Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung : pädagogische Zeitung ; Hauptblatt des Deutschen Lehrervereins. - 55.1926, [1. Halbjahr] (55.1926, [1. Halbjahr])

 
Allgemeine Deufiche Cohror3 
FSetalsgegeben vom Deutfſihen Sehrerverein 
Verlag und Geſcäſisſielle: 
Verantwortlicher Schriftleiter: 
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Jahrgang 5X 
Ber 
Inhalt: Ein neues Jahr, = Rudolf Euen und ſeine Stellung zur Pädagoait. = Die Schule als Heimſtätte. =- Rundſchau. 
Verlin € 25, Kurze Straße 3/53 
Fernruf! Alexander 498 
Leo Raeppel, Berlin-Lichterfelde 1, Steinſtraße 80; Fernruf: Lichterfelde 3931 
at 1926. 
Nummer 1 
WESER EIT NOTRE ECH BUN VIEH EUER 
-- Wirt» 
ſchaftliche Sragen« == Deutſcher Lehrerverein, == Verſchiedenes. == Anzeigen: 
Ein neues Jahr. 
Yon I Ce w 5, 
Wir keinen Menſchen teilen alles Ganze in kleine StüFe 
und meſſen alles Große mit kleinem Maßſtab. So iſt uns alles, 
was von Natur ganz und groß iſt; geteilt und klein. Wie 
wir ſelbſt es ſind. Mir beanügen uns nirgends mit dem Ganzen. 
Mit unſerm zerlegenden und zerſetzenden Verſtande und mit 
äußeren Mitteln des Meſſens, Wägens und Schäkens machen 
"wir laüter Stücke daraus, und wenn uns das gelungen iſt, 
wie es dem Kinde gelingt, ſein Spielzeug zu zerſtören, dann 
mühen wir uns ab, aus den Trümmern, Stüen und Teilen 
„wieder ein Ganzes zu machen. Aber es geht uns wiederum 
wie dem Kinde: Das Zuſammenfügen, der Aufbau iſt ſchwierig 
und gelingt, wenn überhaupt, erſt nach unendlichen Mühen. 
And" do Haben wir keinen andern Weg, das Große 
umd Gänze zu meiſtern, Wir müſſen es zerſchlagen, zerkleinern; 
ehe wir aus den Brocken ein Neues; zwar zunächſt Flein, 
dürftig, unvollkommen; aufzubauen vermögen. Aber raſtlos 
Fortgeſekt, kommen wir dahin, aus den dürftigen Anfängen 
allmählich ein Größeres und einſt vielleicht ſogar ein Großes 
zu ſhaffen. Don der Hoffnungsloſigkeit, der der größe Natur- 
Forſcher und Dichter Albrecht von Haller: vor 200 Jahren in 
dom bekannten Worte Ausdru> gab: ; 
„Ins Innere der Natur dringt kein erſchaffner Geiſt; 
Zu glücklicl, wem ſie noh die äußre Schale weiſt“; 
der ſchon “Goethe Heftig widerſprochen hat, ſind wir heute 
ſehr weit entfernt; trozdem wir aud) jekt nicht viel mehr als 
die äußere Schale - kennen. Aber von dieſer wiſſen wir 
doh ſchon mehr und in ihr wirken wir ſchon in einem 
Maße, ſie meiſternd und nußend, daß unſere Großväter, wenn 
ſie Heute wieder aufſtünden, vor einer Welt unerhörter Wunder 
ttohon würden, an die ihre verwegenſten Geiſter- und Spuk- 
geſchichten nicht entfernt heranreichten. Und wir bohren uns 
tiefer in die Schale ein, immer neue Wunder entde>end und 
zimmer Meues aufbauend - aus den Teilen und Trümmern, im 
die wir auch jeht noch mit Kinderhand alles Große zerſchlagen. 
Ein Naturforſcher vom Range eines Du Bois-Neymond 
würde deſſen 1872 geſprochenes Jonorabimus == wir werden 
es nie wiſſen == heute nicht mehr wiederholen. Nur „Hleine 
Teuts glauben nicht an das „Land der unbegrenzten Mögalich- 
-- eiten“ in der Welt des Geiſtes. 
- wir von dieſem Lande einen ſtarken Schimmer geſehen haben, 
- zind weil wir faſt Tag für Tag ein neues Stück davon ſelzen. 
- Man ſchlage ein Jahrbuch der Erfindungen und EntdeXungen, 
„zin techniſches und naturwiſſenſchaftliches Buh von heute auf, 
„und lege eines daneben, das vor 30, .50- oder 60 und 
70 Jahren erſchienen iſt. Man blättere beide durch, und 
wenn man ein alter Menſch iſt, jo mag man ſich erinnern, 
was man in ſeiner Jugend als neueſten Stand des Natur- 
erkennens und. der Naturbezwingung gelernt hat = zwei 
- Welten, die weltenweit auseinander liegen. 7 : 
> Warum“ ich daran hier erinnere? Es hat manderlei 
Gründe. Zunächſt den, daß wir alle wieder friſcher, froher, 
„hoffnungsreicher in die Welt ſchauen und friſcher, froher, Doff- 
