Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung : pädagogische Zeitung ; Hauptblatt des Deutschen Lehrervereins. - 55.1926, [1. Halbjahr] (55.1926, [1. Halbjahr])

WUEREINE PEI IDEN 
a EASE WEIN I9 M8 WABEN 8 A REIEERE EEE 
Allgem 
eine Deutſche Lehrerzeifung 
- Serausgegeben vom Deutſchen Sehrerverein 
. .. DVetrlag und Geſcäflsſtelle: -Verlin C 25, Kurze Straße 3/5; Fernruf: Alerander 498 
Verantwortlicher Schriftleiter: Geo Raeppel, Berlin-Lichterfelde 1, Steinſtraße 80; Fernruf: Lichterfelde 3931 
55. Jahrgang 
ITnha lt: Pädagogiſche Akademie und Yolksbildung. = Wie wir.un 
ſchau. =- Wirtſchaftliche Sragen. == 
Schulrecht Ur: 4“. 
-Betlin, dei 29. April 1926 
ere Schülanfänger empfangen haben. =- Oſterverſammtlungen. =- Rundr 
EEE EINEIN NE IETI EIN EIN ENIE DEINEN NEITHER "ZER 
Nummer 17 
Deutſcher Lehrerverein. -=- Verſchiedenes, == Anzeigen. == Als Beilage: „Slätter fü- 
Pädagogiſche Akademie und Volksbildung, 
Alfred Rath man n, Berlin. - 
Wenn Heute der Name der „Pädagogiſchen Akademie“ 
in aller Munde iſt; ſo werden die wenigſten vermuten „(und 
. Ben Akiba hat wieder einmal recht), daß es in, Deutſchland 
ſchon vor 150 Jahren eine „Sdullehrerafademie“ gab! Der 
Kurfürſt von Mainz, Emmerich Joſeph (1763--74), errichtete, 
um das. Schulweſen zu heben, laut eines kurfürſtlichen Erlaſſes 
vom 28. Dezember 1770 zu Mainz eine „Scullehrerafademie“. 
Die Leitung der Anſtalt übernahm der „Kurfürſtlich Main-, 
zeriſche Hofgerichtsrat“ Prof. Dr. Johann JoſepH Friedrich 
Steigenteſch; zum Lehrer der Mathematik wurde berufen der 
iJngenieurmajor Eickemeyer, der ſich ſpäter als franzöſiſcher 
General ausgezeichnet hat. Die Akademie wurde 374 eröffnet 
und nahm eine Reihe von „Studierenden auf Grund einer 
Prüfung auf. In zwei Kurſen konnte ſie in den folgenden 
Jahren eine Anzahl Lehrer ausbilden. Leider ging die mit 
großen Hoffnungen ins Leben gerufene Akademie mit dem 
Tode des Kurfürſten 1774 wieder ein. 
Die neue Lehrerbildung hat die alte längſt vergeſſene 
Einrichtung in neu verjüngter Form wieder erſtehen laſſen: 
Die Heſſiſche Regierung hat Oſtern vorigen Jahres in Mainz 
ein Pädagogiſches Inſtitut für die akademiſche Aus- 
bildung der Volksſchullehrer errichtet, das . wie das „Päd- 
agogiſche Inſtitut“ in Darmſtadt (ſ. Techniſche Hochſchule zu 
Darmſtadt, Heft 5, S. 256) ebenfalls der Techniſchen Hoch- 
ſchule Darmſtadt angegliedert iſt. Wicht nur die Yolksſchule 
„und die „Lehrerſchaft, ſondern auch die Pädagogif als Wiſſen- 
ſchaft ſehen mit großen Hoffnungen der Errichtung von „Päd- 
agogiſchen Akademien“ (Inſtituten) entgegen, die gleichzeitig 
in organiſcher Verbindung mit der Hochſchule bleiben und ſo 
als neueſte Träger der modernen Wiſſehſchaft der ſyſtematiſchen 
Pädagogik begrüßt werden können. 
Nach der „Denkſchrift zur Neugeſtaltung der Lehrerbildung 
in Heſſen (Verlag G. Braun, Rarlsruhe), von Erich Feldmann 
und Hans Hoffmann =- zu urteilen, kann die pädagogiſche 
Oeffentlichfeit' erwartungsvoll dem Verſuch einer ſyſtemati- 
ſchen Löſung des Probloms' der akademiſchen Lehrerbildung 
entgegenſehen. Uns Volksſchullehrer muß beſonders das Be- 
Fenntnis der Verfaſſer der Denkſchrift und ſomit auch der 
Regierung intereſſieren, „warum der Volksſchullehrer zu der 
gleichen Berufstätigkeit zum erzielenden Unterricht, nicht in 
ähnlicher Weiſe vorgebildet werden ſoll wie der Lehrer an 
höheren: Schulen? Jſt der Staat nicht der Förderer des ge- 
ſamten Erziehungswoſens im Jntereſſe des ganzen Volkes? 
Und hat er nicht für alle Stände gleich fähige Organe der 
Erziehung heranzubilden? Nuß nicht gerade das einfache, 
leider häufig anch ohne Schuld der Eltern ſtark vernach- 
läſſigte Kind aus dem Volke mit ebenſolcher Sachkenntnis 
behandelt werden wie der höhere Schüler?“ == 
Wenn uns an der Bildung unſeres Volfes etwas liegt, 
muß unſere vornehmſte Aufgabe in Zukunft darin beſtehen, 
doch endlich einmal Ernſt zu machen und unſere Bildung in 
DAs VOIT, 0. M 18.808 Arbeitsbevölkerung Hineinzutragen. 
Wenn es bisher nicht in dem Maße geſchehen iſt, 'wie wir 
es uns erträumt Hatten, da die Yolfshochſchulen ins Leben 
kamen, ſo liegt dies vor allem daran, daß man den Zuhörer 
nicht mit der Koſt der echten unverfälſchten Wiſſenſchaftlichkeit 
ſättigte (d. 1). in ſeine Seele Keime hineintrug und durch 
freies Schaffen förderte, ſeinen Geiſt“ lehrte auf Zuſammen- 
 
