menfchen und forgte für Niemand, als fih 
feld. Gchredlih fell fein Todestampf gewefen feyn — 
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