Anſchauungsvermögen, äußeres. 33
Anſchauungsvermögen, Äußeres (Bildung desſelben. )
Es iſt allerdings eine irrige Behauptung, daß der Menſch nichts wiſ-
ſe, als was durch die Pforte der äußern Sinne zu ihm gekommen
ſey- Die Ideen von dem, was wahr, ſchön und heilig iſt, dürfen
nicht als das bloße Ergebniß der ſinnlichen Erfahrung angeſehen wer“
den. Deſſen ungeachtet iſt die Bildung des äußern Anſchauungsver-
mögens ſehr wichtig, weil davon nicht bloß die bürgerliche Brauch-
barkeit des Menſchen abhängt , ſondern weil eben dieſes Vermögen
dem Verſtande den Stoſf liefert, den er alsdann nach höhern Ideen
heurtheilt, verarbeitet und ſeinen Zwecken dienſtbar macht. Man
kann deßhalb mit Recht ſagen, daß mit dem Geſichtskreiſe auch der
Kreis des Denkens erweitert werde. =- Zur Bildung dieſes Vermdös-
- gens gehört a) die Erhaltung und Vervollkommnung der Sinneswerks-
zeuge, und b) die zweckmäßigen Uebungen, wozu ſich, ohne fich an
gewiße Stunden zu binden, täglich und überall die mannigfaltigſten
Anläſſe finden. Natur, Kunſt und menſchliche Betriebſamkeit bieten
ſich allenthalben dem jugendlichen Geiſte dar. Auch laſſen ſich dieſe
Uebungen ſehr leicht in unterhaltende Spiele einkleiden, da man Zz.
B, den Wetteifer erregt, wer unter mehrern am ſchärfſten ſehen ,
am richtigſten Längen, Tiefen oder Höhen bemeſſen, die meiſten und
feinſten Unterſcheidungsmerkmale entdecken könne. Jede Anſchauung
muß klar, beſtimmt und ſo viel möglich vollſtändig ſeyn, d. h. das
Bild des wahrgenommenen Gegenſtandes muß, als ein getreuer Ab-
druck desſelben, in der natürlichen Ordnung ſeiner Theile, in ſeinem
Umriſſe genau begränzt ſeyn, und mit allen ſeinen Merkmalen , allſei-
tig aufgefaßt, lichthell vor die Seele treten. Nach dem Geſeke der
Reihenfolge zergliedere der Lehrer bei dieſen Uebungen zuerſt den vor
das Auge gebrachten Gegenſtand in ſeine natürlichen Beſtandtheile ,
und halte dann das Einzelne, Einfache und Naheliegende feſt. Hier-
auf verbinde er das Einzelne mit dem zunächſt dazu Gehörigen, erweis-
tere die Anſchauung ſelbſt, und ſchreite dann zum Zuſammengeſekßten ,
Umfaſſenden und Entfernten fort. = QDiebei hüte fich jedoch der Leh-
rer, daß dergleichen Uebungen der Sittlichkeit und der jugendlichen
Unſchuld niemals Gefahr drohen, wie dieß nach Peſtalloziſcher Wei-
ſe, den eigenen Körper zu beobachten, nur zu leicht geſchehen könnte,
und daß ſie nicht einſeitig vorgenommen werden, indem er, mit Ver-
nachläßigung der übrigen, immer nur Eine Vollkommenheit , etwa
nur das Sehen in weiter Ferne beabſichtiget. =- Je edler ein Sinn
iſt, und je näher er mit der Pflichterfüllung des Menſchen und ſeinem
Berufe zuſammenhängt, deſto mehr ſoll er gebildet werden. =- Um
insbeſondere den Geiſt ſelbſt fär äußere Wahrnehmungen zu bilden,
muß von Seite des Lehrers ſchon frühzeitig der jugendlichen Flatter-
haftigkeit, und dem gedankenloſen Anſtarren der Gegenſtände vorge-
beugt werden. =- Daß nach den ſinnlichen Anſchauungen auch die
geiſtigen folgen, ja mit denſelben ſich ſchon unvermerkt verbinden,
- liegt theils in der nahen Verwandtſchaft des Anſchauungs - und des
Denkvermögens; theils in dem ſchon gewonnenen Vorſtellungskreiſe
des Kindes; theils in der Unmöglichkeit, ihm alles, wovon die Rede

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