 
Hänge zu achten, geiſtige Regſamkeit erzeugke u. a.), ſondern 
ihm in der Regel 'mit zuſammengetragenem Wiſſen fütterte 
und damit nur Halbwiſſen und Dünkel 'großzog. Da der 
“Sehler an der pädagogiſchen Inſtitution lag, die für unſere 
fortſchrittraſende Zeit der Technik ſich längſt überlebt hatte, 
ſo wird mir niemand mit dem Vorwurf "begegnen, ich hätte 
dadurch meinen eigenen Stand herabſeßen wollen. Im Ge- 
geüteil: Troß der Mängel der Ausbildung ſind unzählige 
unſerer Standesgenöſſen zu berufenen „Kulturträgern“ in Dorf 
und Kleinſtadt geworden, weil ſie ihre geiſtige Not rechtzeitig 
erkannten und =- ſich der Mittel bedienten, die ſie zu rechten 
„Dolkslehrern“ adelten. Die heutige Zeit fordert jedoch -ge- 
bieteriſch, daß ſämtliche „Volksſchullehrer“ auch „Volfs- 
lehrer“ im wahren Sinne des Wortes werden und ſie ſchon 
bei ihrer 'Ausbildung "das ' nötige Rüſtzeug bekommen. Die 
Eignung zum Erzieher iſt angeboren, und der junge Menſch, 
der inzwiſchen 18--20 Jahre alt geworden iſt, wird in der, 
Regel in dieſem Alter bei erkannter Nichteignung ſ<werlich 
den dornenvollen Weg des Erziehers beſchreiten, wo ihm 
viele andere geeignete Bahnen offenſtehen. Zu dieſem Vorteil 
der (einigermaßen) richtigen Standeswahl muß -ſich eine Ein- 
richtung geſellen, welche die unbedingte Gewähr bietet: Wahr- 
Haft gebildete Lehrer als die gegebenen Vermittler der Kultur 
ins Leben hinauszuſchicken. Darum erſcheint mir die „Päd- 
agogiſche Akademie“ (das „Pädagogiſche Inſtitut“) als die 
wichtigſte Einrichtung unſerer Yolksbildung, welche die denk- 
bar beſten Kräfte in ſich bergen muß. Die Akademie 
braucht Führer mit rechten Führeveigenſchaften, ſie braucht 
Männer, die aus den neuen Erfahrungen auch den neuen. Geiſt 
gewinnen, Menſchen, die ſich mit höchſtem Ernſte ſelber ev- 
ziehen, bei gründlicher Sachkenntnis und umfaſſen der Geiſtes- 
ſchau! Die richtige Löſung der Dozentenfrage iſt das Problem 
der Akademie! Es muß eine Luſt ſein, an einem Inſtitut zu 
arbeiten, wo die Dozenten die nötige Befähigung und , die 
Hörer die nötigen. Yorausſezungen beſitzen. Derart ausge- 
bildete Lehrer werden die. Fähigkeit beweiſen und die Bildung 
des Volkes fördern, in der Schule durch einen lebensvollen 
Unterricht ind keine bloße Wiſſensanhäufung, im bürger- 
“* lichen Leben durch echtes Führertum: Menſchen, die die Welt 
neu denken, das Leben neu erleben, Männer, die zwar den 
Intereſſen der einzelnen Gruppen dienen, aber von ihrem 
Maſſendenken (Suggeſtionen) ſich befreien. 
Hat fich im Laufe der Zeit auf dieſe Weiſe planmäßig 
ein Stamm. von Dozenten herangebildet und haben die Aka- 
demien ihre „Yolksbildner“ als ;,Salz der Erde“ dem VYolks- 
ganzen eingegliedert, ſo iſt uns um die Volksbildung nicht 
bange. Wir werden zwar ihr nach außen unſcheinbares Wirken 
(mit je weniger Geräuſch, deſto beſſer, darum bin ich ſo 
ſfeptiſch und betrübt, wenn ich von „Unterricht5erfolgen“ höre) 
nicht abwägen und meſſen können, aber dem ſpäteren Geſchlecht 
wird es vorbehalten bleiben, die ſtille Arbeit am Menſchen- .* 
tum zu würdigen. 
- Das Pädagogiſche Inſtitut»-4 Nainz ſteht zur Techniſchen 
Hochſchule Darmſtadt im gleichä- Verhältnis wie das bisher 
nach einem andern Organiſationsplan arbeitende Darmſtädter 
„Pädagogiſche Inſtitut“, welches aus dem alten „Pädagogi- 
ſchen Kurſus“ Darmſtadt hervorgegangen iſt. Die Direktoren 
beider Jnſtitute ſollen dem Lehrkörper der Tedniſchen Hoch-' 

	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.