Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung : pädagogische Zeitung ; Hauptblatt des Deutschen Lehrervereins. - 55.1926, [1. Halbjahr] (55.1926, [1. Halbjahr])

ALE HSerausgegeben vom Deutſchen Gehrerverein- 
- Verlag und Geſchäflsſielle: Verlin € 25, Kurze Strafe 3/53 Fernruſ: Alexander 498 
Verantwortlicher Schriftleiter: 
55. Jahrgang 
Gartenverſuch. -- Der Deutſche 
lungen. =- Rundſchau. =- Wirtſchaftliche Fragen. = Deutſcher Cehrerverein, == Verſchiedenes. = Anzeigen. =- 
Beilage : „Jugendſchriften-Warte“ Ur. 4. 
Ges Raeppel, Berlin-Lichterfelde 4, Steinſtraße 80; Fernruf: Lichterfelde 3934 
Berlin, den 6. Mai 1926 
jFnhalt: Aus der Schulpolitik in Medlenburg-Schwerin vor and. nach..dem Kriege. 
Cehrerverein auf der Engliſchen Sehrerverſammlung in Portsmouth. -- Ojſterverſamm= 
wa 
Nummer 18 
-- Der Einquadratmeter =- Feld- und“ 
Als 
Aus der Schulpolitik in Meklenburg-Schwerin vor und na< dem Kriege, 
1 Die ſchulpolitiſchen Vorgänge in dieſem Lande ſind immer 
'Geſonderer Beachtung wert, weil es ſtaatlich, wirtſchaftspolitiſch 
und Futurpolitiſch ſeit vielen Jahrzehnten ein Land der 
„umbegrenzten Möglichkeiten geweſen iſt und dieſe Rolle allem 
"Anſchein nach auch heute noch getreu der Neberlieferung 
weiter zu ſpielen gedenkt. ! 
Nicht alles war und iſt ſchlecht, was MeXlenburg kultur- 
"politiſch aufzuweiſen hat. Es gab, um nur Einiges anzudeuten, 
"im Ständeſyſtem, das auf. dem Gebiet der Schule erſt 1920 be- 
ſeitigt worden iſt, ſelbſt im Gebiet des ritterſchaftlichen Staats- 
teils Muſterſchulen. Im Domanium, dem eigentlichen Gebiet der - 
Candesregierung und „verwaltung waren die Lehrer bereits 
lange vor dem Kriege in Wirklichkeit Candesbeamte und die 
Squlen eine Art Staatsſchule. Und im dritten, ſelbſtändigen 
Staatsteil, in den Städten, wonigſtens in den größeren, ſtanden 
die Lehrer wirtſchaftlich den anßermecklenburgiſchen Standes- 
genoſſen nicht nach. Es gab Stadtverwaltungen, die noch 
für heute Vorbildliches für Hebung der Volksſchule geleiſtet 
haben. Darum war es nie ganz richtig, wenn früher allge- 
'mein das mieclenburgiſche Yolksſchulweſen als ein Reſt 
Mittelalter - bezeichnet wurde. In Wirklichkeit ſtellten die 
necklenburgiſchen Volksſchulen ein Moſaik dar, aus Steinchen 
vorſHiedenſter Art und Güte zuſammengeſeßt, in dem freilich 
das alte, morſche Material überwog. NE | 
. Der ſtändiſche Candtag allerdings, beſtehend aus den 
„HGeiden Ständen Ritterſchaft (etwa 700 Gutsbeſiter) und 
-Candſchaft (42 Bürgermeiſter der Städte), hat während ſeiner 
langen Lebenszeit von 1795 bis 1919 nie ein die Volksſchule 
nd die Yolksbildung förderndes Geſet .aus eigenem An 5 
' triebe zuſtande gebracht und iſt nie für eine auch nur einiger- 
maßen zeitgemäße und angemeſſene wirtſHaftliche und geſell 
ſchaftliche Stellung der volksſchullehrer eingetreten. Der aus? 
ſchlaggebende Teil der Gutsdeſikzer im ſtändiſchen Candtage 
Hat vielmehr ſtets jeden Verſuch zur Entwickelung der Volks- 
' Fchnle und zur Förderung der Yolksbildung aufs heftigſte be- 
kämpft und dabei ſehr oft durch Wort und Tat den Lehrern 
ſeine Geringſchäßung ausgedrüt. Ohne Ausnahme gehörte 
dieſer Teil der Gutsbeſißer zu den Konſervativen und zählt 
Heute zur Dentſchnationalen Volkspartei, Es ſteht ſomit feſt, 
„daß die ausgeſprochenen Gegner ver Yolksbildung in Mecklen- 
burg-Schwerin in der Deoutſchnationalen Volks- 
partei ſiken. Damit ſoll nickt geſagt ſein, daß dieſe volks- 
bildungsfeindliche Einſtellung immer ſchlechtem Willen ent- 
ſpringen muß, ſie kann auch unbewußt aus einer beſonderen 
Woltanſchauung hervorgehen. Die ſchulpolitiſch rückſchrittlichſte 
Gruppe innerhalb der Partei bildet der Landbund, ſoweit er 
von den Anhängern ehemaliger Großgrundbeſitzerſchulpolitik 
geführt wird. (Vgl. die von dieſen Kreiſen ausgearbeitete 
vertrauliche Denkſchrift, veröffentlicht in Nr. 46 der M2,D: 859 
Wie die Ergebniſſe. der im Noventber ſtattgehabten Wahlen 
zur Candwirtſchaftskammer zeigen, haben die. Landwirte mit 
mittlerem und kleinerem Beſiß- ſic? zum. großen Teil dem 
Kandbund abgewandt und dem Bauernbund angeſchloſſen. 
ie dieſer ſich - zu Schulfragen ſtellt, bleibt ':abzuwarten. 
[Jedenfalls vücken bereits weite Kreiſe ab von der Politik 
der Landbundführer. Er hat dadurch an Stoßkraft. verloren, 
befindet ſich übrigens auch bekanntlich ſeit längerer Zeit in 
Geldſchwierigkeiten. Um ſo mehr iſt die Kühnheit zu. bewun- 
dotn, mit der die Führer durch Dentſchriften und andere 
 