„nungzreicher arbeiten und ſchaffen möchten. Es liegt vor jo 
vielen Blicken heute eine graue, troſtloſe Welt, die das Gemüt 
„verdüſtert und die beſten Kräfte lähmt. Unſere Seelen trägen 
Houte faſt alle ein graues Kleid, - das Kleid eines farb- und 
ffnungsloſen Alltags, eines Alltags, der doch kein rechter 
ZE 
"Floſſenen Zeit. 
Wir andern glauben, weil - 
We rEtag iſt. Liebe Hoffnungen ſind vernichtet, Vorſtellungen, 
mit denen wir im Innerſten unſeres ſeeliſchen Seins verbunden 
waren, ſind zerſtört == und über dem Verlorenen ſehen wir 
nicht, was uns geblieben, und auch nicht, was uns ſtetig 
zuwächſt. Wir ſchauen zu viel zurück und zu wenig vorwärts. 
Soll man überhaupt zurüFſchauen? Es hat 
keinen Sinn, dieſe Srage zu beantworten. Sie "iſt beantwortet, 
ohne uns, von der Natur ſelbſt. Die Jugend Fonnt Feine Rück- 
ſchau. Aber nach und nach wendet der Menjh ſein Untlik, 
nach und nach, zuerſt ein wenig, dann ganz zur Seite, ſo daß 
er von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft etwas ſieht. 
Und das iſt gut. Aber dann dreht er ſich vollends um und 
ſieht nur noh, was vergangen iſt, aber nicht mit dem un- 
getrübten leiblichen Auge, das vom Verſtande gelenkt wird, 
jondern beſtimmt von den ſeeliſchen EindrüFen einer ver- 
Schließlich wird alles “Erinnerung, die Yer- 
gangenes im grünen oder goldenen Cichte fälſcht. Und dieſe 
Greiſenweltan]|chauung tragen Heute ſo viele mit“ ſich herum, 
von denen man meinen könnte, daß ſie noh in den Tagen 
der Roſen wären. Weg damit! Die Augen auf auch für das, 
was wird, und in 
verloren ging, 
aber vielleicht größer 
was noh iſt, was geworden iſt, 
ſtillen Stunden auch für das, was 
aber, wenn auch nicht ſo, wie es war, 
und ſchöner, auch wiederkehren fann. iN 
Die Geſchichte, die recht vielen nur das Wiſſen von . 
dem Geſhehenen, dem Geweſenen, der Vergan- 
genheit iſt, ſoll eine gute Cehrerin ſein. Goethe meint frei- 
Lich, „die Geſchichte, ſelbſt die beſte“, Habe „immer etwas 
Loichenhaftes, den Geruch. der Totengruft“. „Soll aber und 
muß Geſchichte ſein, ſo kann der Biograph ſich um ſie ein 
großes Verdienſt erwerben, daß er ihr das Lebendige, das 
fich ihren Augen entzieht, aufbewahren und mitteilen mag.“ 
Dann wird durch ſie auch „das Beſte, was wir von der 
Geſchichte Haben, der Enthuſiasmus, den ſie erregt“, erwet 
werden, Hoffnungsfreude, Cebensbejahung. Denn alle Der- 
gangenheit, vom Auge des Lebenden geſchaut, iſt Werden 
und Vergehen. Das Werden ſtimmt frühlingsfroh, das 
Vergehen herbſtestrübe. Muß das ſein? Liegt in der Menſch- - 
weitsgeſchichte -auch Frühling und Herbſt nacheinander wie im 
Jahreswechſel ?. Doch nur ſehr bedingt. Unter, hinter und 
neben dem Vergehen ſteht immer ein neues Werden, 
es iſy eine ewige Kette, und an ihr jehen wir doch, zuerſt 
mühſam und langſam, dann ſchneller und immer ſchneller die 
Menſchheit ſich emporſchwingen. Nitögen wir die verſunkenen 
Welten noch ſo goldig uns ausmalen, wenn wir ſie mit unſern 
Maßen meſſen, ſo bleiben ſie doh in allem Weſentlichew 
tief, tief unter uns, j =. 
Dor Erdenkloß Hat ſich ſchwer von der Mutter “Erde 
gelöſt. Anch! heute und vielleicht für alle Ewigkeit bleibt 
er mit ihr verbunden. Aber die Feſſeln ſind loſer als je. 
Immer größer werden die Mittel, mit denen er auf, in und 
über ihr ſchaltet und waltet, und wenn er einſt auch den 
Erdenreſt in ſich überwunden Haben wird, dann, ja dann 
werden alle Vergangenheiten als graues Mebelland unter 
den ſonnigen Lichtländern liegen. LE EI 
Und ſollten wir. zur Zeit im „Finſtern Tale“' wandern, 
jollte unſere Zeit vielen mehr als eine Zeit des Vergehens 
als des Werdens erſcheinen, ſie täuſchen ſich ganz gewiß, 
ſie ſehen mit dem Aug? des Greiſes und nicht mit dem des 

	        

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