Full text: Bildungsblätter oder Zeitung für die Jugend - 3.1808 (3)

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Ende der @ine nicht, wo der Andere geblieben fey. EShin- 
born widmete fih in der Folge ber Rechtsgelehrfamfeit, 
wurde ein tüchtiger Zarift and endlich von dem Könige in 
den Adelftand erhoben und mit dem Charakter eines ges. 
heimen Mathe beehrt. 
 
V. 
Der Freund in der Roth. 
Dir, Tieber Schönborn,” fagte Berthold, „vere 
danfe ich alfo meine Freiheit? In der That, fehr edel!‘ 
„Schweig davon,“ erwiederte der geheime Math; 
„diefem Knaben bier verdanfft du fie! Seine Dienfifer- 
tigfeit und Offenheit gefiel mir. Höre, Bruder, Ich 
dachte, du überließeft mir den Knaben. Sch habe Feine 
Kinder und eine größere Freude könnte ich meiner lieben 
Doris wol niht machen. Sie ift ein gufed, gefühlvolles 
Weib und fie wirde ihn gewiß recht lieb haben. Dab er 
bei uns gut aufgehoben ift, wirft du wol glauben. Deine 
Tochter Luife kannt du nicht entbehren; denn fie Tann 
nun bald deiner ganzen Wirthfchaft vorftehen. Sch hoffe, 
fie wird bir ben Verluft reihlih zu erfegen bemüht 
fepn,”’ . 
Herr Bertholb nahm die Sache für Scherz auf, fah 
feinen Sohn an und ladelte. Sept faßte der geheime 
Math ben Knaben bei der Hand und fprach mit liebreihem 
aber ernftem Tone zu ihm: „sch fcherze nicht, lieber Iu- 
fing! Sage mir aufrihtig, möchten du wol mit mir ges 
ben, wenn ed dein Vater erlaubt ?' 
Sulius wurde verlegen; bo bald faßte er ich und 
fprah: ‚Sie find ein guter, edler Mann; warum follte 
ih mich Ihnen nicht anvertrauen 2” 
„Run gut,’ erwiederte ber geheime Rath; „übers 
lege e8 mit deinem Vater, Gegen Ende des Aprile reife 
ih ab.’ 
Kaum war Here Berthold in feiner Wohnung an» 
sefommen, wohin ihn der geheime Rath begleitete, fo 
yohte Jemand an bie Thür. Ein Poftbote trat herein 
und überreichte Herrn Bertbold!einen Brief. 
„un, was giebt e8 denn da Neues?" fagte er, 
indem er bie Auffhrife und dad Siegel betrachtete? 
Jept erbrach er den Brief und mit jeder neuen Zeile, die 
er Ing, ftieg feine Sreude und feine Bewunderung. „„Kins 
der,” tiefer, nachdem er den Brief gelefen hatte, „ic 
bin wieder glütfih! Es giebt noch edle Menfchen in 
ber Welt! Hört doch den Brief,” — Sept Ind er ihn 
lauf vor. 
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DSremen, den x2, Sebruar 
1806, 
Werther Freund! 
Dap ich jederzeit ben wärmftien Antheil an Shren 
Ecidfalen genommen habe, davon, hoffe ih, werden 
Sie Fängft überzeugt feyn. Wie Eonnte ich alfo bei den 
Unfällen, welche Sie aufs Neue betroffen haben, Shnen 
meine Theilnabme verbehlen! Nein, Berthold, Sie fol 
len nicht finfen, nicht zu Grunde gehen! Shre NRedt: 
fhaffenheit läßt dieß nicht zu. Glauben Sie, daß Eie 
noch Freunde haben, die Shren Werth fennen, und wie 
olüdlih fhäke ih mich, dab ich zu diefen gehöre. Sch 
offerire Shnen hiermit eintaufend Thaler baaren Borfhuß, 
die Sie bei dem Handlungshaufe Braun in Dr. bes 
ben Fünnen, welches dieferhalb fhon bie nöthige Anwei: 
fung von mie erhalten hat, Sch weiß wohl, daß bdiefe 
Kleinigkeit Zhr Süd nicht machen wird und ich biete 
Schnen daher mein Waarenlager an und erwarte diefer, 
halb Ihre Befehle. Sa, Freund, Ihre Handlung wird 
wieder emporfommen — fie muß es. Es freut fih fchon 
zum Voraus Ihres Glüds 
Shr 
<reund 
gubwig Selten. 
Bravo!” fagte der geheime Rath; „das heiße Ich 
einen Sreund! Siehft du, Berthold, wer es nur reds 
lich meint, den verläßt der Himmel nicht!” 
Mit diefen Worten nahm er feinen Sut und em: 
pfabl fi. 
 
vl 
Der Abfhied 
Here Berthold überlegte nun mit feinem Eohne 
den Antrag ded geheimen Maths. Es wurde Manches 
für und wider die Sache gefprodhen; aber am Ende bo 
der Entfhluß gefaßt: Julius folte den Antrag ans 
nebmen. 
Der, zur Abreife des geheimen Rath beflimmte, 
Morgen bradb an. Zullus hatte die Nacht wenig geichla> 
fen; denn dad neue Verhältniß, in weldhes er num bald 
treten folte, und der Abfhied von feinem Vater uud 
von feiner geliebten Schwefter Ihwebten ihm fo lebhaft 
vor der Seele, daß er beinahe Fein Auge batte fließen 
Fonnen: Kaum graute der Morgen, fo fand er auf, 
warf fi. in feine Kleider und ging in den Garten. CE 
war gerade in ber angenehmften Jahreszeit und ber
	        

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