Mittel, ja ſogar durch Drohungen Einfluß bei der Regieruita 
zu gewinnen verſuchen. Wie weit ihmen dies gelungen iſt, 
läßt ſich nicht. feſtſtellen. Dor der Öffentlichkeit ſchüttelt die 
Regierung ſie ab. Landtagsabgeordnete, 'die etwas tiefer 
bliken, können an dieſe Gegenſäte nicht recht gläuben. - Sd. , 
weit es. ſich um die Yolksſchu.e und um Volksbildungsfragen , 
handelt, läßt ſich unſchwer eine gewiſſe Ähnlichkeit in der 
Praxis der jekigen Deutſ«nationalen mit der altſtändiſch 
ritterſchaftlichen erkennen. Statt die Yolksſchule im Volke 
beliebt zu machen, haben ſie in Preſſe und Parlament, mehr 
als nötig war, auf die hohen Summen des Haushalts für 
die Shullaſten hingewieſen. Die Gefahr, daß auf dieſe und 
ähnliche Weiſe die Volksſchule nicht vorwärts, ſondern rück- 
wärts, nicht aufwärts, ſondern abwärts geführt wird, iſt ſicher 
nicht von der Hand zu weiſen. Und fo liegt hier. die Anſicht 
nahe, daß dieſe Richtung die Volksſchu!e und VYolksſchullehrer 
nicht hoch kommen laſſen und von einer Hebung der. Maſſen. | 
durch Hebung der Volksſchule nichts wiſſen will. 
Die bereits erwähnte Denkſchrift iſt ſo nichts anderes 
als“ die Fortſezung der von der früheren Ritterſchaft bez 
liebten Schulpolitik. Die Herren fordern Rückkehr zu der 
früheren ſparſamen Wirtſchaft, unterlaſſen aber zu erwähnen, 
"daß früher der Großgrundbeſißer in Mecklenburg 'auf Koſten 
"der anderen Berufskreiſe Yorteile Hatten, die ſogar“ die Ver- 
'mögenden unter ihnen durch die Kloſtereinkünfte und die. eigen 
artigen Steuergefete 
? zu Staatspenſionären machten. Die 
Yolksſchullehrer kommen bei den Denkſchriftverfaſſern und 
ihren Freunden beſonders ſchlecht weg. Die Volksſchul- 
lehrer allein von allen Beamtengruppen ſollen zurückgeſtuft 
werden 'im Gehalt, denn ſie ſind nach" der Revolution am 
meiſten“ aufgebeſſert. Dieſe Begründung ſpricht Bände. Wenn 
man will, knan man aus ihr die ganze Verderblichkeit und 
Erbärmlichkeit "der ſtändiſchen Schulpolitik - herausleſen. 
Wohlan, wenn die Sparpolitiker dieſe Geiſter hervorrufen, 
'ſo woklen wir ihnen zu Hilfe kommen: Alſo, es ſtimmt, daß 
die ritterſchaftlichen Lehrer in Medlenburg jet mehr Ge- 
halt kriegen. als vor dem Kriege. Nur „ſollten die Spar-“ 
berater gerechterweiſe dabei nicht verſchweigen, daß die Ritter 
ihren Lehrern noch im Jahre 1915 ein Bargehalt von höchſtens 
1400 Mark zugebilligt haben, und daß dieſe Summe 
noh lange nicht die. Hälfte von dem Durchſchnitts- 
endgebhalt der Lehrer in allen anderen deutſchen Ländern 
betragen hat. “Wollen die heutigen, Deutſchnationalen dieſen 
ruhmvollen Abſchnitt der 'Geſchichte wiederholen? Deutſch- 
national nennen ſich die Verfaſſer einer Denkſchrift, in der 
ohne Frage eine gewiſſe Sehnſucht nac Wiederkehr ſolcher 
früheren Schulverhältniſſe zum. Ansdru>X kommt. Nicht nur 
die Forderung der Zurückſtufung beweiſt das, ſondern auch 
vas "Verlangen ' nach. anderer “Regelung der Sdqul 
läſten. (Mit. dieſer Frage haben ſich übrigens früher die 
Konſervativen aller deutſchen Bundesſtaaten mit Yorliebe 
befaßt.) Die Gemeinden ſollen mehr. Laſten tragen. Für 
das Gebiet der, früheren Ritterſchaft kommt das nicht in 
Betracht, da ſchon jekt die Gutsherren die Naturalien zu 
liefern haben. Alſo Wiederauslieferung der Schulen“ an. die 
Gemeinden -iſt der tiefere Sinn der Forderung. Die Laſten, 
mit denen ſicher den Stadtvoerwaltungen und Gemeinden nicht 
gedient iſt, ſollen ia in Wirklichkeit auch nur der Köder ſeit. 

	        

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