Full text: Bildungsblätter oder Zeitung für die Jugend - 3.1808 (3)

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die Sonne, wenu:fie hinter ben fhwimmenden Wollen 
im tanfendfältigen Glanz ihrer Strahlen und in ber Man: 
nichfaltigkeit munderfchöner Farben :ungergeht. Einen fol: 
chen Untergang -batten wir nicht; denn ed-mar fein Wille 
hen am Himmel. — — Das machte den Sonnenunters 
gang weniger fhön; aber unausfprechlich herrlich wurbe 
eben durch diefe wunderfeltene Reinheit des Dunftfreifes 
das Sternendhor am nachtlichen Himmel, — Nichts Be: 
Tanntes und Alltäglipes in feiner Tiahe, -was ben ftillen 
Eindrnd fiört und über fi den ewig befannten und ewig 
großen geftiraten Himmel in feinem verklärten Glanz! — 
tein, fo bebr und in diefem Gefühl der Unendlichkeit hab’ 
ih ihn dennoch nie gefehen. 
Mein $. war im Anfchauen verfunten. Bis ziems 
lich ein Uhr blieben wir unter freiem Himmel und waren 
nicht länger im.Brodenhaufe, als die wenigen Minuten, 
wo wir, nad langem Faften, zu Abend afen und neben: 
bei die Brodenbücher durdblätterten, in welden die 
Brodenfahrer ihre Namen nebit dem age ihrer Aumwe- 
fenheit, ihre Wahl: und Sinnfprüde, ihren Subel und 
Verwänfhungen und ihre erbaulihen ober unerbaulichen 
Sedanfen eingetragen hatten, 
E8 giebt zu manchen eigenen Betrachtungen Anlaß, 
fo ein Brodenbuhb — weniger reichhaltig find die Bes 
tradhtungen bei einem Baumanns= oder Bielshäb: 
lenbude. Die meiften Reilenden glauben ihr Erftau- 
nen und die Stärke oder Zartheit ihrer Empfindungen über 
die Herrlichkeit eines folden Anblidd da aud glei zur 
Schan legen zu müffen, wo fie eingefammelt wurden. Eie 
betrachten fie wie eine Waare, mit deren Anlauf man 
böchft zufrieden if. Eine beimlihe Eitelkeit fpornt fie 
fat Ale, von dem Selehrten bis zu dem Handwerker ber: 
ab, Wndern fehen zu laflen, wie trefflich fie zu fühlen 
oder einzukaufen verfiehen. — Und daher fiel ed ung 
nicht auf, ein Galimathias von finulofem Pathos, von 
Ihwülftigen und leeren Ausrufungen und von überzuder: 
ter Zärtlichkeit, haufig mit pofflerliger, unredter Net: 
igreibung, bier zu finden. — Aber zugleich fanden wir 
doh, wie glädlh wir vor vielen Brodenfahrern waren, 
Unter Zehnen hatten Achte gewiß ihren Unftern yerwünfct, 
dem Megen und dem Nebel gefcholten, der ihre Keife 
mübfelig gemacht und alte Ausfiht zur Aurfiht vereitelt 
hatte. Sie hatten ihre Stunden auf dem alten Broden 
sugebradht, ohne das Land umher gefchaut zu haben, — 
Ken Wunder, daß Manche fih ihres Unmuthes bei gu- 
tm Getränk zu entledigen gefuct hatten, wiewo) Miele 
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and dazu zu ergrinmt gewelen waren. Der Vieunte hat: 
te ed etwa erträglich getroffen; er batte etwa einen und 
ben andern bellen Sonnenbli@ und einige Minuten ge 
habt, "wo er in diefer ober jener Gegend Land fand, 
Kaum ber Zehnte hatte Urfah, zufrieden zu feyn. — 
Einige hatten vielleicht mehr ale einen Tag auf bem Ne- 
beihaupte zugebract, um eine weite Neife nicht vergebens 
gethan zu haben und den günftigen Augenbli gu erlauern; 
aber Wenigen mot? es gelungen fepn, 
Wie glüdlich wir dagegen, die wir mit fo ungäns 
ftigen Augfihten in Wernigerode angelommen waren! Es 
ift eine große Frage, ob es Fünf unter Taufend fo gut 
treffen werben, als wir. Ein fo burdhaug reiner, wols 
tenlofer Himmel ift allein fchon auf diefem Erbpunft eine 
große Seltenheit; aber weit feltener noch ift eine folde 
lieblih: warme Nacht, als die, welde wir hatten. Ce 
wird den meiften Neifenden fo gut nicht werben, bis nad 
Mitternaht hin in einer leichten Nahtiade von Kattum 
im $reien angenehm wandeln zu Eünnen. Der iind, der 
bier wol niemals ganz fi legt, erfrifhte und bloß unb 
die Kühle der Naht war lieblih und flärfend, — Co 
hatte ich es nicht erwartet; denn wenn ich fonft an Tehr 
warmen Tagen den Broden beftiegen hatte, fo war bes 
tachtd doch die Kälte fehr empfindlich und gegen Sonnen 
anfgang zuweilen Ichneidend. ch erinnere mic, baß ei: 
nes Morgens, da ich mit einer Gefellfchaft junger Leute 
meines Alters den Sonnenaufgang erwartete, meinen ®e- 
fährten die Loden, die fie nad) der damaligen Eitte tüd- 
tig einpomabdirt trugen (Klebeloden), feft erflarrt waren, 
und daß man niemals auf der viel tiefer liegenden Hein- 
rihehöhe, weder Abende no Nachts und felten auch am 
Tage, glaubte ausdauern zu Tonnen ohne ein ftarked Dfen- 
feuer. — Diefer heife Sommer von 1807 mochte alio 
wol unter vielen ald eine feltene Einzelnheit da fiehen. 
Sute zwei Stunden Schlafs hatten uns völlig ge: 
ftärft. Wir waren am früheften im Brodenhaufe muns 
ter und wach und unfere erften Schritte gingen in’s Sreie 
hinaus. 
War am vorigen Abend das almälige Sinüberges 
ben der Natur in die Rat ein bucht anziehended Schau: 
ipiel, fo war es ung das Erwachen derfelben eben fo fehr 
und vielleiht noch mehr, Zu bem ebenen bewohnten Lan 
de hart man das allmälige Erwachen zugleich und dad Ge- 
räufch des Lebens hebt und verftärkt fih, wie der Tag 
dämmert und böber binauffteigt. Hier aber fahen wir 
nur; zumal im Anfang, ba ber Eindrud ber tiefen Stile
	        

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