Full text: Allgemeine deutsche Lehrerzeitung : pädagogische Zeitung ; Hauptblatt des Deutschen Lehrervereins. - 55.1926, [1. Halbjahr] (55.1926, [1. Halbjahr])

Allg 
- Verlag und Geſchäftsſtelle: 
Verantwortlicher Schriftleiter: 
j 55. Jahrgang 
Inh alt; Zur Problematik des Begriffs der Bildung. 
Ferienkurſe im Ausland 1926. =- Oſjterverſammlungen, = 
Verſchiedenes. = Anzeigen. 
pmmeine Deutſche Lehrerzeifung 
Herausgegeben vom Deutſchen Cehrerverein 
Lerlin € 25, Kurze Siraße 3/5; Fernruf: Alexander 498 
Leo Raeppel, Berlin-Lichterfelde 1, Steinſtraße 80; Fernruf: Lichterfelde 3931 
Berlin, den 13. Mai 1926 
= Veich und Schule. = Graf Franz Pocci als Bünſtler und Jugenddichter. =- 
== Rundſchau. = Wirtſchaſtliche Fragen. == Deutſcher Lehrerverein. = 
Nummer 19 
Zur Problematik des Begriffs der Bildung, 
von Wilhelm Sünkel, 
oin Philoſoph unſerer Tage, ſagt ein- 
mit der Wahrheit nicht anders als mit 
Liebe und Ehe: ſie werden unwahr, wenn ſie nicht immer 
wieder von friſchem zum Erlebnis werden. Nur der Gedanken- 
wandel, der Verzicht auf dauernde Begriffe verbürgt das 
Erfaſſen des Weſens.“ 
| Für den modernen geiſtigen Menſchen hat dieſe Behauptung 
nichts Auffälliges. Sie enthält Geiſt von ſeinem Geiſt. Selten 
wird. er ſich darum der praktiſchen Forderung bewußt, die 
ſich aus der Behauptung von der Velativität alles begriff- 
lichen Erfennens ergibt: erfenntnistlyeoretiſcher Relativismus 
erhoiſcht als Anfang, Mitte und Ende jeder geiſtigen Beſchäf- 
tigung beſtändige Erkeonntniskritik. ; 
Hieraus erklärt ſich die faſt bis zur 
geſteigerte Spannung des Dentens, die uns am 
philoſophiſchen Schriftſteller auffällt. Als echteſtes 
ſpiel mag Otto Slate gelten. 
Die mr relative Gültigkeit begrifflicher Erkenntnis iſt 
zu verſtehen aus der Widerſeßlichkeit zwiſchen Form und Ceben. 
Einen Begriff machen wir uns zu eigen, indem: wir 
ihn. definieren, - d: Hh. „inden wir ihn gegen andere Begriffe 
abgrenzen. | Grenzſezung aber iſt in der Sphäre des Gei- 
ſtigen genau wie auf der Ebene des Räumlichen zugleich 
'Soxmaebung. Begriffliche 
Paul Feldkeller, 
mal: „Iſt es do 
Krampfhaftigkeit 
modernen 
Bei- 
Erfonntnis iſt alſo in begreifliche 
iForm geprägter Erkenntnisinhalt. Fig 
Erfenntnisinhalt, ganz allgemein geſprochen, iſt das Leben. 
als ein ewiger Sluß, als ein 
ainaufhlörlich ſich Aenderndes dar; Leben als ſolches iſt nur 
Horgang. Wir können nicht zweimal in denſelben Sluß 
ſteigen, denn immer neue Gewäſſer fließen ihm zu.“ Dies 
Cieblingsgleichnis -Heraklits bat hier ſeinen Plaß. ) 
| - Form dagegen kann ſich nicht ändern. Sie iſt das „zeitlos 
Invariable“, wie G. 
Starre's 
Man kann ſich das vordeutlichen an einem geometriſchen 
Bilde: wenn wir ein Rechte> durch allmähliche Verſchie 
bung der Seiten zueinander in ein ſchiefwinkliges Parallelo- 
gramm verwandeln, ſo iſt die Form der Figur in jedem Augen- 
blick, in dem wir ſie anſchauend' und meſſend erfaſſen, von 
der anderer Zeitpunkte durchaus verſchieden. Jedes Parallel3- 
gramm beſtimmter Winkelmeſſung gilt nur für ſich, ſteht in 
abſoluter Einzigkeit da und hat mit den anderer“ möglichen 
Winkelarößen nichts zu tun. ; 
“.- Swiſchen Form und Leben beſteht alſo woſenhaft ſchärfſte 
Widorſeklichkeit: Form iſt ſtarr und beharrlich, Leben bewegt 
und fortſchreitend; Geſeß der Form iſt Erhaltung, Geſeß des 
Lebens iſt Entwickelung. UN 
* "Dieſe metaphyſiſche Widerſtrittigkeit hindert nicht, daß auf 
der Ebene des Wirklichen Form und Leben in enger Wechſel- 
wirkung ſtehen. Sie ſind aufeinander angewieſen. Form als 
reine Form, d. hh. ohne ein Etwas, das geformt ſei, gibt 
es nirgends in der wirklichen Welt, wie andererſeits Leben 
ſich nur äußern kann, indem es beſtimmte Formungen eingeht, 
an denen es ſeine Verwirklichung findet, ſei es im Reich 
der körperlhaften Erſcheinungen, ſei es in .der Welt 
KOENUAEN 7... 53 
Coben nun ſtellt ſich uns 
des 
"Simmel es ausdrüct, iſt das „abfolut“ 
* eindeutig erfaßt werden kann, 
. eingeſchränkten 'Srage von vornherein zweifelhaft er 
 
