Full text: Universal-Lexicon der Erziehungs- und Unterrichtslehre für ältere und jüngere christliche Volksschullehrer - 1 (1840) (1)

590 Kräfte, die, des Geiſtes ſollen die Kinder kennen lernen. 
weiter fortzuſchreiten. Wozu eigentlich das Lernen nothwendig ſey, 
und welchen Nußen ihnen dasſelbe in der Folge ihres Lebens gewäh- 
ven möge, das iſt den Kindern überhaupt nur ſchwer begreiflich zu 
machen; auch würde es, wenn es möglich wäre , einerſeits eben kei- 
nen edeln, andererſeits aber auch keinen beſonders ſtarken Beweg- 
grund zur Lernfreudigkeit für ſie abgeben. Denn Kinder lernen nicht 
einzig und allein um des künftigen irdiſchen Gewinnes und Gebrau- 
<es willen, und dann kann ihnen bei vielen Erkenntniſſen und Schul- 
übungen ein ſolcher Gebrauch picht einmal nachgewieſen werden, 
Es bleibt ſonach dem Lehrer nichts anders übrig, als ſie mit den An- 
lagen und Kräften ihres Geiſtes bekannt zu machen, ihnen deutlich 
vorzuſtellen , wozu ihnen eine jede derſelben verliehen, und wie es 
Gottes Wille und des Menſchen Pflicht ſey, ſie ohne alle Ausnahme 
fleißig zu üben und zu gebrauchen. Es kann auch nicht ſchwer fal- 
len, die Kinder hievon zu überzeugen, ſobald es dem Lehrer gelun 
gen iſt, denſelben nur erſt eine einzelne Kraft zum Bewußtſeyn zu 
bringen. Es begreift ſich wohl von ſelbſt, daß er hiebei vom Sinn- 
lichen zum Geiſtigen übergehen müſſe. Er wird z. B. ſagen: „Sieh, 
mein Kind, du haſt zwei Füße zum Gehen, du wirſt alſo nicht be- 
ſtändig ſigen, ſondern deine Füße gebrauchen wollen? -- So haſt 
du auch zwei Augen; du machſt ſie nicht im Wachen, ſondern nur im 
Schlafe zu, denn du willſt ſehen, -- willjt deine Augen gebrauchen. 
Gerade ſo verhält es ſich auch mit deinem Verſtande; mittels des- 
ſelben kannſt du denken und iernen, und zwar ſo viel, daß du da- 
mit kein Ende finden wirjt. Du haſt dieſe ſchöne Gabe ebenſo wenig 
umſonſt, als deine Füße und Augen von Gott erhalten, du ſollſt ſie 
alſo auch nach dem Willen Gottes gebrauchen, denn nur dadurc 
kannſt du verſtändig, und immer verſtändiger werden, =- Du haſt 
ein Gedächtniß, kannſt damit etwas behalten, und haſt ſchon man“ 
<es behalten; das Behalten aber iſt nothwendig, weil man von 
dem, was man gelernt hat, nichts verlieren oder vergeſſen ſoll; das 
Gedächtniß muß alſo geübet werden n, ſf. w. Ie klarer und ein- 
dringlicher dieß alles den Kindern gemacht werden kann, deſto mehr 
wird auch ihr intellektuelles Gefühl belebt und gehoben werden. =- 
Nicht minder müſſen aber dieſe Kräfte des kindlichen Geiſtes von 
innen heraus gehörig gebildet werden. Dder was ſoll es frommen, 
wenn das Gedächtniß der Kinder noch ſo vieles in ſich aufnimmt, 
das nicht verſtanden worden iſt? Alles Lernen iſt dann bloß etwas 
Angelerntes, und bleibt todt, es wird nie ein inneres geiſtiges Eigen- 
thum, weil die Seelenkraft, womit es richtig aufgefaßt werden ſoll, 
unberücſichtiget gelaſſen wurde. So geht es auch in Bezug auf die 
Willenskraft-. Nimmer iſt das in die Sinne fallende Reden und 
Thun der Kindern genug. Ein bloß angelerntes Reden und Han: 
deſn bleibt immer todte Form ohne belebenden Geiſt. Begnägt man 
ſich damit, daß ein Kind redet und handelt, was und wie es ihm 
vorgeſagt und vorgethan wird, ohne daß es einſieht, warum dieß ſo 
und jenes anders 26. , ſo wird es nie zum Bewußtſeyn der Gründe 
ſeines Redens oder Handelns, nie zum ſelbſtſtändigen Wollen kom-
	        

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