Full text: Bildungsblätter oder Zeitung für die Jugend - 3.1808 (3)

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ner rende; er ftand und fchwieg, Cndüh fprad er, 
wie unwillig auf fia felbit: „Daß ich daran auch nicht ges 
dacht habe! Nun ift es zu fpdt. Wenn ich jest dem 
Heinen Albert auch die Hälfte von meinen Sachen bracıte, 
jegt würde fih der genügfame Knabe darüber wenig freuen. 
Must’ ich nur einen Heinen, armen, guten ungen; ih 
wor ihm aud wol ein Vergmügen machen I‘ 
Die Mutter hatte ihre Söhne bei diefer linterre: 
dung in der Stille beobachtet. Sie wollte dem Ferdinand 
gern zur Erfüllung feines Wunihes verhelfen und fing 
Daher nacy einer kurzen Weile an: 
„Nun hab’ ih auch noch einen Heinen Saft 
Mir einer Gabe zu bedenken! 
Bas werd’ ia dem wol fhenfen? 
Was hab’ id denn? Es fheint mir faft, 
Sa muß dazu von euch nody borgen,. 
Mein Patbben, mein’ ih, wird fih morgen 
Na bergebranten Sitten 
Auch ein Gefhent auabitten. — 
„Ah, Mutter!’ fprad drauf Serbinand, 
Und faßte bittend ihre Daub; 
„Den Vatben laß du mid) beforgen, 
D "im? er lieber heut’, als morgen! 
Gieh, Dieb und Das und Jenes fol 
Er baden; auch ein Körbdhen vol, 
Ih will fo gern mit meinen Sakben 
Auch einem Antern Freude madhen.” — 
„Run ja, fiel ihm die Mutter ein, 
„So will ic dir zu Hülfe fommen.’ — 
‚Nein, Mutter, IaB doc ganz allein 
Mich tbun, was ich mir vorgenommen.’ —— 
Die Mutter mwillfabrte ibm. Dranf leste Ser: 
dinand Aued in ben Krb und flelte ihn in Bereit- 
Theft. 
„QNein bie morgen ift 
Noch eine lange Fri. 
Höı?, Mutter, weist bu was? 
9a bitte Dich recht berzli, laß 
Dein Heines Pärbhben 
Sept gleich durch unfer Mädbhen 
Zu uns einladen. u 
a dent’, es wird ihm auch nicht fhaden, 
reun wir ihm mit den Ihönen Sacen 
Heut Abend fhom die Freude mahen. —. 
„So geb und fag id hätt’6 befoblen, 
Man follte mir das Parhiheh holen.” —— 
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Malch fprang Ferdinand bin und richtete der Mut: 
ter Auftrag trenlich aud. E8 danerte nicht lange, fo traf: 
zur Stube hinein ein Fleiner Slabefopf, ber die himmel: 
blauen Augen weit aufthat bei dem Anblid aller Herte 
ligfeiten. 
„Komm näher, Kleiner,” redete ihn Ferdinand 
an, ‚„tomm näher; fieh, bier ift au) dein Theil! Das 
fhenf’ ic dir an meiner Mutter Statt. Sprich doc, ge: 
fallt e& dir? Komm, frame dir Ulled aus und fiel” es 
bier auf diefen Stuhl in Reih? und Glied!" 
Dem Kleinen war's, ale wäre die Zunge ihm 
lahm; er konnte nit ein Wort bervorbringen, Belceis 
den nahın er einige Stüde in die Hand, Ale aber Kers' 
dinand ihm zurief: „Nein, alles Dief, den ganzen Korb!’ 
da fprach er ganz verwundert: „Ei, wieviel! — Nun, 
wena ich Alles haben fol und foll ed haben, fo will ich e# 
beim mit meinen Stweftern tbeilen. Die riefen mir 
noch nah: Bring’ ung auh Etwas mit! DO das wirb 
ein Vergnügen feyn! 
Drauf ging der Kleine bin, gab Ferdinand und 
Allen dankbar die Hand und machte einen tiefen Diener. 
&o fühlten beide Brüder heute, wie viele Wonne 
e3 gewährt, auch Andern Freude zu bereiten. 
Grabow, Wille, 
 
Graf Wieprecht von Groisfh, der Ritter ohne. 
Surdht. 
AlS Katfer Heinrich IV. im Jahre 108 1 nad Jta= 
lien j0g, um die abgefallenen Etädte und den anmafens 
den Pabit zu züdtigen, mar ber mannlide Ritter, Graf 
Wirprect von Sroißih *), mit feinen Neifigen in- des 
Keifers Heere und hatte nit nur Proben einer aufßeror: 
dentlihen perfünlihen Tapferkeit gegeben, fondern aud 
tom Kaifet einmal faft das Leben gerettet. Deun bei eis 
nem Ausfalle der nun fdhon in’s dritte Jahr belagerten 
Siomer war Heinrich in das hisigfle Handaemenge gefoms 
men, die Wehr war ihm entfallen und er famwebte in 
großer Gefahr. Wiepreht reichte ihm fhnell das erbetene 
Groigih, ein Städtchen von 200 Näniern nahe bei 
Wegau, war der Srammort und Wehnpläg des Grufın 
Wieprecht, den er.vom Markgraf Ude von State, bei 
dem er erzogen worden war, elmranichte. Der Graf war 
einer der mädtigtien Perren feines Zetlalters und being 
noch einen grofien Ihelt der Dderlaufig, ‚die Graficaft 
£itönig und einen großen Thell des Plelineriantes und 
endith auch einen ThHeli der Niederlouig und die Pıirg: 
graffhaft Masdeturg. Er tit eine bitorifh denfwürdige 
Herfon, befonders in Dinficht der Beförderung der Kul: 
tur unleres Bareriandes,
	        

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