Troß engſten Aufeinanderangewieſenſeins in der Welt des 
Wirklichen verleugnet ſich die naturgegebene Gegenſäßlichfeit 
zwiſchen Leben und Form koineswegs. Sie tritt als Kampf, 
als ewiger Widerſtreit des Lebens gegen ſeine eigenen Geſtal- 
tungen in die Erſcheinung. Dieſer Kampf, der meiſtens im 
Verborgenen ſich austrägt und nur ſelten, wenn die Spannung 
größer, ausbrechend „in Revolutionen ſich entlädt, iſt not- 
wendige Folge jeder Lebensäußerung. ' 
Auch auf dem Gebiet der Wiſſenſchaft. Denn das Stück 
Coben, das wir das wiſſenſchaftliche nennen, tritt ja ebenfalls 
nur in Erſcheinung, indem es in begriffliche Formen eingeht. 
Und es mag ſein, daß ein Begriffsſyſtem zu ſeiner Zeit voll 
und ganz Unterſchlupf bietet für das geſamte wiſſenſchaftliche 
Coben ſeiner Zeit. Doch ſchon im nächſten Augenblick kann eine 
neue Erkenntnis din ſolches eben noh ſo treffliches Syſtem 
ſtürzen und ihm den Stempel der Vergangenheit aufdrücken. 
Die nur relative Gültigkeit aller begrifflichen Feſtle- 
gungen = das iſt das Ergebnis unſeres bisherigen Goedan- 
fenganges. ==. ſteht alſo feſt. Im boſonderen Maße trifft 
das auf kulturphiloſophiſche Begriffe wie den der Bildung 
zu, weil dieſe Begriffe nur in bezug auf ihre kulturell-inhalt- 
liche Seite zu beſtimmen ſind. ; 3 
- Eduard Sprangers Definition des Bildungsbegriffes drückt 
das alſo aus: „Bildung. iſt eine Beſchaffenheit der Seelen- 
ſtruktur, die nur durch ihre "Beziehung auf den Rulturgehalt 
einer Zeit und zuleßt auf die JZdee der Kultur überhaupt. 
beſtimmt werden kann.“ : . ' 
' Der folgende Gedankengang wird “das-. verdeutlichen: 
Wenn ich das Urteil fälle: . „Dieſer Menſch -iſt „gebildet“, ſo 
will ich damit nicht nur ein beſtimmtes Maß an Wiſſen 
und Können bei ihm feſtſtellen, ſondern vor allem ausdrüen, 
daß er einen wertvollen Zuſtand verkörpert. Bildung. iſt 
alſo ein wertbetonter Begriff. Den Wetktmaßſtab nun, den ich 
i wenn ich über ſeine Bildung 
an einen Menſchen anlege, 
etwas ausſage, liefert mir die Kultur, der ich angehöre. 
Denn unter Kultur verſtehen wir den Inbegriff aller Werte, die 
eine Zeit im geſellſchaftlichen Zuſammenarbeiten verwirklicht. 
Sprangers Definition beſagt alſo durchaus Richtiges... Der 
Begrify der Bildung läßt ſich nur beſtimmen, indem man ihn zu 
dem Kulturgehalt der jeweiligen Epoche in Beziehung ſeßt. 
Notwendige Yorausſezung dafür iſt, daß dieſer Kulturgehalt 
genauer, daß -der letzte Vert, 
eines Zeitalters letzten Endes 
dieſer Rultur zu be- 
zu dem alle Kulturbemühungen 
Hinſtreben, als die einheitliche Jdee 
ſtimmen iſt. | 
Jſt eine ſolche Beſtimmung möglich? Iſt ſie möglich, zumal 
für unſere «Seit? ' 
-' Keine Zeit hat ſich ſo ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt 
wie die unſrige. Dieſe Tatſache läßt uns die Bejahung der 
? ſcheinen. 
Denn wenn ſich die Geiſter eines Kulturkreijes auf die eigene 
Kultur, will doch ſagen, auf die eigenen Werte richten, die 
dieſe Kultur zu verwirklichen ſich bemüht, ſo beweiſt das," - 
daß man dieſen Werten gegenüber ſtußig geworden iſt. “NLS: 
geht zur Prüfung ihrer "Gültigkeit über, rüct ſie in das' 
Blickfeld des immer kritiſch verfahrenden Verſtandes. Werte" 

	        

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