Full text: Bildungsblätter oder Zeitung für die Jugend - 3.1808 (3)

123 
aus dem Lande verfendet worden feyn. Sa, nicht einmal 
ber Bandbelsgewinn blieb in Bialyfiod; denn jeder vermö- 
gende Mann verfhried fih feine Bedürfniffe auf gerabem 
Mege von Königsberg, um nicht den Zuden in Die Hände 
zu fallen, weihe, bier fo thätig, wie an andern Orten, 
viel Seihäfte machen und fleifig die Meilen bereifen. Gn- 
deffen blieb doch ein großer Theil von jenen 129,c00 
schalern in Bialyflod. Die Hausmiethe flieg fo hoc, daß 
man jährlih für eine Etube und Kammer 50 bi 60 
Thaler und für ein ganzes Saud nicht unter 150 Tha: 
ler bezahlen mußte. Diele Beamten baueten fih Häufer 
und bradten dadurch Verdienft über die Stadt; Bäder 
und Schlädter fanden ihre Nehnung. Die Juden gewan: 
nen vorzüslih durch ihren Handel im Kleinen, weil Ges 
der, der fih nicht Bedürfniffe verfchreinen Eonnte, in die 
Lxden im Sanfhaufe gehen mußte. Aber dabei gewann 
doch der Pole rnit, weiler nicht Zintheil an diefem Ge: 
winne durch feine Thatigfeit nehmen wollte. Hatte Bia> 
Ipfio jegt Fein anderes Echidjal erhalten, es würde fi 
mit der Zeit durch Die Betriebfamifeit deutfher Anktümm: 
linge gewiß außerordentlich gehoben haben. E8 ware aber 
immer ein Borwurf für die polnifhe Nation gewefen, daf 
fie unthatig zugeichen bätte, wie der Deutfhe und der 
Sude auf ihrem vaterländiihene Boden emporgemacnfeu 
waren. — 
ta der Mittagsmahlzeit fuhren wir in den Thier- 
garten. Diefer liegt nahe hinter dem Schloffe und ift 
dur eine Umzdunung von dem Luftgarten getrennt. Wir 
fuhren erit in den Vorhof des Echlofles dur ein Thor, 
das mit einem Thurme verfehen ift, der mande Schön: 
heiten der Baufunft enthält. Gin breiter, gepflafterter 
eg führt von da zum eigentlihen Scloghofe, welder 
dur) eine Mauer von dem grünen, mit Linden befekten 
Dorhofe geihieden if. Das Hauptgebäude lag und ge: 
genüber jenfeit ded Schloßhofed. Zwei Flügel zogen fi) 
nah dem Vorhofe bie an die Scheidemaner. 
Das Hauptgebäude ift nicht unbedeutend und, wie 
daB ganze Schloß, erfi vor fehgzig Sahren von dem ver: 
fiorbenen Kron Sroß:Feldberrn und Kafıellan von Krakau, 
dem Grafen von Branidi (fprib Branizli), mit vielen 
Kojien erbanet. Die Lange deffelben Fann man ungefähr 
nah neun großen, etwas weit von einander entfernten 
Senftern beredinen. Der Eingang ift dur einen Säulen 
gang geziert; die Eäulen fpringen aber nicht vor; bie 
Maner ift für den Raum, welden fie erfodern, eingezo- 
gcu. Auf einer langen fleinernen Treppe von fehs Stus 
124 
fen gelangt man zu diefem Säulengange und durch eine 
große Doppelthür in bag Innere des Scloffes, welches ich 
nicht geiehen habe. Die verwittwete Kromgroßfeldherrin 
und Kaftellanin von Krafau, Gräfin von Branida *), bes 
wohnt baffelbe. SpremGemahle gehörte die adelihe Stadt 
und Herrinaft Bialyftod; bie Familie von Potodi Ciprich 
Potozki) erbte diefelbe; ber König von Preußen erkaufte 
die Stadt, um fie zur Departementsftadt zu erheben **). 
Die Gräfin von Branida hat den Lehtagsbefiß des Schlof- 
fes unter der Bedingung, bdaffelbe in gutem Stande zu 
erhalten. Eie ift eine Schwefter des legten verftorbenen 
Königs von Polen, Stanislaus Poniatomsty ***) ‚ und 
hat den Ruhm einer wohlthätigen, edel gefinnten Dame. 
Sn ber Testen frürmifhen Seit fol fie Ber Umdnderung ik: 
tes Xaterlandes durd die frangöfifihe Macht Beifall gege: 
ben und fvenig Anhänglichkeit an die preußifche Regierung 
gezeigt haben. Das ijt aber Erin Grund, ihr eble Gefin- 
nungen abzufprehen. E8 hbanget ja blo& von unfern Eine 
fidten ab, ob wir diefe oder jene Regierung mehr oder 
weniger lieben; urtheilen wir aud nad) ben Ginfihten 
mander Undern hierin nit richtig, fo verlieren wir doch 
dadurch nicht en unfern fittlihen Werthe,. Eo leid 
ed und auch thun mag, wenn Andere nicht chen fo über 
die Regierung denken, ale wir, fo duldfam muffen wir 
Doch gegen lie frun, 
Ber unjerer Spazierfehrt beräbrten wir den Echlof- 
hof nicht, wir fuhren linke, um über Den Vorhof zu ei: 
nem Eeiteathore zu gelangen, das am Ende bes rechten 
Slügels in den Garten fünte. Der Luftgarten mag einft 
teizend gewefen feyn; jeßt war er durch feine hohen, vers 
fhnittenen Linden: und Vuchenmsxern zwar altmodifch 
geworden, aber dody erwünfdt bei der Hige des Tages, 
Aus den fhattigen Gängen des Suftgarteng fuhren wir 
gleich in den Thiergarten. Ginft war au diefer geräu: 
mige Plap pradtig, jegt it er noch reigend burd wilde 
Particen, offene Slage, Anboben uud Teiche; aber man 
muß fih mehr über das Zerfallen der Bilsfäulen, das 
Berrafen der Gange, das DVerwildern und Verfümmern 
der Bäume und das Verfaulen der Holzftämme betrüben; 
denn Alles trägt die Spur einer folgen Vernadläffigung, 
*) Eprih: Branizfa. Dabei will ich für meine Kefer 
bemerken, dab die Mannernamen im Koinifchen bei den 
Weiden mit einem a am Ende verichen werden. 
**) Ste hat gegen 3000 Emmwohner. Außer den Füniglichen 
zahlreichen Deanıten und dem polnischen Adel find Die 
metlien Einwohner und Hausbefiger Juden, 
) Der fih öfter In Blatyiiocd qufhielt und tefen Zimmer 
noch gezeigt werden,
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.