Full text: Bildungsblätter oder Zeitung für die Jugend - 3.1808 (3)

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ben, damit er burd den Stich ber Umeifen wieder in’s 
Leben fomme. Der arme Menfh rtafft in der Anpft alle 
feine Aräfte zufammen und richtet fi in die Höhe. Kaum 
ift dieß gefheben,, fo gießt man ihn eine Schaald Yalis 
not — eine Art ftarken Getränfd — durch ein Sieb über 
den Kopf. Diefer Ueberguß nöthigt ihn, fi aus der 
Hangematte heraus zu maben und nad einem Brunnen 
oder Shuffe zu wanfen, um fih zu mwafhen und fo falüpft 
er wieder auf fein Lager, Selbft die Weiber und Kinder 
des Elenden werden nicht verfhont, fondern erhalten zum 
Andenken der Weihungsfeler eine derbe Tracht Schläge 
von den Anwefenden. Nacd Endigung aller bisher erzähl: 
ten Qudlereien muß fi der neue Hauptmann einem aber: 
maligen Zaften, Das jedocd weniger ftreng ift, als dag 
erfte, unterwerfen und nun erft, wenn er alle Prüfungen - 
glücklich überfianden bat, wird er zum Hauptmann er- 
nannt und mit einem ganz neuen Bogen nebfi Pfeilen und 
andern Kriegsgerätben befchenkt. «Und doch hat er noch 
feinen böhern Nang, ale den eines Fleinen Haupt: 
mannd, Soll er Oberbefehlshaber einer ganzen Armee 
werden, fo find die Prüfungen, bie er beftehen muß, 
noch weit härter. Die bärteften finden unter den Gayas 
noifen Statt. 
Der Anfang wird aud hier mit einem firengen fe- 
fien, da® aber neun ganzer Monate dauert, gemadt, 
Diele lange Zeit über befommt der Kandidat täglich nicht 
mehr zu efien, als eine Hand voll Hirfe. Dabei muß er 
allerlei fhwere Laften tragen und des Nachts vor der Hüt: 
te Eildwahe ftieben. Unter irgend einem Borwanbe 
fbidt man wahrend diefer Faften an benachbarte Völker 
Abgeordnete und nahdem diefe zurüdgelommen find, wird 
dem Aronprätendenten aufgegeben, den Weg aufznfuchen, 
ben die Abgeordneten genommen hatten. Dadurch foll er 
angeleiter werden, fi alle Wege und Stege betannt zu 
masen und fogar die Epuren der menichlien Zußtritte 
zu entdeden. Seine Grenze, Fein Quell, Fein Wald, 
nid einmal ein bedeutender Baum darf ihm unbelfannt 
bleiben; er muß von allem genau bie Stelle und Lage an: 
zugeben willen. Zum Beweile, daß er aller Orten, mo: 
hin man ihn beorderte, wirklid- geweien fey, muß er 
von den größten Bäumen, bie den Uimwefenden alle bes 
fannt find, einen Zweig abbrechen und deufelben-mit zus 
tucbringen,. Kurz, er muß bie natürliche Seograpbie des 
Landes völlig im HKopfe haben. Damit er aber auch gegen 
Schmerzen. unempfindlich werde, fo wird er mehrere Mil 
bie an den halben zeib in einen Ameifenhanfen gegraben 
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und er muß darin eine geraume Zeit audhalten. Wie 
fhmerzbaft die Stiche diefer Thiere find, kann man bar:. 
aus fehen, daß die Europder von einem einzigen folcher 
Stide ein 2 gftündiges Wundfieber befommen. Biliweis 
len reiht man audy ftatt der Cingrabung 3 bie 400 die: 
fer Snfetten an Fäden, widelt fie in Palmbldtter und 
hängt fie dem Sironfandidaten in der Form von Male, 
Arm:, Kniebändern und Gürteln um. Wie arg er ba: 
durch angerichtet werde, läßt fi leicht denken. 
Nach diefen und ähnlichen Martern wird ber Kan: 
bidat für wanlfähig erfannt und er wird nad einiger Zeit 
in feiner Würde befidtigt und feierlich eingeführt. 
Koiber. 
 
Der gute Sohn. 
Maria Therefia, Defreihs große Monarkin, bes 
fuhte einmal das Kadettenttift und fragte den Direktor 
beileiben: „Welder von meinen lieben Söhnen führt fh 
am beiten auf?” Mit Vergnügen börte fie von ihn, daß 
fi Ale gut aufführten. Doc wurde der junge Dalmas 
tier, Bufaffovicdh, beionderd ausgezeichnet. Eben fo 
wurde er aud; von den Grercitienmeiftern vor allen Aus 
dern rübmlichft genannt. Die Monardin wünfhte eine 
Probe feiner, durch Fleiß erworbenen, Gefchidlichkeit zu 
feben und hieß ihn das Rapier nehmen. Go muthlos und 
unfriegerifch er vor feiner Sebieterin geftanden hatte, eben 
fo beherzt und majeftdtifch erfhien er nun, als er das 
Mapier ergriffen hatte und zum Schlagen fertig da fland, 
Seder, der ald Gegner auftrat, wurde zum Weiden ges 
bradt. — Der Preis feiner Gefcbielicgkeit im Zechten 
war der Beifall der Monardhin und 12 Dulaten, 
Nach einiger Zeit genoß biefes Suftitut abermals 
das Glüd, mit det Gegenwart der Kaiferin beebst zu 
werden. Cie hatte den brauen Bufaffovih nicht vergeffen, 
fondern ließ ihn fogleih vorrufen. Wber wie furdtiam 
und fhüchtern trat er jept auf! So Heinmathig und vers 
ängt hatte er fi damals nicht gezeigt, ale er der Kaiferin 
zum erftien Male vorgeftellt wurde, Dieß fiel der Mons 
archin auf und fie fragte ihn, freundlid läwelnd: „Hat 
Er das Beld etwa verjpielt, oder wo hat Er’s?" 
„Sch habe ed meinem Vater gefhidt, war die 
Antwort. 
„Ber ift denn Sein Water 2’ 
„Mein Vater mar Lieutenant und lebt jeht außer 
Dienften und ohne Penfion fehr himmerlich in Dalmatien, 
Bon der Snade Eurer Majeftät glaubte ich feinen beffern
	        

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