Full text: Universal-Lexicon der Erziehungs- und Unterrichtslehre für ältere und jüngere christliche Volksschullehrer - 3 (1842) (3)

Victorin von Feltre. 263 
conſequent war er aud) in ſeinem ganzen Benehmen, Die Fürſtin 
Gonzaga wünſchte eines Abends ihren Sohn Alexander zur Tafel zu 
ziehen und ließ den Erzieher , ohnc deſſen Erlaubniß kein Schüler 
die Lehranſtalt verlaſſen durfte , darum erſuchen. Bei dem kränkli- 
<en Zuſtande des Zöglings war von der mütterlichen Nachſicht Ge» 
fahr zu beſorgen; Victorin begab ſich daher ſelbſt zu der Fürſtin, 
entſchuldigte ſein Verweigern auf geziemende Weiſe und fügte hinzu: 
„Wären Sie nicht ſeine Mutter, ich würde es ohne Bedenken geſtat- 
ten,“ V., obgleich ſehr gelehrt, ſchrieb verhältnißmäßig nur wenig 
und brachte daher auch nur wenig zur Deffentlichkeit. Er widmete 
ſein ganzes Leben dem öffentlichen und Privatunterrichte, den Ue- 
bungen der Frömmigkeit und Menſc<lichkeit. Er ſah nur darauf, 
wie er Menſchenwohl fördern konnte und kümmerte ſich wenig um 
Ruhm, der auf uns allein zurückfällt und in uns endiget. Es liegt 
mehr daran, pflegte er zu ſagen, gut zu leben als gut zu ſchreiz 
ben *). Wie wohl er unermüdet in Ausübung ſchwerer Pflichten 
war, erreichte er do<h das höhere Alter, ohne je einer Krankheit zu 
unterliegen oder Unbequemlichkeiten zu empfinden, welche die ſteten 
Gefährten des Alters zu ſeyn ſcheinen. Seine Stimme war ſo (tark 
und hell , daß er auch in ſeinen leßten Lebensjahren ſechs Stunden 
lang Vorträge halten konnte, ohne ſich dadurch beläſtiget zu fühlen. 
Seine Glieder waren kräftig, er war ſelbſt von aller Launenhaftigkeit 
frei. Dieß Alles war die Frucht ſeiner Nüchternheit, Enthaltſam- 
keit, ſo. wie der täglichen Uebungen, wozu er von Jugend auf ſeis 
nen Körper gewöhnt hatte. So ward ihm das Alter aus eben den 
 
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*%) Wenn gleichwohl Vickorin ſelbſt nur wenig Schriftliches über Erziehung 
und Unterricht hinterlaſſen hat, ſo haben uns doch ſeine Zeitgenoſſen und 
Freunde, Platina, Prendilacque, Saſſuolo und Caſtiglione 
die köſtlihſten Perlen von ſeinem Leben und Wirken, ſo wie von ſei- 
nen Lehren und Gruadſäzen über Erziehung und Unterricht überliefert, 
Carlo Ros8mini hat dieſelben geſammelt und in eine lichtvolle Drd» 
nung gebracht ; nur Schade, daß ſie bis jet nicht in die deutſche 
Sprache übertragen worden find, wir würden dann ohne Anſtand der 
Behauptung beitreten können, daß Vickorin den ſpätern und negteſten 
Pädagogen mit Ruhm und Ehre an die Seite geſkellt und denſelben in 
vielfacher Beziehung noch vorgezogen zu werden verdiene. Baſinius 
de Baſini aus Parma, Bictorin's Schüler, geb. 1423. T 1437, ſagt 
von ſefner Erziehungsweiſe und ſeinem Charakter: 
Postquam 3anotus amico 
Recepit tecto me Victorinus, ibi omnis 
Rusticitas nobis rapidos effeuxit in Eyros, 
Isztum non domuit auri scelerata Cupido, 
Non motus, aut animi cura nefanda, dolus, 
Mille viros docuit 6acras tractareo Camenäas ; 
En aliis Socrates solus iste fuit.
	        

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